Hannover 96 gegen Eintracht Braunschweig Ärger seit dem Mittelalter

Ein verstärktes Polizeiaufgebot, 700 Ordner, Alkoholverbot, Trennung der Fangruppen: Das erste Bundesliga-Derby zwischen Hannover und Braunschweig seit 37 Jahren verspricht vor allem viel Gewalt. Die extreme Zwietracht der beiden Lager hat historische Ursprünge. Manche rechnen gar mit Randal-Tourismus.

Von Jörg Marwedel

Am Mittwochabend geschah dann noch die Sache mit dem Schwein, und in Hannover glauben jetzt viele, dass sie von ein paar Braunschweigern ausgeheckt wurde. In Hannovers Oststadt musste eine Autofahrerin heftig bremsen, weil sie ansonsten ein Hausschwein überfahren hätte; es trug einen 96-Fanschal und in schwarzer Farbe war eine "96" auf die Borsten der linken Seite gemalt.

Aber die Sache mit dem Schwein ist nicht die einzige Aufregung vor dem ersten Bundesliga-Aufeinandertreffen der beiden Vereine seit 37 Jahren. Seit Tagen sind die Fanforen der beiden Klubs voll mit gegenseitigen Provokationen. Es ist eine aufgeheizte Stimmung vor dem von 96-Präsident Martin Kind als "Hochrisiko-Spiel" eingestuften Duell. Der Einsatzleiter der Polizei in Hannover, Guido von Cyrson, zitiert sogar Experten, die davon ausgehen, dass Schalke gegen Dortmund im Vergleich zum Niedersachsen-Derby "Kleinkram ist".

Gemeinsam deeskalieren: Die Präsidenten von Braunschweig, Sebastian Ebel (links), und Hannover, Martin Kind (Mitte).

(Foto: dpa)

Und auch Fan-Forscher Professor Gunter Pilz, bekennender 96-Anhänger, ist sich ziemlich sicher, dass die Aufrufe der Präsidenten, Politiker und Profis (die 96-Spieler veröffentlichten sogar einen offenen Brief an die Fans) wahrscheinlich nicht verhindern, dass die "tradierte Feindschaft eskaliert".

Etwa 850 Hooligans der Kategorie B und C, also der gewaltbereiten und gewaltsuchenden Fans, hat die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) auf beiden Seiten ausgemacht. Eintracht-Präsident Sebastian Ebel warnt zudem vor "Randale-Tourismus". Und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil fürchtet, dass einige "Vollidioten" unterwegs sein werden, die Spaß daran hätten, "Krach und Ärger zu machen".

Bundesliga "Schweigende Mehrheit wird langsam wach"
Fanforscher im Interview

"Schweigende Mehrheit wird langsam wach"

Hannover 96 spielt gegen Eintracht Braunschweig, wegen der ausgeprägten Feindschaft der Fanlager erwarten viele das brisanteste Derby der Saison. Der Fanforscher Gunter A. Pilz erklärt im Interview mit SZ.de, weshalb er den Vergleich mit Dortmund gegen Schalke unverantwortlich findet - und was er von den normalen Fans erwartet.   Von Carsten Eberts

Mit verstärktem Polizeiaufgebot, einer von Hannover auf 700 Ordner erhöhten Garde im Stadion, dem Verbot von Bier sowie Puffern im Stadion zwischen den Fans der beiden Klubs sollen mögliche Ausschreitungen verhindert werden. Deshalb bleiben in der Arena auch mehr als 1000 der 49.000 Plätze unbesetzt. Die Trennung der Fans, sagt der 96-Sicherheitsbeauftrage Jürgen Niggemeier, sei "das A und O".

Was aber sind die Ursachen dieser Feindschaft, die es auch bei Nachbarn wie Nürnberg und Fürth, Bremen und Hamburg oder eben Schalke und Dortmund gibt? In Braunschweig und Hannover gibt es gleich zwei historische Gründe für die bis heute haltende Zwietracht. Der eine liegt Jahrhunderte zurück. Im Mittelalter war Braunschweig die bedeutsamere Stadt, ehe Hannover politische Macht gewann, weil die Herrscher an der Leine zu Kurfürsten aufstiegen. Später überholte Hannover Braunschweig auch wirtschaftlich.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde es zudem Hauptstadt des neuen Bundeslandes Niedersachsen. Als der Braunschweiger Historiker Gerd Biegel vor wenigen Jahren ironisch bemerkte, er sei "so ausländerfreundlich, dass ich auch Studierende aus Hannover in meine Vorlesungen lasse", empörte sich der Landtagspräsident Jürgen Gansäuer. Er stammt aus Laatzen bei Hannover.

1963 wiederum hatte Hannover Anlass zu klagen, und zwar fußballerisch. Nicht der Antrag des zweimaligen deutschen Meisters 96 auf Aufnahme in die neue Bundesliga wurde angenommen, sondern der von Eintracht Braunschweig. Man fühlte sich betrogen und vermutete - wohl nicht völlig zu Unrecht -, dass Braunschweig die besseren Drähte zum Deutschen Fußball-Bund hatte. 1967 gewann die Eintracht sogar die deutsche Meisterschaft, was in der Lesart der 96-Fans "durch einfache Illusion suggeriert wurde". Noch heute würde von diesem angeblichen Triumph von "naiven Nachfahren erzählt".

Da ist die Frage, ob ein "Kreativ-Komplott", das sich die Marketing-Spezialisten aus Braunschweig und Hannover ausgedacht haben, Wirkung zeigt. Dort heißt es: "Wiedervereint in alter Liebe. Wiedersehen in Eintracht".