Hertha-Debakel im Pokal:Berliner Katastrophentourismus

Lesezeit: 4 min

Hertha-Debakel im Pokal: Aus dem Hintergrund müsste ein Lächeln kommen: Trainer Sandro Schwarz erlebte in Braunschweig allerdings eine rabenschwarze Pflichtspiel-Premiere mit Hertha BSC.

Aus dem Hintergrund müsste ein Lächeln kommen: Trainer Sandro Schwarz erlebte in Braunschweig allerdings eine rabenschwarze Pflichtspiel-Premiere mit Hertha BSC.

(Foto: Christian Schroedter/Imago)

Hertha BSC verliert im Elfmeterschießen gegen Eintracht Braunschweig und scheidet mal wieder früh aus dem DFB-Pokal aus. Die Stimmung vor dem Saisonstart ist mäßig.

Von Thomas Hürner

Für die Fans von Hertha BSC war auch mit Pal Dardai nicht alles super, aber viele Dinge waren zumindest weniger schlecht. Während der fast sechs Dienstjahre des ungarischen Trainers spielten die Berliner selten schön, weil Ästhetik egal war, und sie konnten sich das leisten, weil sie ausreichend oft gewannen. Das bedeutet: so oft, dass es am Ende zumindest immer für einen schnöden Mittelfeldplatz reichte. Das wahre Husarenstück gelang Dardai, der gleich zwei Amtszeiten als Hertha-Coach vorweisen kann, aber am 20. August 2018. Denn an diesem Tag gewann Dardai, allen Ernstes, ein DFB-Pokalspiel bei Eintracht Braunschweig.

Weder vor noch nach Dardai ist das jemals einem Hertha-Coach gelungen, und es soll keiner behaupten, es habe keine Möglichkeiten dafür gegeben. 1974 scheiterte Georg Keßler in der ersten Runde, 2004 Falko Götz in Runde zwei, 2020 Bruno Labbadia in Runde eins - und am Sonntagabend traf es in Braunschweig nun den neuen Hertha-Trainer Sandro Schwarz. Es war für ihn immerhin ein knalliges Pflichtspieldebüt mit den Berlinern: 2:0 geführt, 2:3 zurückgelegen, in die Verlängerung gerettet, in der Verlängerung geführt, Führung wieder hergeschenkt und am Ende im Elfmeterschießen verloren, 5:6.

Die Hertha hinterließ in Braunschweig einen erschreckend unfertigen Eindruck

Womit gleich einmal zwei Dinge bewiesen wären. Erstens: Die sogenannten "Losfeen" des DFB tun der Hertha auffallend häufig keinen Gefallen, denn für jedes Team ist so ein Pokal-Auswärtsspiel im altehrwürdigen Stadion an der Hamburger Straße eine unangenehme Sache. Zweitens: Als Hertha-Coach hat man keinen leichten Job, diese Klubtradition gilt seit mindestens 1974 und ist bis heute von Bedeutung.

Die Berliner Mannschaft, sagte Schwarz sarkastisch, habe am Sonntag wenigstens "alles mitgenommen", was an so einem Pokalabend möglich sei. Der Trainer, der zuvor bei Dynamo Moskau in der russischen Liga arbeitete, meinte eigentlich die Dramaturgie des Spiels, doch auch die Besetzung auf den Tribünen deutete auf regen Reiseverkehr hin: Der Investor Lars Windhorst war anwesend, aber auch der neue und eigentlich urlaubende Hertha-Präsident Kay Bernstein war mit einigen Präsidiumsmitgliedern nach Braunschweig gekommen. Man konnte das als Zeichen neuer Geschlossenheit bei der heillos zerstrittenen Hertha werten, nur spricht gegen diese These, dass die Protagonisten auffällig weit voneinander entfernt saßen und zumindest keine Fernsehkamera Bilder einfangen konnte, die auf ein harmonisches Miteinander schließen ließen. Das können Politiker besser. Der Rest des Abends war, nun ja, für der Hertha zugeneigte Menschen ohnehin eine Art von Katastrophentourismus. Beweisbilder dafür gab es reichlich.

