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Holczer-Aussage in Betrugsprozess gegen Schumacher:"Glatt gelogen!"

Schumacher-Prozess

Seine Aussage steht gegen die von Radprofi Stefan Schumacher: Ex-Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer.

(Foto: dpa)

Wortreich bestreitet der einstige Teamchef Hans-Michael Holczer vor dem Landgericht Stuttgart die Vorwürfe von Rad-Profi Stefan Schumacher, er habe vom Dopingsystem in der Equipe Gerolsteiner gewusst. Nun steht Aussage gegen Aussage.

Mit einem blauen Aktenordner erscheint Hans-Michael Holczer, 59, in Saal 6 des Stuttgarter Landgerichts. Keine Frage, der frühere Teamchef des Radrennstalls Gerolsteiner ist gut vorbereitet auf seine Zeugenaussage im Betrugsprozess gegen seinen früheren Profi Stefan Schumacher.

Dem 2008 des Dopings überführten Nürtinger wird vorgeworfen, den ehemaligen Boss mit dem Leugnen des Epo-Betrugs bei der Tour 2008 um drei Monatsgehälter betrogen zu haben: um exakt 151.463,50 Euro. Schumacher, 31, seit kurzem umfassend geständig, unterstellt Holczer jedoch, "vieles gewusst und beide Augen zugedrückt" zu haben, wie er am Donnerstag erneuert. "Und es gibt da schon Leute, die andere Dinge sagen können." Zeugen also, die hier vielleicht noch aussagen. Holczer kann er nicht meinen.

Der einstige Realschullehrer Holczer weist in der zweieinhalbstündigen Aussage jede Kenntnis von Doping oder Machenschaften der Ärzte zurück. "Glatt gelogen!" oder "blanker Unsinn" ruft er, wenn ihn Richter Martin Friedrich auf Schumachers Aussagen anspricht.

Holczer verkauft sich recht gut. Berichtet von zwei Profis, die er wegen verdächtigen Blutwerten verabschiedete, von steigenden Vorbehalten gegen Schumacher, den er spätestens seit der Affäre bei der Rad-WM 2007 in Stuttgart kritisch gesehen habe, den er mal mit 40.000 Euro Geldstrafe belegte. Personalien wie das Engagement des einstigen Lance-Armstrong-Helfers Levi Leipheimer oder des in die Giro-Razzia von 2001 verwickelten Teamarztes Giuliano Peruzzi übergeht er wortreich. Nur einen belastet er offen: Den früheren Teamarzt Mark Schmidt (Erfurt), den schon der einstige Tour-Kapitän belastete, Kronzeuge Bernhard Kohl.

Von Kohl habe er 2009 "unglaubliche Dinge über Mark Schmidt" erfahren, sagt er. Doch von Bluttransfusionen und Zentrifugen habe er nichts gewusst, nichts vom Medikamentenkoffer: "Ich kenne mich da doch gar nicht aus. Ich musste vertrauen."

Noch sechs Prozesstage sind angesetzt. Einstweilen steht unter den beiden Schwaben Aussage gegen Aussage. Und irgendjemand flunkert da gewaltig.

Zu Beginn hatten Richter Friedrich und Staatsanwalt Peter Holzwarth noch einmal Schumacher befragt, diese Vernehmung endete in einem kleinen Eklat. Schumachers Anwalt Dieter Rössner hatte den Eindruck, erklärt er in der Verhandlungspause, "dass der Staatsanwalt Herrn Holczer verteidigt".

Holzwarth hatte beklagt, Schumacher nenne keine Namen der Ärzte, auch habe er 2009 in einem Arbeitsrechtsprozess gegenüber Holczer Doping bestritten. Rössner warf nun dem Staatsanwalt passives Verhalten vor, er verwies auf eine Zeugenaussage (von Kohl), die der Justiz im Januar 2012 vorgelegen habe.

Keine Razzien bei Teamchef oder Ärzten

Rössner las daraus vor, demnach habe der Zeuge den Teamarzt Peruzzi bei der Baskenland-Rundfahrt 2008 dabei beobachtet, wie er "diverse Spritzen, eingepackt in Alufolie", im Kühlschrank des Teambusses verstaut habe. Schumacher berichtet, es habe sich um das Hormon IGF-1 gehandelt, und wie der Zeuge hätten auch die Gerolsteiner-Fahrer Oliver Zaugg (Schweiz, jetzt beim Riis-Team Saxo) und Matthias Russ (Reutlingen) die Spritzen "gesehen".

"Haben Sie Peruzzi, Zaugg und Russ vernommen?", fragte Rössner. Bei Schumacher habe eine Razzia stattgefunden, nicht aber bei Holczer oder Ärzten wie Schmidt. Auch die Akte Kohl fehle im Verfahren. Rössner nannte das alles "oberflächlich" und ergänzt später: "Es geht hier wohl nur um den kleinen bösen Sportler, der gedopt hat. Der Rest kommt davon."

Staatsanwalt Holzwarth, spürbar unter Druck, entgegnete: "Die Ermittlungen zum Fall Schumacher waren im Januar 2012 schon abgeschlossen." Rössner erwiderte verständnislos, Nachermittlungen seien dem Staatsanwalt möglich gewesen.

Richter und Staatsanwalt hatten zuvor bereits irritiert, als sie die Wucht eines weiteren Vorwurfs von Schumacher an Holczer partout nicht erfassten. Schumacher sagte aus, der Teamchef habe "den Synacthen-Dopingverstoß toleriert". Konkret berichtete er von der Rad-WM 2006, als er entkräftet ausstieg. Das - verbotene - synthetische Hormon Synacthen könne bei Hitze in zu hoher Dosierung die Entkräftung erklären.

",Schumi, was ist los bei dir, haste zu viel Synacthen geblasen?'", habe Holczer ihn gefragt, "das ist doch kein Ding im Team, kannst es ruhig sagen.'" Im Nachgespräch habe Sportchef Christian Henn "die richtige Dosierung" thematisiert.

Während Richter und Staatsanwalt erst nach und nach begriffen, dass auch die laut Schumacher eingenommene kleine Dosis - "eine Fünftel Ampulle" - ein Dopingvergehen darstellt, antwortet Holczer nun entschieden auf Fragen auch zu dieser Episode. "Ich hatte nie einen Verdacht!", sagt er, Synacthen habe er nur vorwurfsvoll erwähnt, auch über die Dosierung habe er nicht geredet: "Niemals!"

Von Henns Nachgespräch wisse er nichts, von Schumachers Dopingmittel Cera habe er erst 2008 gehört, ansonsten sei er trotz klarer interner Ansagen hilflos gewesen: "Sie sehen das nicht!" Und überhaupt: Wenn Schumacher bei der Tour 2008 ein Geständnis nur angedeutet hätte - "hätte ich gehandelt".

Michael Lehner, Schumachers zweiter Anwalt, sagt, als Holczer fortgeeilt ist: "Er hat also nichts gewusst, kannte sich medizinisch nicht aus? Dann war er kein guter Teamchef. Wir werden jetzt im Prozess die Widersprüche seiner Aussagen darlegen."

Der Prozess wird am Dienstag mit den Zeugen Holczer und Henn fortgesetzt. Mark Schmidt, der bisher Vorwürfe zurückwies, hat abgesagt: Er sei jetzt, vermeldete Richter Friedrich, ein viel beschäftigter Krankenkassen-Arzt und nehme sein Aussageverweigerungs-Recht in Anspruch.

© SZ vom 19.04.2013/jom

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