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Leichtathletik-WM:Sidorowa gewinnt Stabhochsprung-Duell - Felix mit Rekord

World Athletics Championships - Doha 2019

Die Russin Sidorowa überspringt 4,95 Meter.

(Foto: REUTERS)

Stabhochsprung, Frauen: Die frühere Vize-Europameisterin Lisa Ryzih (Ludwigshafen) hat bei der Leichtathletik-WM in Doha eine Stabhochsprung-Medaille klar verpasst. Die 31-Jährige übersprang am Sonntag 4,50 m und belegte damit Rang 17 im 17-köpfigen Feld. An 4,70 m scheiterte sie dreimal. Gold ging an die "Neutrale Athletin" Anschelika Sidorowa, die sich mit 4,95 m vor Hallen-Weltmeisterin Sandi Morris (USA/4,90) und Olympiasiegerin und Titelverteidigerin Katerina Stefanidi (Griechenland/4,85) durchsetzte. Es war die erste Medaille in Doha für die unter neutraler Flagge startenden 30 russischen Athleten. Der russische Verband RUSAF ist seit November 2015 wegen des Dopingskandals ausgeschlossen.

Ryzih war mit der schlechtesten Saisonbestleistung (4,63) aller Starterinnen ins Finale gegangen, die erste WM-Medaille einer deutschen Stabhochspringerin seit dem Silber von Martina Strutz 2011 in Daegu wäre eine große Überraschung gewesen. Die seit dem Vorjahr mit einem Defibrillator springende Katharina Bauer (Leverkusen) war bereits am Freitag nach einem "Salto nullo" in der Qualifikation ausgeschieden.

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4x400-Meter, Mixed: Die USA haben die WM-Premiere in der Mixed-Staffel gewonnen. Das Team um Allyson Felix setzte sich bei den Titelkämpfen in Doha mit neuem Weltrekord nach 3:09,34 Minuten klar gegen Jamaika (3:11,78) durch. Bronze holte sich in dem Wettbewerb, der erstmals im Programm bei einer großen internationalen Meisterschaft stand, knapp dahinter Bahrain mit 3:11,82 Minuten. Die sechsmalige Olympiasiegerin Felix, die an Position zwei gelaufen war, gewann damit ihren zwölften WM-Titel, zudem holte sie in ihrer Karriere bei Weltmeisterschaften dreimal Silber und zweimal Bronze - da kann selbst ein Usain Bolt nicht mithalten, der auf elf Goldmedaillen kommt.

Nach der Geburt ihrer Tochter Camryn feierte die 33-Jährige im Juli ihr Comeback und qualifizierte sich für die Staffel der USA, es ist ihre neunte WM in Serie. Zudem kämpfte die erfolgreichste Athletin der WM-Geschichte zuletzt öffentlichkeitswirksam für Rechte von Schwangeren und damit gegen ihren einstigen Ausrüster Nike, der ihr nur einen um 70 Prozent geringeren Vertrag angeboten hatte - trotz all ihrer Erfolge. Inzwischen hat sie einen neuen Sponsor gewonnen. Die deutsche Staffel war im Vorlauf ausgeschieden.

100 Meter, Frauen: Gina Lückenkemper (Berlin) und Tatjana Pinto (Paderborn) haben bei der Leichtathletik-WM in Doha das Finale über 100 m deutlich verpasst. Die chancenlose Vize-Europameisterin Lückenkemper lief am Sonntag in ihrem Halbfinale in 11,30 Sekunden auf den achten und letzten Platz, auch die deutsche Meisterin Pinto enttäuschte als Fünfte ihres Rennens in 11,29.

"Ich hatte heute irgendwie schmerzende Beine, dann sind 100 m verdammt lang. Dass es mal ein Jahr gibt, in dem es nicht so läuft, wie ich es gerne hätte, so ist der Sport. Das muss ich akzeptieren", sagte Lückenkemper in der ARD.

Zum Einzug in den Endlauf am späten Sonntagabend (22.20 Uhr MESZ) wäre ein Platz unter den besten Zwei oder eine der beiden weiteren besten Zeiten in den drei Halbfinals nötig gewesen. Letzte Deutsche in einem WM-Finale bleibt somit Melanie Paschke als Sechste 1997 in Athen. Den stärksten Eindruck auf dem Weg in den Endlauf hinterließen die dreimalige Weltmeister Shelly-Ann Fraser-Pryce (Jamaika) mit 10,81 Sekunden sowie die britische Europameisterin Dina Asher-Smith und die Ivorerin Marie-Josee Ta Lou (beide 10,87).

Die 22 Jahre alte Lückenkemper hatte in Doha nach schwachem Start im Vorlauf in 11,29 nur mit Mühe die nächste Runde erreicht. Zwei Jahre zuvor war sie bei der WM in London noch als Schnellste aller Vorläufe in ihrer immer noch aktuellen Bestzeit von 10,95 Sekunden ins Halbfinale eingezogen, auch damals war in der Vorschlussrunde Endstation. In der laufenden Saison fehlte der Neu-Berlinerin aber nach einigen Problemen die Form für Zeiten unter elf Sekunden. Pinto (27) hatte bei ihrer zweiten Teilnahme an einem WM-Halbfinale über 100 m nach Moskau 2013, wo sie ebenfalls ausgeschieden war, große Ziele gehabt, kam aber nicht an ihre Vorlaufzeit (11,19) heran.

