Homosexuelle Olympioniken:"Sport ist die Machowelt schlechthin"

Statistisch müssten im olympischen Dorf 1000 homosexuelle Athleten wohnen. Geoutet haben sich bislang nur 23, darunter drei Männer. Ein Outing ist für Sportler immer noch problematisch. Es geht um Diskriminierung und Isolation. Und um Stolz.

Ronny Blaschke

Lizzy the Lezzy hat Geschichte geschrieben. Die Cartoonfigur, entworfen von der israelischen Zeichnerin Ruth Selwyn, kämpft im Internet gegen Homophobie. Die Bogenschützin Karen Hultzer aus Kapstadt stieß durch Zufall auf Lizzy the Lezzy, sie lachte und klebte sich einen Lizzy-Sticker auf ihre Schützen-Ausrüstung. Als Hultzer in der vergangenen Woche ihren olympischen Wettbewerb bestritt, saßen Aktivisten eines Online-Magazins für Lesben in Südafrika vor dem Fernseher und entdeckten den Sticker. Sie besorgten sich Hultzers Telefonnummer und fragten, ob sie lesbisch sei.

South African archer Karen Hultzer fires an arrow at Lord's Cricket Ground during the London 2012 Olympic Games

Die Einzige aus Afrika: Karen Hultzer outet sich in London.

(Foto: Reuters)

Karen Hultzer zögerte, dachte an die jüngste Mordserie an fünf Lesben in südafrikanischen Townships, an die corrective rapes, sogenannte korrigierende Vergewaltigungen, die lesbische Frauen "heilen" sollen. Sie beantwortete die Frage trotzdem mit Ja. Nachdem sie ihren Wettkampf auf Platz 46 abgeschlossen hatte, gingen die Aktivisten wie abgesprochen für sie an die Öffentlichkeit. Es war das erste Outing bei diesen Spielen. "Sport ist die Machowelt schlechthin", sagt Hultzer. "Wenn wir sichtbarer werden und offen darüber sprechen, wird Homosexualität in vielen Augen normaler. Das führt dazu, dass wir bald nicht mehr darüber sprechen müssen."

Folgt man der Annahme, dass zehn Prozent der Menschen homosexuell sind, müssten im olympischen Dorf mehr als 1000 Lesben und Schwule wohnen. Laut dem Internetportal Outsports leben aber nur 23 der Athleten offen homosexuell, darunter drei Männer. Bei den Spielen in Peking 2008 waren zehn bekennend Homosexuelle dabei, 2004 in Athen elf.

Laut Outsports nahmen in der olympischen Geschichte 104 lesbische und schwule Athleten an Sommerspielen teil, die meisten aus den USA. In London sei Karen Hultzer die einzige geoutete afrikanische Sportlerin. In 78 der 204 Länder an Olympia teilnehmenden Ländern ist Homosexualität verboten, in sieben droht die Todesstrafe.

Das Coming-out der 46 Jahre alten Hultzer sprach sich bis zu den Organisatoren des Pride Houses herum, des ersten homosexuellen Treffpunkts mit Anbindung an Olympische Sommerspiele. Am Freitag nahm Hultzer an der Eröffnung des Hauses teil, das an einem Seitenarm der Themse im östlichen Stadtteil Limehouse liegt. "Niemand ist gezwungen, meinen Schritt wiederholen", sagt sie. "Aber sollten sich Athleten zu einem Outing entschließen, wissen sie, dass sie nicht allein sind." Das erste Pride House hatte 2010 zu den Winterspielen in Vancouver seine Türen geöffnet, der neuseeländische Shorttracker Blake Skjellerup schaute vorbei, war begeistert und entschloss sich zum Coming-out.

Die Geschichte des homosexuellen Sports ist auch eine Geschichte von Diskriminierung und Isolation. Das Londoner Pride House dokumentiert mit der Ausstellung "Gegen die Regeln" tragische Lebenswege. Zum Beispiel von Gottfried von Cramm, einem deutschen Tennisspieler, der 1938 von der Gestapo verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde. Von Peter Karlsson, einem schwedischen Eishockeyspieler, der 1995 in einer Disko erstochen wurde.

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