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Major League Baseball:Nächste Chance für die Dodgers

MLB: NLCS-Atlanta Braves at Los Angeles Dodgers

Cody Bellinger (l.) freut sich nach seinem Homerun mit Enrique Hernandez.

(Foto: Kevin Jairaj/USA TODAY Sports)

Los Angeles kommt auch im entscheidenden siebten Spiel gegen die Atlanta Braves zurück. In der World Series gegen die Tampa Bay Rays soll es endlich mit dem Titel klappen, den die Dodgers zuletzt zwei Mal verpassten.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Natürlich musste die Dramaturgie dieser packenden Partie auf diesen Moment zulaufen, in dem ein Schlag alles entscheiden würde. 4:3 führten die Los Angeles Dodgers gegen die Atlanta Braves, im letzten Abschnitt der entscheidenden Partie. Sie hatten in dieser Halbfinal-Serie bereits einen 1:3-Rückstand aufgeholt, auch in diesem Spiel hatten sie mehrmals zurückgelegen, 0:1, 0:2, 2:3. Nun brauchten sie noch ein "Out" zum Finaleinzug, und die Situation war so: Am Schlagmal stand der Braves-Outfielder Austin Riley, der im vierten Abschnitt mit einem Treffer für einen Punkt gesorgt hatte - jagte er den Ball auf die Tribüne, stünde es 4:4; landete das Spielgerät im Handschuh eines Dodgers-Spielers, wäre die Partie vorbei.

Riley traf, und das ist der Moment, in dem beim Baseball alle den Mund aufreißen und in den Himmel starren. Der Ball flog mehr als 100 Meter weit, doch nicht weit genug. Cody Bellinger, der die Dodgers kurz zuvor mit einem Homerun in Führung gebracht hatte, pflückte den Ball aus der Luft und schickte seinen Klub damit in die World Series gegen die Tampa Bay Rays. Die beginnt bereits an diesem Dienstag in Arlington/US-Bundesstaat Texas, wo die amerikanische Profiliga MLB nach einem eher durchwachsenen Start angesichts der Coronavirus-Pandemie eine von zwei sogenannten Playoff-Bubbles errichtet hat.

Das Problem der Dodgers bislang: Sie wussten, wie gut sie waren

Baseball ist nicht nur eine faszinierende Sportart wegen der vielen spektakulären Aktionen auf dem Spielfeld, von denen es einige gab bei dieser Partie: den Fang von Dodgers-Verteidiger Mookie Betts zum Beispiel, als der sich wie Spider-Man an der Wand zur Tribüne nach oben katapultierte und einen Ball in den Handschuh tropfen ließ, der sonst ein Homerun gewesen wäre. Baseball ist auch spannend wegen der Frage, was denn nun gleich passieren müsste: Darüber reden die Leute in den Kneipen oder wegen Corona per Chatgruppe vor den Fernsehern.

Also: Müsste der Werfer einen Fastball mit 160 km/h probieren, oder rechnet der gegnerische Schlagmann genau damit und wäre deshalb ein Ball mit viel Drall sinnvoller? Oder: Sollte der Rechtshänder Blake Treinen wirklich gegen einen antreten, der oft gegen ihn getroffen hat - und sollten die Spieler im Außenfeld nicht ein paar Meter nach links rutschen, schließlich schlägt der Typ am Schlagmal viele seiner Versuche dorthin? Es ist der Sport der Statistiker, wunderbar dargestellt ist das im Film "Moneyball". Doch in den Playoffs sind für statistische Großanalysen oft die Stichproben zu gering, und genau das führt zu den Dodgers.

Die haben nun zum dritten Mal in den vergangenen vier Jahren die Finalserie erreicht, und man tut den anderen Teams kein Unrecht, wenn man sagt, dass die Dodgers in diesen Spielzeiten die jeweils begabteste (und bestbezahlte) Mannschaft hatten. Vor vier Jahren haben sie die entscheidende siebte Partie gegen die Houston Astros verloren. Die Astros hatten jedoch betrogen und ihren Schlagmännern über Signale mitgeteilt, welchen Wurf die erwarten müssen - was ungefähr so ist, als würde der Torwart beim Elfmeter wissen, wohin der Schütze zielen wird. 2018 implodierten die Dodgers gegen die famos aufspielenden Boston Red Sox, und in der vergangenen Saison verloren sie trotz der zweitbesten Bilanz der Liga gleich in der ersten Playoff-Runde.

Nun haben sie in der verkürzten Saison - jeder Klub trug 60 statt 162 Partien aus - sogar die beste Bilanz (43:17) geschafft, die ersten beiden Playoff-Runden überstanden sie ohne Niederlage. Gegen die Braves jedoch wurden sie verprügelt, nach dem 1:3-Rückstand liefen sie geduckt aus dem Stadion. Das ist ja die wörtliche Übersetzung von "Dodger": einer, der geduckt läuft - aber nicht aus Demut, sondern, um sich ohne Bezahlung unter den Drehkreuzen ins Stadion oder in öffentliche Verkehrsmittel zu mogeln. Ein Dodger ist einer, der schon durchkommt, bei fehlendem Talent eben mit Raffinesse.

"Wir sind ordentlich gestutzt worden", sagte Dodgers-Manager Dave Roberts nach dem Einzug ins Finale: "Nichts lief wie geschmiert, wir mussten um jeden einzelnen Punkt kämpfen. Das ist eine Lehre für die Jungs, dass nichts garantiert ist." Das war das Problem der Dodgers bislang: Sie wussten, wie gut sie waren, sie hatten wirklich kaum Schwächen - aber in den vergangenen Jahren waren jene, von denen man gerade in den Playoffs großartige Dinge erwartete, nur durchschnittlich, wie Werfer Clayton Kershaw oder Schlagmann Cody Bellinger. Diesmal schickte Bellinger die Dodgers in die Finalserie. Nicht geduckt, sondern mit einem krachenden Homerun.

Sie wollen unbedingt den ersten Titel seit 32 Jahren gewinnen, und ihr Kader ist nicht nur gut genug dafür, sondern durch die intensive Serie gegen Atlanta auch abgehärtet. Was also wird passieren in dieser Best-of-seven-Serie, die am Dienstag beginnt und bei der fast jeden Tag eine Partie ausgetragen wird, bis der Sieger feststeht? Darüber werden die Amerikaner debattieren, und nur so viel: Die Rays hatten die zweitbeste Bilanz der Liga (40:20), und sie sind durch Entscheidungsspiele gegen die New York Yankees und die Houston Astros ebenfalls abgehärtet.

Anmerkung vom 23. Oktober: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass jeden Tag eine Partie ausgetragen werde. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurde jedoch nicht gespielt.

© SZ vom 20.10.2020/chge
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