Hertha hinterließ wenige Tage vor dem Bundesliga-Start einen erschreckend unfertigen Eindruck, wie ein Heimwerkerprojekt, dem essenzielle Verbindungsteile wie Angeln und Scharniere fehlen. Schwarz sprach von einem "Prozess, in dem wir uns bewegen" - und sah ein Pokalspiel mit so vielen irren Drehungen und Wendungen, dass einem beim Zugucken schwindlig werden konnte. Zunächst, so der Hertha-Coach, habe man "alles im Griff" gehabt mit einer komfortablen 2:0-Führung nach Treffern von Stürmer Davie Selke und Zugang Myziane Maolida. Es sah in der Tat wenig nach einem Favoritensturz aus.

Der Hertha-Trainer Schwarz will "gute Dinge" aus dem Spiel mitnehmen - allzu viele gab es davon aber nicht

Das änderte sich, als der Zweitligist in der zweiten Halbzeit innerhalb von zwei Minuten ausglich. Braunschweig bediente sich nun des archaischen Moments, das einem Pokalspiel innewohnt, sobald der Außenseiter das Potenzial des Abends wittert. Hertha hingegen wirkte instabil, nervös, fahrig. Auch nachdem der Mittelfeldmann Lucas Tousart in der Verlängerung die zwischenzeitliche Führung der Heimelf mit einem abgefälschten Distanzschuss ausglich und Angreifer Dodi Lukebakio ein Tor schoss, das zum Sieg hätte reichen können - wenn die Braunschweiger nicht kurz vor Schluss noch das 4:4 erzielt und sich ins Elfmeterschießen gerettet hätten.

Der Hertha-Kapitän Marvin Plattenhardt, der übrigens als einziger Berliner beim 2018er-Pokalsieg in Braunschweig auch schon dabei war, sowie Verteidiger Marc-Oliver Kempf vergaben ihre Versuche kläglich. Nachdem der Eintracht-Mittelfeldmann Bryan Henning den entscheidenden Elfmeter zum Weiterkommen verwandelt hatte, freuten sich die Eintracht-Fans im Stadion, als hätten sie gerade eine sagenhafte Pokalsensation gesehen - und verkannten dabei fast schon den Umstand, dass sie solche Pokalsensationen gegen Hertha längst institutionalisiert haben.

Es sei nun die Aufgabe, sagte Schwarz, "zu analysieren" und auch "gute Dinge aus dem Spiel herauszunehmen". Das dürfte kein einfaches Unterfangen für den Hertha-Coach werden, denn der Sonntagabend wirkte wie ein Kontrastmittel, das aus der Vorsaison mitgeschleppte Probleme sichtbar machte. Die Innenverteidigung um Kempf und Dedryck Boyata leistete sich einige Stellungsfehler, dem Mittelfeld fehlten ohne den zum italienischen Erstligisten US Cremonese abgewanderten Santiago Ascacíbar gefühlt 15 Kilometer Laufleistung sowie dessen Qualitäten im Stopfen von Löchern, außerdem gibt es keine Offensivkraft, die konstant und auf hohem Niveau Torgefahr verbreitet.

Hertha-Sportchef Fredi Bobic konnte diese Baustellen bislang nur notdürftig flicken, was allerdings auch keine einfache Aufgabe ist, da er aufgrund der Finanzlage des Klubs in diesem Sommer ein Transferplus von zehn bis 15 Millionen Euro erwirtschaften muss. Während einer Vorbereitungstour durch England verloren die Berliner überdies alle drei Spiele, der Schrecken aus dem erst in der Relegation verhinderten Beinahe-Abstieg steckt den Spielern und Führungskräften noch in den Knochen - und es steht zu befürchten, dass der neue Coach Sandro Schwarz kein Magier, sondern nur ein handelsüblicher Fußballtrainer ist.

Was potenziell zum Stimmungsaufheller taugen könnte: Am Samstag startet Hertha beim Stadtrivalen 1. FC Union in die Saison, ein Sieg würde die Hertha-Fans für vieles entschädigen. Das Problem ist nur: Stadtderbys haben ihre Laune zuletzt eher schlechter als besser gemacht.

Zur SZ-Startseite

Neuer Präsident bei Hertha BSC
:Ein Schrei geht durch den Saal

Aus der Kurve in die Loge: Der frühere Ultra Kay Bernstein setzt sich bei den Präsidentenwahl deutlich gegen den Favoriten Frank Steffel durch - und will nun die "blauweiße Seele" des Klubs zurückgewinnen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB