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Sprintskandal:Auf dem Weg zum Mahnmal

Christian Coleman posiert für die Fotografen.

(Foto: AFP)

Christian Coleman, dem derzeit schnellsten 100-Meter-Sprinter der Welt, droht eine Sperre - es wäre der nächste Sündenfall in einem Kreis, aus dem bislang nur Usain Bolt verschont geblieben ist.

Die Seismografen schlugen zuletzt mal wieder kräftig aus auf der Betroffenheitsskala, und das will schon was heißen in der Leichtathletik, der das Betrugsproblem seit jeher so treu ist wie der Rausch dem Oktoberfestbesuch. Der US-Amerikaner Christian Coleman, der Hallenweltrekordhalter über 60 Meter und der derzeit schnellste Mann auf den werbeträchtigen 100 (9,81 Sekunden), er soll also binnen des vergangenen Jahres drei Mal die Dopingtester verpasst haben. Sollten sich die Berichte bestätigen, müssten die zuständigen Behörden den Mann, der fest als Erbe von Usain Bolt eingeplant war, für mindestens ein Jahr aussperren - der 23-Jährige würde sowohl die nahende WM als auch die Sommerspiele 2020 verpassen. Und der Neubeginn im Männer-Sprint wäre zerbröselt, bevor er richtig begonnen hätte.

Coleman wehrt sich derzeit noch dagegen, dass einer seiner verpassten Tests als solcher etikettiert wird; im Erfolgsfall würde er einem Bannspruch entgehen. Sollte er mit seinem Anliegen scheitern, dürfte das wiederum bestenfalls diejenigen bestürzen, die auch an die holde Zahnfee glauben. Von elf Sprintern, die die 100 Meter in 9,80 Sekunden oder schneller zurücklegten, wären dann zehn gesperrt oder mit verbotenen Praktiken in Verbindung gebracht. Der Einzige, der aus diesem Kreis bislang nie auffällig wurde, ist ein gewisser Usain Bolt. Der Spaßsprinter a. D. lief Scharen von gedopten Rekordmännern schon mal mit offenem Schnürsenkel davon, als würden ihn die Gesetze der Ermüdung nichts angehen. Alles dank großem Trainingseifer und der jamaikanischen Süßkartoffel natürlich, wie sein Trainer mal beteuerte.

Ausgerechnet der Unberührbare wurde als glaubwürdiger Retter gefeiert

Bolts Fabelweltrekorde über 100 (9,58) und 200 Meter (19,19) haben sich gerade zum zehnten Mal gejährt, da wirkte es wie eine gehässige Laune des Schicksals, dass Berichte über Colemans drohende Sperre kurz darauf an die Öffentlichkeit sickerten. Jeder neue Fall im Dunstkreis dieser unwirklichen Zeiten verstärkt ja das schiefe Bild, das Bolt und sein Sport in all den Jahren abgaben: Ausgerechnet der Unberührbare wurde als glaubwürdiger Retter gefeiert, während Teamkollegen und Konkurrenten wie Dominosteine aus den Rekordlisten plumpsten. So rücken Bolts Zeiten - und die Süßkartoffel - mit jedem (potenziellen) Fall auch näher an einen Status heran, in den schon viele Bestmarken der Leichtathletik aufgestiegen sind: den des Mahnmals.

Auch ein Fall Coleman läge in der Logik der Branche. Publikum, Medien und Verbände verlangen Wachstum und Rekorde, getestet wird oft branchenintern und so, dass gar nicht zu viele Sünder auffliegen können. 2009, rund um Bolts Traumläufe bei der Berliner WM, machten Berichte über die Dopingsubstanz S107 die Runde, die die Muskeln partout nicht ermüden lasse. Die Welt-Anti-Doping-Agentur nahm das Mittel trotzdem nicht auf die schwarze Liste. Vor Kurzem hat eine Schweizer Studie ermittelt, dass die Werte von 18 Prozent aller Leichtathleten zwischen 2011 und 2013 Blutdoping nahelegen. Rechnet man die weiteren üblichen Schnellmacher hinzu, kommt man bequem auf jene Ziffer, die eine Forschergruppe für die Leichtathletik-WM 2011 errechnet hatte: ein Drittel gedopte Athleten, mindestens. Die Testergebnisse des Weltverbands IAAF? Weit darunter.

Sollte Coleman die kommenden Leistungsmessen tatsächlich verpassen, wäre übrigens Justin Gatlin favorisiert. Colemans US-Kollege also, der schon zwei Mal gesperrt war, der auch mit 37 Jahren nicht langsamer wird - und dessen Berater vor zwei Jahren Undercover-Reportern erzählte, dass Gatlin natürlich weiter dope (was der vehement bestritt). "Justin wird es tun, so wie jeder andere Sprinter in Amerika", sagte der Berater jedenfalls. Dann fügte er an: "Sie müssen es."

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