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Russland in der Leichtathletik:Gefälschte Atteste, demolierte Gebäude

Hochspringer Danil Lyssenko, hier bei der Hallen-WM 2018, galt lange als hoffnungsvoller Protagonist einer neuen, vorgeblich sauberen Generation russischer Leichtathleten.

(Foto: Matt Dunham/AP)

Dass das Olympiajahr der Leichtathleten ohne Russlands Sportler anbricht, hat auch mit dem Fall des Hochspringers Lyssenko zu tun - es geht um orchestrierten Betrug.

Von Johannes Knuth

Sebastian Coe, der Präsident des Leichtathletik-Weltverbands, ist bekannt für seine Gabe, die Dinge auch mal ein wenig hübscher zu zeichnen, als sie sind. Was den russischen Dopingskandal betrifft, rührt aber selbst der Brite die Palette der Schönfärberei nicht mehr an: "Wir stehen am Anfang einer langen Reise", sagte Coe erst wieder zu Wochenbeginn, "der russische Leichtathletik-Verband hat noch einen großen Berg an Arbeit vor sich."

Streng genommen stehen Coe und sein Dauerpatient sogar ziemlich genau an jener Stelle, an der sie im November 2015 schon einmal waren. Medien und Ermittler hatten damals freigelegt, wie russische Athleten, Trainer und Funktionäre über Jahre betrogen hatten, Coes Weltverband suspendierte den russischen Verband (Rusaf) daraufhin. Bald darauf enthüllte der einstige Moskauer Laborchef Grigori Rodschenkow, wie die Russen bei ihren Winterspielen 2014 in Sotschi das Anti-Doping-Labor unterwandert hatten, mit Proben, die durch Löcher in der Wand vertauscht wurden, abgeschirmt vom Geheimdienst.

Russische Funktionäre gelobten Besserung. Das Internationale Olympische Komitee sprach weichgespülte Sanktionen aus. Ermittler und Reporter hoben derweil weitere Skandale, wie den Fall der Datenbank aus dem Moskauer Anti-Doping-Labor, die russische Offizielle bis zuletzt manipuliert hatten.

Und in der Leichtathletik? Bei der Hallen-EM, die am Donnerstag in Torun/Polen anbrach und bis diesen Sonntag dauert, werden keine russischen Athleten starten, nicht mal unter neutralem Banner, wie es zuletzt Usus war. Ob der russische Verband bei den Sommerspielen in Tokio seine zehn Startplätze unter neutraler Flagge nutzen darf, die ihm Coes Weltverband einst versprochen hatte, entscheidet sich frühestens Mitte März.

Quell dieser Wendung ist die Affäre um den Hochspringer Danil Lyssenko, 23, den WM-Zweiten von 2017. Die Integritätseinheit (AIU) des Leichtathletik-Weltverbands teilte zuletzt mit, dass sie in der Causa bislang 22 Zeugen gehört, 7000 Dokumente übersetzt und sechs Terabyte an Daten ausgewertet habe, von Telefonen und Computern. Das vorläufige Protokoll des Skandals, das die AIU nun publiziert hat, liest sich selbst für Kenner russischer Doping-Untergrabungen atemberaubend.

Trainer und Athlet baten einen Vorstand um ein gefälschtes Attest

Die Affäre begann demnach im Juli 2018, Lyssenko hatte gerade einen Dopingtest verpasst und zwei Mal seinen Aufenthaltsort für die Fahnder nicht angegeben. Drei dieser Verstöße binnen zwölf Monaten werden in der Regel wie ein Dopingvergehen gewertet. Als ihn die AIU-Ermittler konfrontierten, gab Lyssenko allerdings an, dass er für die Versäumnisse gar nicht zur Rechenschaft gezogen werden könne: Er sei erst krank und später in einen Autounfall verwickelt gewesen.

Nur: Wie weist man eine Krankheit und einen Unfall nach, wenn man weder das eine noch das andere hatte? Wohl dem, der erfindungsreiche Vorgesetzte hat. Nachdem Lyssenko, sein Trainer Jewgenij Zagorulko und weitere Rusaf-Funktionäre Kriegsrat gehalten hatten, baten sie Artur Karamjan, ein Mitglied des Rusaf-Vorstands, Lyssenko ein gefälschtes Attest zu verschaffen. Am nächsten Tag präsentierte Karamjan den Schrieb, ausgestellt von einer "SD Klinik" in Moskau.