Nach ihrem Halbfinal-Aus am Sonntag erklärte Lückenkemper, dass "der DLV gestern offiziell Beschwerde eingereicht hat bei der IAAF wegen der Kameras, die in den Schritt filmen. Wir waren wohl nicht die einzigen, die deshalb Protest eingelegt haben." Daraufhin habe der Veranstalter "versichert, dass die Bilder in der Regie - während die Athleten in den Block gehen - geschwärzt werden."

Erst danach würden die Aufnahmen wieder gezeigt. "Und nach 24 Stunden werden die Aufnahmen komplett gelöscht. So werden wir zwar in den Schritt gefilmt, aber es bekommt keiner zu sehen und die Bilder verschwinden vom Server", sagte Lückenkemper: "Darauf müssen wir an der Stelle vertrauen."

200 Meter, Männer: Der 100-m-Weltmeister Christian Coleman verzichtet bei der Leichtathletik-WM in Doha auf einen Start über 200 m. Einen Tag nach seinem Goldlauf zog der US-Amerikaner rechtzeitig für die erste Runde am Sonntagabend (19.05 Uhr MESZ) zurück und fehlt in der Startliste. Der 23-Jährige geht damit einem Duell mit seinem Landsmann und Rivalen Noah Lyles aus dem Weg. Durch die rechtzeitige Absage entgeht Coleman möglichen Sanktionen. Die nigerianischen Mitfavoriten Divine Oduduru bei den Männern und Blessing Okagbare bei den Frauen waren dem 100-m-Vorlauf ohne Abmeldung ferngeblieben, um sich auf die 200 m und die Staffel zu konzentrieren. Die IAAF sperrte am Sonntag beide gemäß ihrer Regeln für diese Rennen.

50 Kilometer Gehen, Männer: Geher, die wie Untote durch die glühende Nacht taumeln. Marathonläuferinnen, die am Ende ihrer Kräfte in Rollstühlen kauern. Katarische Adlige und sportliche Amtsträger, die dem Ganzen auf klimatisierten Tribünen wie einem Gladiatorenkampf folgen. Die von brutaler Hitze und offensichtlicher Qual geprägten Straßenrennen der Leichtathletik-WM in Doha werden als groteskes Schauspiel in Erinnerung bleiben. Eines, das gnadenlos auf dem Rücken der Sportler ausgetragen wurde. "Da draußen haben sie uns in einen Backofen geschoben. Sie haben aus uns Meerschweinchen gemacht, Versuchstiere", sagte der französische Geher Yohann Diniz. Der 41-Jährige ist nicht irgendwer in der Szene, sondern Weltrekordler und 50-km-Weltmeister von 2017. Diniz weiß, was Leiden sind: Bei Olympia in Rio brach Diniz zusammen, er ging weiter, Magen und Darm rebellierten für jedermann sichtbar, Diniz kämpfte sich ins Ziel. In Doha aber warf der wohl härteste aller Geher nach nicht einmal 20 Kilometern das Handtuch.

Beim Frauen-Marathon, ebenfalls bei 32 Grad und 73 Prozent Luftfeuchtigkeit ausgetragen, gaben 28 von 68 Starterinnen auf, 30 Läuferinnen mussten sich in medizinische Behandlung begeben, wie der Weltverband IAAF fast schon mit zufriedenem Unterton mitteilte: "Das Medizinzentrum hat gut und effizient gearbeitet. Alle Athletinnen wurden sofort behandelt." Das klang mehr nach einem Bulletin aus einer Krisenregion als nach Sportveranstaltung. "So etwas habe ich in meiner Karriere noch nicht erlebt. Wir haben mit härtesten Bedingungen gerechnet, aber dass es so hart wird, habe ich nicht erwartet", sagte der deutsche Geher Carl Dohmann, der beim Sieg des Japaners Yusuke Suzuki Siebter wurde: "Über diesen Wettkampf wird man noch in Jahrzehnten sprechen."

Teamkollege Jonathan Hilbert (23.) sprach von einer "Grenzerfahrung". Suzuki, ein Meister seines Fachs, schleppte sich um 3.34 Uhr am Sonntagmorgen quasi auf Notstrom über die Ziellinie, die letzten zehn Kilometer hatte er abwechselnd im Renn- und im Schlurftempo zurückgelegt. "Ich komme aus der Tiefe der Hölle", sagte der WM-Dritte Evan Dunfee aus Kanada. "Es ist vier Uhr am Morgen - das ist die Zeit, um einen Nachtclub zu verlassen", meinte der Zweite Joao Vieira aus Portugal.

Die sportliche Auswertung zeigt den ganzen Irrsinn: Suzuki blieb elf Minuten über der bislang schlechtesten WM-Siegerzeit, mit 4:04:50 Stunden 31 Minuten über der Goldmarke von Diniz zwei Jahre zuvor in London. Und das im Gehen, wo die Strecken stets topfeben sind und sich nur die Bedingungen unterscheiden. Auch der von der Kenianerin Ruth Chepngetich gewonnene Marathon war der mit Abstand langsamste der WM-Geschichte. Dennoch kapitulierten selbst Weltklasseathletinnen. "Es war schrecklich. Ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt", sagte Sara Dossena, italienische EM-Sechste von Berlin 2018, die nach einem guten Viertel der Distanz in den Rollstuhl wechselte. "Es war beängstigend, einschüchternd und entmutigend", meinte die Kanadierin Lyndsay Tessier, die Neunte wurde.

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