Para-Leichtathletik Der Kleine zwischen den Großen und Dicken

14,11 Meter: Niko Kappel hatte im Herbst den Weltrekord gegen Dauerrivale Bartosz Tyszkowski verloren, nun hat er die Bestmarke zurück.

(Foto: Uwe Koehn/imago)
  • Niko Kappel stößt die Kugel auf 14,11 Meter und erzielt damit einen Weltrekord.
  • Er ist seit einer Weile einer der bekanntesten deutschen Behindertensportler - und seit zwei Jahren hauptberuflicher Paralympics-Kugelstoßer.
  • Kappels Weltrekord in Halle an der Saale zeigt, wie fordernd und lohnend so eine Karriere ist.
Von Johannes Knuth, Halle (Saale)

Niko Kappel lief neben dem Kugelstoßring auf und ab wie ein Tiger hinter Gitterstäben, er redete mit seinem Trainer, lehnte sich an eine Bande, tigerte wieder auf und ab. Dann nickte er, es war ein sehr entschlossenes Nicken. Er habe vor diesem letzten Versuch, der ihm noch blieb, einen Plan gefasst, erzählte er später, und der ging in etwa so: Alles oder nichts.

Die deutschen Leichtathleten haben gerade wieder ein paar beachtliche Ergebnisse zusammengetragen: Die Dreispringerin Kristin Gierisch verbesserte in Garbsen bei ihrem ersten Freiluft-Auftritt der Saison gleich mal den deutschen Rekord (14,61 Meter), und Kappel, der kleinwüchsige Kugelstoßer vom VfL Sindelfingen, schaffte bei den Halleschen Werfertagen sogar einen Weltrekord in seiner paralympischen Startklasse: 14,11 Meter, mit seinem letzten Alles-oder-nichts-Stoß.

Die Ausrichter in Halle laden seit ein paar Jahren immer mal wieder Para-Athleten ein, sie starten außerhalb der Wertung, aber stets mit den Nicht-Behinderten. Kappel wurde am Wochenende begrüßt wie ein Stammgast ("Na, Großer?"); er mag es, wie sich in Halle Hunderte Zuschauer um die Anlagen drängen und die Werfer und Stoßer anfeuern, die bei großen Wettkämpfen oft beachtet werden wie ungeliebte Stiefkinder. "Ich durfte hier mit den Großen, Dicken mitstoßen, das war richtig super", sagte Kappel - wobei es diesmal eher die Großen, Dicken waren, die von seinen Alles-oder-nichts-Stößen inspiriert wirkten. Und vielleicht ja auch von dem dazugehörigen Sportlerleben.

Immerhin: Sein Arbeitgeber hat ihn zudem freigestellt

Kappel ist seit einer Weile einer der bekanntesten deutschen Behindertensportler, zum einen, weil er 2016 bei den Paralympics Gold gewann, zum anderen, weil er sich viele Gedanken über Sport und Inklusion macht und diese sehr gerne mit der Öffentlichkeit teilt, als eine Art Klassensprecher des Behindertensports. Seit der vergangenen Saison ist er zudem Vollzeit-Athlet, es ist ein Modell, für das sie lange gekämpft haben in seinem Dachverband. In den Sportfördergruppen der Bundeswehr sind mittlerweile auch Plätze für Behindertensportler reserviert, bislang profitieren davon vor allem Goldgewinner wie Kappel.

Aber immerhin. Sein Arbeitgeber, die Volksbank in Welzheim, hat ihn zudem freigestellt, falls er sich schwer verletzen sollte, kann er jederzeit ins echte Leben zurückkehren. "Ist alles nicht selbstverständlich", sagte er in Halle, und das galt bis vor Kurzem auch für seine junge Karriere als hauptberuflicher Kugelstoßer. Das musste er ja tatsächlich erst mal lernen, nach Jahren des ambitionierten Amateurtums: Wie das geht, alles dem Profisport zu widmen.

Kappel redet oft sehr flott, sehr schwäbisch und sehr offen. "Ich bin nicht so der organisatorische Mensch", sagte er in Halle, das habe sich in der Vorsaison bemerkbar gemacht. Er hatte jetzt ja mehr Zeit, also trainierte er auch länger und intensiver - doch am Tag darauf war er dann oft müde, irgendwann zwickten die Hüfte und das Knie. Er übertraf zwar erstmals die 14 Meter - Weltrekord - aber bei der EM in Berlin im vergangenen August, da gewann sein Dauerrivale Bartosz Tyszkowski aus Polen die Goldmedaille, mit Weltrekord von 14,04 Metern, den Kappel jetzt erst in Halle überbot. In Berlin wurde der 24-Jährige noch Zweiter und war tief enttäuscht. Er beendete die Saison, ließ das Knie heilen, stellte das Training um. Er trainiere jetzt auch mal nur einmal am Tag, dafür etwas länger, oder mache weniger Stöße, diese aber intensiver: "Um dem Körper einfach die nötige Freizeit zu geben."