Juan Martin del Potro Der verhinderte Grand-Slam-Seriensieger

Das beste Tennis seines Lebens? Del Potro in Aktion im Viertelfinale gegen John Isner.

(Foto: AFP)
  • Was hätte Juan Martin del Potro alles gewinnen können, wenn ihm die Natur nicht gläserne Knochen in beide Handgelenke gelegt hätte?
  • Der Argentinier gilt als der Spieler, der viel mehr Titel hätte gewinnen müssen, als es ihm gesundheitlich möglich war.
  • Im Halbfinale der US Open trifft er nun auf Rafael Nadal.
Von Jürgen Schmieder, New York

Es ist völliger Blödsinn, und genau deshalb macht es gerade im Sport manchmal Spaß, ein Paralleluniversum zu erstellen. Man verändert dabei eine oder zwei Variablen, und dann diskutiert man leidenschaftlich die möglichen Ergebnisse der neuen Gleichung. Zum Beispiel: Wäre die deutsche Fußball-Nationalelf 2014 wirklich Weltmeister geworden, wenn der Schiedsrichter das reguläre Tor von Frank Lampard im Achtelfinale der WM 2010 gegeben hätte? Oder was wäre passiert, wenn Cassius Clay niemals Malcolm X begegnet wäre? Oder wenn der Formel-1-Fahrer Nick Heidfeld mal in einem Ferrari gesessen hätte? Solche Sachen.

Am Freitag werden Rafael Nadal und Juan Martín del Potro im Halbfinale der US Open gegeneinander antreten. Es ist das vierte Grand-Slam-Duell der beiden innerhalb von zwölf Monaten, Nadal hat die ersten drei gewonnen, und die erste Parallelwelt-Variable dieser Tennisgleichung lautet nun: Was wäre gewesen, wenn die Natur dem Argentinier nicht gläserne Knochen in beide Handgelenke gelegt hätte?

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Der Serbe gewinnt aber trotzdem gegen John Millman und erreicht das Halbfinale der US Open. Bei den Frauen überrascht weiter die Japanerin Naomi Osaka.

Del Potro gewann 2009 die US Open, er war damals gerade mal 21 Jahre alt. Er fegte im Halbfinale Rafael Nadal vom Platz und besiegte im Endspiel tatsächlich Roger Federer, der davor 41 Spiele nacheinander in New York nicht verloren hatte. Es war eine unvergessliche Partie, weil Federer sie wohl hätte gewinnen müssen - aber er verlor sie eben gegen diesen stets freundlich grinsenden Lümmel, der sich nach dem Sieg gegen Nadal noch auf dem Platz beim Publikum dafür entschuldigt hatte, dass es wegen ihm kein Traumfinale gegen Federer geben würde: "I am so sorry!" Seinen Sieg über Federer nannte er, und es schaffen nur südamerikanische Sportler, dass so was nicht kitschig klingt: "Ein Wunder!"

Del Potro wollte seine Karriere schon beenden

Die mittlerweile sogenannten "großen Vier" im Männertennis gab es damals noch nicht. Es gab Nadal und Federer, und es gab ein paar andere, denen man zutraute, die Dominanz der beiden zu brechen: Andy Murray, Novak Djokovic - und Juan Martín del Potro. Was wäre also passiert, wenn Letzterer wegen einer Verletzung am rechten Handgelenk nicht neun Monate hätte pausieren müssen? Hätte Nadal im Jahr 2010 wirklich drei Grand-Slam-Turniere gewonnen, vor allem die in Wimbledon und in New York? Wären die großen Vier, die aufgrund der Erfolge von Stan Wawrinka schon eher die "großen Fünf" sind, vielleicht die "großen Sechs" geworden?

Del Potro kämpfte sich nach weiteren Pausen - 2014 verletzte er sich schlimm am linken Handgelenk, wollte seine Karriere schon beenden und musste danach seine Spielweise komplett umstellen - zurück an die Weltspitze. Nun muss eine zweite Variable verändert werden, weil del Potro seit zwei Jahren bei jedem Grand-Slam-Turnier zu den Favoriten zählt: Was wäre also passiert, hätte Nadal seinen gerade zu Beginn seiner Karriere so unfassbar geschundenen Körper in den vergangenen beiden Jahren nicht auf wundersame Weise wieder so hinbekommen, dass er sieben Partien über drei Gewinnsätze übersteht?

Nadal steckt jedenfalls auch bei diesen US Open mühsame Matches scheinbar mühelos weg; er kommt bislang auf insgesamt 16 917 gelaufene Meter. Zum Vergleich: Keiner der anderen Verbliebenen im Turnier - das zweite Halbfinale bestreiten Novak Djokovic (Serbien) und Kei Nishikori (Japan) - kommt auf mehr als 13 500 Meter. Bei del Potro sind es gar nur 10 658 Meter. Es gibt nicht wenige Experten, die sich fragen, wie Nadal das macht - und es gibt keinen, der einem eine vernünftige Antwort darauf geben kann.