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Hansa Rostock gegen Dynamo Dresden:Im Osten nichts Neues

Dynamo Dresden v FC Schalke 04 - DFB Cup

Nur im Pokal erfolgreich: Drittligist Dynamo Dresden steht überraschend im Achtelfinale

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Hansa gegen Dynamo: Wenn Rostock im Drittliga-Derby auf Dresden trifft, denken manche wehmütig an die früheren Glanzzeiten des DDR-Fußballs zurück. Doch das Hier und Jetzt sieht anders aus.

Eine beeindruckende Statistik vorneweg: Dynamo Dresden hat mit 23 639 Fans den höchsten Zuschauerdurchschnitt aller europäischen Drittligisten. Grandios. Überraschend. Nicht nur, weil Europa in Verbindung mit Dynamo Dresden meilenweit entfernt klingt. Sondern auch, weil dieses Treuebekenntnis der Fans in der dritten Liga einmalig ist. "So ist das bei uns. Wenn man aus der Region kommt, ist Dynamo ein vererbter Mythos!", sagt Dresdens Sportlicher Leiter Ralf Minge dazu.

Wäre der Zuschauerschnitt ein Parameter für sportlichen Erfolg, Dynamo Dresden würde um den Aufstieg in die Bundesliga spielen. Das ist nicht der Fall. Dynamo liegt in der dritten Liga auf Platz elf. Der andere große Ost-Traditionsklub Hansa Rostock steht noch schlechter da, er belegt Platz 17. An diesem Samstag spielen die beiden gegeneinander, trotz des sportlichen Misserfolgs wird das Rostocker Stadion mit 21 000 Zuschauern ausverkauft sein. Die Begeisterung für Fußball ist weiter vorhanden.

In Dresden ist es nicht lange her, dass die Menschen Bundesligafußball bestaunen konnten. Drei Jahre nacheinander spielte Dynamo zweitklassig, vergangene Saison stiegen sie ab. Die Fans sind geblieben. Auf Dauer kann dem euphorischen Umfeld kein drittklassiger Fußball verkauft werden. "Die Erwartungshaltung ist weiterhin riesengroß", weiß Ralf Minge: "Wir erleben gerade sogar eine Reanimation des Vereins."

Antizyklisches Verhalten von Fans und Sponsoren

Mit Reanimation meint der gebürtige Dresdner das antizyklische Verhalten von Fans und Sponsoren. Die Mitgliederzahl konnte nach dem Abstieg verneunfacht werden, der Sponsorenpool ist parallel gewachsen. Dynamo lebt. Im Geschäftsjahr 2013/2014 erwirtschaftete der Verein zum fünften Mal in Folge mit 340 000 Euro einen finanziellen Überschuss. Hinzu kommt, dass sich die Mannschaft im DFB-Pokal durch Siege gegen Schalke und Bochum für das Achtelfinale qualifiziert hat - 431 000 Euro oben drauf. Gegner ist Borussia Dortmund. Nur Platz elf in der Liga konterkariert diese positive Wirtschaftsbilanz.

Im DFB-Pokal durfte Hansa Rostock zuletzt 2012 mitspielen. In der ersten Runde war damals bereits Schluss. Dabei könnte der Verein die finanzielle Pokalzugabe gut gebrauchen. Auf der Mitgliederversammlung vergangene Woche gab Hansas Vorstandsvorsitzender Michael Dahlmann einen Einblick in die finanziellen Strukturen des Klubs: "Wir brauchen alle Mitglieder, alle Fans, unsere Partner und Sponsoren und jede Menge Kampfgeist und Kreativität, um nach jahrelangem leichtfertigen Umgang mit den Ressourcen wieder ins sichere Fahrwasser zu gelangen", sagte er dort. Das klang bedrohlich.

So wenig Ostfußball gab es selten

Der Zuschauerdurchschnitt in Rostock liegt bei 8500, 2000 Freikarten werden allerdings pro Partie verteilt - es wurde mit mehr Interesse kalkuliert. Aber wen wundert's. Hansa ist nur einen Punkt von einem Abstiegsplatz zur vierten Liga entfernt. Platz 13 und zwölf in den vergangenen zwei Jahren waren keine Werbung. Anfang des Monats holten die Rostocker in Uwe Klein einen neuen Sportlichen Leiter. Was passiert wenn Hansa absteigt? "Damit beschäftige ich mich nicht! Für mich geht es darum, nach vorne zu schauen und schnellstmöglich genügend Abstand auf die Abstiegsränge zu schaffen", sagt der ehemalige Co-Trainer von Fortuna Düsseldorf.

Neben Dynamo Dresden und Hansa Rostock spielen vier weitere Ostklubs in der dritten Liga. Nur zwei Traditionsvereine repräsentieren momentan noch den Fußball-Osten im deutschen Bundesligafußball: Der 1. FC Union Berlin und der FC Erzgebirge Aue, hinzu kommt RB Leipzig. So wenig Ostfußball gab es selten, Aue und Union spielen in der zweiten Liga erneut gegen den Abstieg. Es breitet sich ein weißer Fleck auf der deutschen Fußball-Landkarte aus, Hansa Rostock und Dynamo Dresden veranschaulichen das nur all zu gut.

Seit Anfang des Jahres ist Ralf Minge wieder Sportlicher Leiter bei Dynamo Dresden. Er reibt sich auf für den Verein, tagtäglich. Am Anfang der Saison wurde das belohnt, die junge Mannschaft startete furios in die Saison. Jetzt haben sie seit sechs Spielen nicht mehr gewonnen, zum Relegationsplatz fehlen allerdings nur drei Punkte. "Wir müssen den Spagat aus strategischen und sportlichen Aspekten meistern", sagt Minge gewohnt gelassen: "Gut und effektiv wirtschaften, einen identitätsstiftenden Kader zusammenstellen und eine Spielphilosophie vorgeben."

Dresden will um den Aufstieg spielen, Hansa nicht absteigen

Uwe Klein spricht ernst, wenn er über die Zukunft von Hansa redet. Seit dem 6. November ist er Sportdirektor, viel Zeit sich einzuleben hatte er nicht. Schnell und zugleich produktiv arbeiten, das wird von ihm gefordert: "Damit wir da unten wieder rauskommen und Hansa die Klasse hält, müssen wir im Winter gegebenenfalls personell nachlegen", sagt er: "Sollte ein Angebot für einen unserer Spieler bei uns eingehen, müssen wir uns damit intern beschäftigen. Aber meine oberste Priorität ist sicher nicht, unser Tafelsilber zu verkaufen." Um die Mannschaft personell zu verstärken, braucht es aber Geld. Der Verkauf eines U19-Nationalspielers wie Max Christiansen würde sich sicher am ehesten lohnen.

Sportlich haben Klein und Minge nicht viel miteinander zu tun. Dresden will um den Aufstieg spielen, Klein will und muss den Abstieg verhindern. Es ist ein Ost-Duell, das an eine Zeit erinnert, in der der 1.FC Magdeburg gegen den AC Mailand noch den Europapokal gewann - eine Ära, die den DDR-Fußball prägte.

Mit Minge und Klein scheinen beide Klubs adäquates Personal gefunden zu haben. Wenn sie es schaffen, ihre Vereine mit dem Fernziel zweite Bundesliga wirtschaftlich und sportlich zu stabilisieren, könnte der Osten irgendwann vielleicht einmal wieder eine Rolle im Bundesligafußball spielen.

© sz.de/schma
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