Liverpool-Triumph im Ligapokal:Mehr Klopp geht nicht

Liverpool-Triumph im Ligapokal: Hut ab: Jürgen Klopp hat wieder einen Titel nach Liverpool geholt - diesmal den Ligapokal.

Hut ab: Jürgen Klopp hat wieder einen Titel nach Liverpool geholt - diesmal den Ligapokal.

(Foto: PAUL CHILDS/Action Images via Reuters)

Jürgen Klopp hat in seiner Trainerzeit beim FC Liverpool einige bedeutendere Titel gewonnen als den Ligapokal. Und doch steht der aktuelle Triumph auf ganz besondere Weise für sein Wirken - und eine spezielle Leidenschaft.

Von Sven Haist

Eigentlich hätte Jürgen Klopp wissen müssen, dass die Liverpooler Vereinshymne "You'll never walk alone" niemals endet. Die Fans wiederholen den Refrain immer und immer wieder. Um sicherzustellen, dass sie dies auch nach dem zehnten League-Cup-Titel des Rekordsiegers FC Liverpool im Wembley-Stadion tun würden, löste sich Klopp gegen Liedende aus der Reihe seines Teams - und lief allein ein paar Schritte nach vorn. Er fing an, die Anhänger zu dirigieren und sang selbst lautstark mit: "Walk on, walk on ...!"

Auf ähnliche Weise feierten Klopp und Liverpool schon bedeutendere Siege - wie den Champions-League-Titel 2019 oder die eine Runde zuvor furios bewerkstelligte Aufholjagd gegen den FC Barcelona. In diesen Spielen schien stets alles zugunsten der Reds zu laufen, es fiel den ganzen Abend lang quasi immer rot. Aber im Duell mit dem FC Chelsea am Sonntag sah es so aus, als würde durchgehend blau kommen - und trotzdem gewannen die Roten 1:0, durch ein Tor des Kapitäns Virgil van Dijk am Ende der Verlängerung. Es war ein Sieg des Willens, des Glaubens, der Beharrlichkeit, des Widerstands, des Nicht-Aufgebens: Mehr Klopp, mehr Liverpool ging wohl nicht.

Englands Fußball ist bis heute geprägt von einem geflügelten Spruch des früheren Liverpoolers Alan Hansen Mitte der Neunzigerjahre: "You can't win anything with kids", kein Profiverein könne Pokale mit jungen Spielern gewinnen. Die Behauptung war eine schnippische Bemerkung gegenüber der Mannschaft des ewigen Konkurrenten Manchester United, die zu dieser Zeit mit einigen großen Talenten versehen war - und am Saisonende aber trotzdem die Meisterschaft gewann. Allerdings lässt sich jenes United-Team von damals mit Kickern wie David Beckham oder Paul Scholes kaum vergleichen mit der Elf, die nun für Liverpool mit zunehmender Spieldauer im Finale auf dem Platz gestanden ist.

Schon vor dem Spiel hatte Klopp zwölf angeschlagene Spieler zu beklagen, die regelmäßig zum Einsatz kommen. Dazu verletzte sich Ryan Gravenberch, und einige weitere Akteure wie der erst genesene Andrew Robertson konnten die Intensität der Partie nicht durchhalten. So stand Klopp tatsächlich irgendwann fast nur noch mit Kids ohne wirkliche Profierfahrung da: Jarell Quansah, 21, Bobby Clark, 19, James McConnell, 19, und Jayden Danns, 18.

Dass er den kaum erprobten Nachwuchskräften entschlossen vertraute und nicht seine Routiniers anwies, sich irgendwie durch die Partie zu schleppen, glich einer psychologischen Meisterleistung. Denn mit jeder Einwechslung eines Talentes erhöhte sich der Erwartungsdruck auf das kurzerhand hochpreisig verstärkte und wenig gefestigte Chelsea, das Spiel gewinnen zu müssen. Diese Last zeigte sich bei zahlreichen, bisweilen kurios ausgelassenen Torchancen der Londoner. Die Zeitung Telegraph spottete, die "Chelsea-Schlaffis hätten nicht mal ein Kinderteam schlagen" können.

Klopps Wunsch nach einer Zugabe erfüllen die Fans gerne

In der Pressekonferenz flötete Klopp, dass die Hansen-Floskel jetzt "neu geschrieben" werden müsste. In seiner Trainerkarriere sei dies "mit Abstand die speziellste Trophäe", die er je gewonnen hätte. Solche Momente kämen selten vor, fand er, vielleicht werde so etwas auch nie mehr passieren. Die Leistung seines Teams sei "absolut außergewöhnlich" gewesen. Klopp sagte, an diesem Abend sei er wirklich "stolz".

In knapp achteinhalb Jahren hat Klopp eine Gemeinschaft und Arbeitsatmosphäre in Liverpool geschaffen, in der viele Profis über sich hinauswachsen können. Als er die Fans um eine Zugabe des Refrains bat, sangen sie für ihn natürlich weiter. Der alte Leidenschaftsklub hört ja nie auf, Leidenschaft zu zeigen - und Jürgen Klopp auch nicht.

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