Hannover 96 Wieder ein Abstiegskandidat

Der Unersetzliche: Jede Elf braucht einen Mittelstürmer wie den umworbenen Niclas Füllkrug, dem Hannover 96 in der vergangenen Saison 14 Treffer verdankte.

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  • Hannover 96 steht vor einer schweren Saison, ist der Klub gar ein Abstiegskandidat?
  • Martin Harnik (Bremen), Felix Klaus (Wolfsburg) sowie Abwehrchef Salif Sané (Schalke) haben den Verein verlassen.
  • Nun soll immerhin Torjäger Niclas Füllkrug langfristig gebunden werden.
Von Jörg Marwedel, Hannover

Über den Unternehmer und Vereinspräsidenten Martin Kind, 74, weiß man einiges. Dass er es zum Beispiel hasst, Urlaub zu machen. Dass er seit 1997 die Geschicke von Hannover 96 im Stile eines Sonnenkönigs leitet. Weshalb er jüngst vor Gericht zog, als ihm die Deutsche Fußball Liga (DFL) eine noch tiefer greifende Einflussnahme - Stichwort: 50+1-Regel - auf den Bundesligisten verweigert hatte. Weniger geläufig ist hingegen, dass Kinds Familie aus Chur stammt und ehedem von Pfarrern geprägt war. Deshalb besitzt Kind einen Schweizer Pass und hat ein Domizil in Klosters nahe Davos.

Kind wurde nicht Pfarrer, sondern Geschäftsmann. Doch die Ideen des Fabrikanten und 96-Vorstehers (der den Klub 1997 als Drittligisten vor der Insolvenz bewahrte) gehen nicht immer auf. Als Beleg kann der Erstliga-Abstieg 2016 gelten. Auch Kinds Einfall, mittels eines Schweizer Landsmanns die Kontrolle über die Profiabteilung zu erhöhen, muss jetzt wohl als gescheitert gelten. Im November 2016 war Martin Andermatt, 56, einst Trainer beim SSV Ulm und bei Eintracht Frankfurt, auf Kinds Wunsch zum Aufsichtsrat bestellt worden. Kurz danach bekam er zudem einen Vertrag als "Berater für strategische Entwicklung". Er sollte als Fachmann quasi den Sportchef überwachen.

Zweimal wollte Held schon aus Hannover fliehen

Als Andermatt vor zwei Wochen zum Trainingslager ins Schlosshotel Velden am Wörthersee reiste, war er kein Berater mehr, sondern nur noch Aufsichtsrat. Kind hatte die Vereinbarung aufgelöst, weil es immer wieder Probleme mit Manager Horst Heldt gab. "Theoretisch", sagte Kind dem Kicker, "bin ich von dem Denkmodell noch überzeugt, aber praktisch kenne ich die Probleme." Zweimal wollte Held schon aus Hannover fliehen. Im Spätherbst 2017 zum 1. FC Köln, im Frühjahr 2018 zum VfL Wolfsburg - auch deshalb, weil er mit Andermatt manchmal querlag. Gehe etwas schief, sagte Heldt, sei ja nicht Andermatts, sondern "mein Gesicht als Erstes in der Zeitung".

Jetzt möchte Kind, bevor er die seit Langem erwogene Beförderung des Aufstiegsmanagers Heldt zum Geschäftsführer Sport perfekt machen will, erst einmal sehen, ob der die Aufgaben dieses Sommers ebenso gut löst wie 2017. Damals hat Heldt nach dem Wiederaufstieg mit seinen Personalentscheidungen eine abstiegskampffreie Saison für Hannover gesichert.

Dabei kann Kind dem Rheinländer Heldt schon jetzt aus anderem Grunde danken. Der hat sich nämlich hervorgetan bei der Bewältigung der Krise mit den eigenen Hardcore-Fans. Bei denen ist Geschäftsmann Kind wegen seiner kompromisslosen Art gegen gewaltbereite Anhänger und seinem Versuch, quasi Besitzer von 96 zu werden, zum Feindbild geworden.

Der "Fußball-Romantiker" (so Heldts Selbstbeschreibung) hat sich in die Gespräche mit den kritischen Fans gestürzt. Vorläufiges Ergebnis des Dialogs: Anders als vorige Saison, als das Team darunter litt, dass die "Ultras" Unterstützung verweigerten, soll der Klub wieder angefeuert werden. Was ist, wenn Kinds 50+1-Anliegen irgendwann von der Justiz positiv beschieden wird, steht auf einem anderen Blatt.