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Leichtathletik-WM: Doping:Eine Wand des Schweigens

Kurz vor der Heim-WM taucht der Vorwurf auf, ein deutscher Meister dope. Um wen handelt es sich? Stimmt die Aussage überhaupt? Der DLV bemüht sich um Klärung - bisher vergebens.

Es ist diesem hoch gewachsenen, kraftvollen Mann anzumerken, wie er körperlich unter dieser Geschichte leidet. Eike Emrich, Vizepräsident Leistungssport beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), wankt im Gespräch von einem Bein auf das andere, wirbt mit fast bittendem Blick um Zustimmung. Doch Emrich ist eben auch Professor für Sportentwicklung, Sportsoziologie und Psychologie - und insofern intellektuell in der Lage, sich bei öffentlichen Auftritten in Ironie und Sarkasmus zu flüchten. Oder spontan ausgefeilte Sätze zu formulieren, etwa diesen: "Ich weiß als Wissenschaftler, dass gesellschaftliche Normen immer auch verletzt werden. Gestatten Sie mir aber bitte dennoch den Glauben an die Redlichkeit meiner Mannschaft."

Clemens Prokop und der DLV sind bisher vergeblich den Verdächtigungen von Stefan Matschiner nachgegangen.

(Foto: Foto: ddp)

Emrich geht mit solchen Sätzen gegen den prekären Verdacht vor, dass einer seiner Läufer, ein amtierender deutscher Meister, seit Jahren vom Dopingmittelsmann Stefan Matschiner mit leistungssteigernden Mitteln versorgt wird. Das jedenfalls hat der Österreicher zuletzt in einer ARD-Reportage behauptet, was so kurz vor einer Weltmeisterschaft im eigenen Land die wohl unliebsamste Neuigkeit ist, mit der sich ein Verband herumschlagen will.

Daraufhin hat sich Emrich nach eigenem Empfinden ziemlich viel zugemutet, um diesem Vorwurf nachzugehen. Er hat sich die Telefonnummer von Stefan Matschiner besorgt, obwohl er mit solch zwielichtigen Schattenmännern des Sports eigentlich nichts zu tun haben will. Er hat auch angerufen, seinen Namen und sein Anliegen auf einer mobilen Mailbox hinterlassen, "obwohl ich normalerweise nicht mit Maschinen spreche".

Doch er arbeitet eben im Auftrag des DLV, und der Verband hat nach dem Fernsehbericht nun massives Interesse, den Namen des dopenden Athleten zu erfahren. Sofern es ihn denn gibt. "Dann könnten wir zwar nichts unternehmen, aber wir könnten zum Beispiel den Athleten mehr kontrollieren, ihn schärfer beobachten", sagt DLV-Präsident Clemens Prokop.

Matschiner rief dann am Donnerstagabend auch zurück, auf das Mobiltelefon von DLV-Mediendirektor Peter Schmitt. Das erste Gespräch sei nach Aussage Emrichs "mit rustikalem Charme" geführt und bald abgebrochen worden. Dann kam noch ein Anruf. Matschiner und Schmitt tauschten dann doch ihre Positionen aus und der DLV musste vernehmen, dass der Österreicher unter keinen Umständen bereit sei, den Athleten-Namen zu nennen. Schmitt erinnerte sich an den Satz Matschiners: "Ich bin ein kleiner Mensch und kann das große System nicht verändern."

Nach Prokops Worten wolle die ARD ebenso wenig einen Namen preisgeben. Auch nicht vertraulich. "Wir sind auf eine Wand des Schweigens getroffen", klagte Prokop, weshalb sich der DLV in einer "ohnmächtigen Situation" sieht. Es seien Aussagen getroffen worden, die juristisch nicht belangbar seien, "keiner geht hier ein Risiko ein". Doch die DLV-Verantwortlichen sehen sich bohrenden Fragen der Öffentlichkeit dazu ausgesetzt. Und müssen einen Schatten über ihrer größten Veranstaltung seit der WM 1993 in Stuttgart fürchten.

Prokop nutzt die Situation, um zum wiederholten Male die auf das "Dilemma der deutschen Sportgerichtsbarkeit" hinzuweisen. So lange es kein Delikt "Sportbetrug" gebe, könne man keine rechtsstaatlichen Mittel einsetzen. Niemand könne nun vorgeladen, niemand zu einer Aussage gezwungen werden. "Wir können nur bitten und werben."

Die DLV-Funktionäre, die sich in den vergangenen Jahren einen redlichen Namen im Anti-Dopingkampf erarbeitet haben, wissen um die Anfälligkeit ihrer Sportart, plumpe Abwehrreaktionen gegen die Behauptungen liegen ihnen nicht. Dennoch flüchten sie wohl auch aus Selbstschutz in den Glauben, dass Matschiners Vorwürfe nicht zutreffen. Dass ihre Mannschaft die Regeln einhält. "Sollte das nicht so sein, wäre es für uns alle sehr schlimm", sagt Emrich, "weil es bedeuten würde, dass selbst unter starken Kontrollen Dopingmissbrauch nicht zu verhindern wäre. Das wäre schwierig für mich zu akzeptieren."

Sollte sich der Vorwurf erhärten, stellt Emrich gar seinen Rücktritt in Aussicht. Bei diesen Worten sank dieser hoch gewachsene, kraftvolle Mann wieder ein wenig in sich zusammen.

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