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Ärger um Werbung:Eine Debatte, die Japan führen muss

Reinstallation of Olympic rings in Tokyo Bay The Olympic rings are being transported ahead of their reinstallation in T

Japan ist 2021 olympisches Gastgeberland.

(Foto: Kyodo/imago images/Kyodo News)

Ein Sportausrüster präsentiert in Japan einen Werbefilm gegen Ausgrenzung - und erntet Empörung. Dabei ist das Filmchen alles andere als ein Angriff.

Kommentar von Thomas Hahn

Es herrscht eine gewisse Aufregung im olympischen Gastgeberland Japan. In den sozialen Medien beschweren sich viele über den amerikanischen Sportartikel-Hersteller Nike, weil dieser Vorurteile schüre. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert einen Internet-Kommentar mit der empörten Frage: "Macht es Spaß, Japan zu beschuldigen?" Es gibt Aufrufe zum Boykott. Der Asien-Experte Steve McGinnes sagt in der BBC: "Sie rücken ein Thema ins Rampenlicht, von dem viele meinen, dass es für Gäste tabu sein sollte. Für Nike ist das ein riesiges Eigentor."

Was ist passiert? Hat Nike Japans Sushi-Küche verrissen? Oder den Tragekomfort traditioneller Kimonos beklagt? Nein. Die Firma hat im Rahmen ihrer aktuellen Kampagne gegen Diskriminierung einen Werbefilm für den japanischen Markt herausgebracht.

Gerade in einem Land wie Japan ist es wichtig, das Bewusstsein für gesellschaftliche Ungleichheiten wach zu halten

Man staunt, man schluckt. Der Vorgang zeigt, dass auch im 21. Jahrhundert noch nicht selbstverständlich ist, was schon immer hätte selbstverständlich sein müssen. Das Filmchen ist nämlich alles andere als ein Angriff. Für Verfechter universeller Menschenrechte ist es im Grunde sogar banal. Es erzählt von Schulmädchen gemischter Herkunft, die Ausgrenzung im japanischen Alltag beim Fußball überwinden. Sport zeigt, dass Hautfarbe und Herkunft nicht wichtig sind - darum geht es. Jeder müsste die Botschaft teilen, sie gilt überall, in Amerika, Deutschland, Vanuatu. Auch in Japan. Warum sollte das Thema für Gäste tabu sein? Es darf nie tabu sein.

In Wahrheit ist es gerade in einem Land wie Japan wichtig, das Bewusstsein für gesellschaftliche Ungleichheiten wach zu halten. Der Inselstaat hat in den vergangenen Jahren einen Rechtsruck erlebt. Die Mehrheitspartei LDP lebt von den Stimmen nationalistischer Kräfte. Der Ausländeranteil ist niedrig, Flüchtlingshilfe leistet Japan kaum. Die rechtsradikale Unterwanderung der Gesellschaft verläuft lautlos und für die fleißigen Normalmenschen im Land fast unbemerkt. Vermutlich entsteht in den sozialen Medien auch deshalb der Eindruck, in Japan sehe man einen Werbespot mit sozialkritischem Inhalt als Affront.

Natürlich, niemand darf rücksichtslos den japanischen Stolz missachten. Dass jeder Japaner ein Rassist sei, ist Quatsch, das Nike-Video hat schließlich auch viele Likes bekommen. Aber wahr ist schon, dass es praktisch keine tieferen Debatten über den Schutz persönlicher Rechte und den Wert der Vielfalt gibt. Sie zu führen, ist wichtig für jedes Land. Globale Wirtschaftsunternehmen haben hier sogar eine Verantwortung. Insofern sollten die Japaner nicht meckern über den Nike-Film, sondern dessen Thema ernst nehmen. Die Diskriminierung von Minderheiten ist nun mal Realität, auch wenn man selbst nicht so viel davon mitbekommt.

© SZ/bkl/vk
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