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Lewis Hamilton:Endlich Sir

Freut sich darauf, mit "Sir" angesprochen zu werden: Lewis Hamilton.

(Foto: TOLGA BOZOGLU/AFP)

Die Ehrung für den siebenmaligen Formel-1-Weltmeister ist aus sportlicher Sicht überfällig. Offenbar verzögerte sie sich um ein paar Jahre, weil er in steuerlicher Sicht auffällig geworden war.

Kommentar von Philipp Schneider

Der Weg zum Rittertum war viele Jahrhunderte gepflastert mit Stolpersteinen und Entbehrungen. Bevor einer knien durfte, um den Ritterschlag zu empfangen, musste er beweisen, dass er lang genug gestanden beziehungsweise im Sattel gesessen war. Im Spätmittelalter mussten die meist männlichen Abkömmlinge adeliger Familien über einen gewissen Besitz verfügen und sich im Kampf bewähren. Schon als Kind erduldeten sie regelrechte Hundejahre als Knappe, in denen sie teilweise auf der Türschwelle ihres schlummernden Herrn nächtigten, um ihn in Sicherheit zu wiegen und notfalls zu bellen. Am Tag der Schwertleite, der offiziellen Erhebung in den Ritterstand, trugen sie ein rotes Gewand, das an die Pflicht gemahnte, für den Glauben sein Blut zu opfern, dazu schwarze Strümpfe, die an den Tod erinnerten, und einen weißen Gürtel, der zur Keuschheit anleitete.

Man darf also sagen, dass der britische König Georg V. die Voraussetzungen fürs Ritterwesen ein wenig verschlankte, als er am 4. Juni 1917 den Most Excellent Order of the British Empire aus der Taufe hob, um fortan Briten zu würdigen, die sich bedeutende Verdienste um das Land erworben hatten, obwohl sie weder Offiziere und Zivilbeamte, noch Diplomaten oder Mitglieder des Hofstaats waren. Gut, an Rennfahrer dachte King George damals noch nicht; aber mindestens ebenso wenig stiegen ihm Kameramänner, Popsänger oder ein 100-jähriger Weltkriegsveteran wie Sir Tom Moore in den Sinn, der jüngst mit einem unermüdlichen Rollator-Spendenlauf sagenhafte 33 Millionen Pfund in der Corona-Krise sammelte.

Seit Neujahr darf sich auch ein siebenmaliger Formel-1-Weltmeister Sir Lewis Hamilton nennen. Endlich, wird nun der eine oder andere sagen, der es grundsätzlich in Ordnung findet, dass Sportler überhaupt zum Knight Bachelor ernannt werden. Allein in der Formel 1 wurden vor ihm bereits Sir Jackie Stewart, Sir Stirling Moss und Sir Jack Brabham zum Ritter geschlagen. Und keiner von ihnen durfte wie Hamilton für sich reklamieren, der womöglich Beste aller Zeiten zu sein in einem global ausgetragenen Sport. Außerdem: Im Gegensatz zu Wimbledonsieger Sir Andy Murray und Nicht-Sir David Beckham hat Hamilton sich eine politische Agenda verschafft, die weit über herausragendes Tennis- und Fußballspielen sowie Heiraten von Spice Girls hinausreicht: Er ernährt sich vegan, setzt sich ein für Diversität - und ist in diesem Jahr aufgestiegen zu einem Frontmann der Black-Lives-Matter-Bewegung, der Rennfahrerkollegen und Automobilkonzerne mitreißt.

Im Gegensatz zu Murray, dem sein Ritterdasein etwas unangenehm ist und der Wert darauf legt, nicht als "Sir" angesprochen zu werden, war Hamilton vor Jahren in heller Vorfreude angesichts seiner absehbaren Ehrung. Er würde den "Sir" einfordern, sagte er nach dem Gewinn seines vierten WM-Titels. "Auch von Freunden, von allen. Ich habe Freunde, die Sirs sind - und ich spreche sie mit Sir an. Wenn ich eine Nachricht schreibe, dann schreibe ich ,Yes, Sir'."

Ob er den Sir tatsächlich mit Verve einfordern wird, dürfte spannend zu beobachten sein. In der offiziellen Ehrungs-Liste der Queen wird Hamilton geführt in der Rubrik "Übersee". Er wohnt schließlich in Monaco. Nicht, weil man dort hübsch aufs rauschende Meer blicken kann. Sondern wegen der attraktiven Einkommensteuer in Höhe von null Prozent. Die Panama Papers widmeten ihm ein unrühmliches Kapitel, weil er vier Millionen Dollar sparte, indem er einen 20 Millionen Euro teuren Privatjet nach dem Erwerb in Kanada zunächst auf die Isle of Man überführte und so die Mehrwertsteuer umflog.

Laut der Tageszeitung The Times unterhält die britische Finanzverwaltung eine schwarze Liste mit Personen, die mit umstrittenen, wenn auch offiziell legalen Methoden versuchen, ihre Steuerlast zu mindern. Diese diene dazu, das Ansehen der Verdienstorden zu schützen: "Schlechtes Steuerverhalten ist nicht mit einem Ehrenzeichen vereinbar", heißt es darin. Es wird allgemein angenommen, dass David Beckhams Ritterwürde darüber ins Wanken geriet. Bei Sir Lewis Hamilton nahm sich die Queen zumindest ein paar Jahre länger Zeit, dann ließ sie Nachsicht walten.

© SZ/klef
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