Als die skeptischen Ermittler weitere Belege anforderten, wiesen die Rusaf-Funktionäre Lyssenko an, er solle sich in der nächstbesten Klinik rasch ein paar Blut-, Urin- und Ultraschalltests unterziehen, was Lyssenko auch tat, in seiner Heimatstadt Birsk. Die Werte schickte er - auf Weisung von Rusaf-Präsident Dmitri Schljachtin - an die Verbandszentrale in Moskau. Dort wurden die Tests rückdatiert und so bearbeitet, als würden sie von der Moskauer Klinik stammen.

Lyssenko, der stets als ein Gesicht einer neuen, sauberen russischen Generation galt, wurde nun doch ein wenig nervös. Er bat Karamjan, das Vorstandsmitglied, ihm diese Moskauer SD-Klinik zu zeigen, um sich mit Details zu wappnen, sollten ihn die Ermittler wieder löchern. Als er an der Klinik eintraf, war er schockiert: Das Gebäude war abgerissen, Monate, bevor Lyssenko dort vorgeblich behandelt worden war. Der Athlet informierte panisch seinen Anwalt, den Amerikaner Paul Greene.

Der riet ihm, den Betrug sofort offenzulegen, aber Lyssenko heuerte lieber einen russischen Advokaten an und beharrte bis zum April 2019 auf seiner Version. Sein Umfeld hatte sogar eine Website der Klinik basteln lassen, auf der Fotos von anderen Gebäuden zu sehen waren. Erst als sich Lyssenko in immer größeren Widersprüchen verhedderte, gab er den Plot preis - und seine Komplizen gleich mit.

Bis zum Juni will der russische Verband eine unabhängige Anti-Doping-Einheit aufbauen

Der Fall ist der bisher wohl größte Erfolg für das Integritätsressort des Weltverbandes, seit seiner Grundsteinlegung vor vier Jahren. Coe hatte es damals ins Leben rufen lassen, nachdem die alte Führung über Jahre Dopingfälle vertuscht hatte, vor allem von russischen Athleten. Nun hatte Lyssenkos Affäre die gesamte Rusaf-Führung zum Rücktritt gezwungen; Präsident Schljachtin, Vorstandsmitglied Karamjan und Geschäftsführer Alexander Parkin wurden für vier Jahre für alle Sportämter gesperrt, eine weitere Mitarbeiterin für sechs Jahre, Elena Ikonnikova, die Anti-Doping-Beauftragte des Verbandes, sogar für acht. Die Verfahren gegen Lyssenko und seinen Trainer laufen noch.

Orchestrierter Betrug vom Athleten bis zur Verbandsspitze - klingt das irgendwie vertraut?

Vor Kurzem zog sich auch noch Peter Iwanow, der Schljachtin vor drei Monaten als Rusaf-Präsident beerbt hatte, schon wieder zurück: Die Sanktionen im Zuge der Moskauer Datenmanipulation diktieren, dass staatlich Bedienstete wie Iwanow keine Ämter im russischen Sport übernehmen dürfen. Nun steht Irina Priwalowa dem Verband vor, die Olympiasiegerin über 400 Meter Hürden von Sydney. Sie ist der dritte Rusaf-Vorstand binnen nicht mal eines Jahres.

Wie aus diesem Wirrwarr eine redliche Verbandskultur erwachsen soll? Zu Wochenbeginn segnete der Weltverband einen Fahrplan ab, den eine Rusaf-Taskforce eingereicht hatte. Der russische Verband verpflichtet sich darin, bis zum kommenden Juni eine unabhängige Anti-Doping-Einheit aufzubauen, internationale Experten sollen das Innenleben des Verbandes durchleuchten. Spätestens 2022 soll das neue Konstrukt funktionstüchtig sein, schreiben die Planer. Sie geben allerdings zu: "Einen unumkehrbaren Kulturwandel herbeizuführen, wird eine Generation lang dauern."

© SZ/klef
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