Hannover 96 Wenn die Fans im Moment des Triumphes fliehen

Hannover feiert die Tabellenführung - doch viele Fans haben das Stadion schon verlassen.

(Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images)
Von Carsten Scheele, Hannover

Als die Spieler von Hannover 96 an diesem historischen Freitagabend vor die eigenen Fans traten, wurde die ganze Diskrepanz deutlich, die diesen Verein so quält. Da erklomm die Mannschaft durch das 2:0 (0:0) gegen den Hamburger SV erstmals seit 1969 und für mindestens zwei Nächte die Tabellenspitze der Bundesliga; 48 Jahre hatte es also gedauert, ehe Hannover 96 das wieder geschafft hatte, wonach man sich im Profisport sehnt: ganz oben zu stehen.

Doch als die Spieler als Tabellenführer ihre "La Óla" machten, war die Kurve längst nicht mehr prall gefüllt. Zwischen dem begeisterten Teil der Fans klafften große Lücken, hier hatten zuvor die Ultras gestanden, die gemeinhin als treueste Fans unter den Anhängern gelten. Die treuesten Fans waren geflüchtet, sie ertrugen es im Moment des Triumphs nicht, mit den eigenen Spielern zu feiern.

Hannover siegt auch ohne Support

Viele von ihnen mögen in den Zwanzigern und Dreißigern sein, sie haben gute und schlechte Zeiten mitgemacht, es aber noch nicht erlebt, dass Hannover 96 Tabellenerster der Fußball-Bundesliga ist. Doch sie konnten sich nicht öffentlich mitfreuen. Die Spielzeit läuft für den Aufsteiger bislang völlig anders als erwartet, was für die Ultras ein besonderes Problem darstellt: Sie wollten dem ungeliebten Präsidenten Martin Kind, der dabei ist, die ganze Macht im Verein an sich zu reißen, mit einem Stimmungsboykott zeigen, was es heißt, Vereinspolitik an den Ultras vorbei zu machen. Doch nun das: Hannover siegt auch ohne ihre Unterstützung. In vier Spielen hat die Mannschaft, auch wenn es im Stadion manchmal leise war, überragende zehn Punkte geholt. Der Stimmungsboykott, der den Präsidenten empfindlich treffen sollte, er verpufft.

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Mit einem 2:0 über den Hamburger SV erobert der Aufsteiger den ersten Tabellenplatz. Doch die Proteste gegen den Präsidenten stören die gute Stimmung.   Von Carsten Scheele

Die Spieler scheinen ihren Weg gefunden zu haben, mit der Situation umzugehen. Auch beim letztlich ungefährdeten Sieg gegen den HSV, den Martin Harnik (49.) und Ihlas Bebou (82.) mit ihren Toren sicherstellten, zeigte sich der Aufsteiger als geschlossene Einheit. Als Mannschaft, die füreinander kämpft, die mit guter Stimmung im Team etwas mehr herausholt, als fußballerisch drin sein dürfte - auch wenn sie nicht ständig von den Rängen nach vorne gepeitscht wird.

Seine Profis hätten teilweise "echt begeisternden Fußball gespielt", sagte ein stolzer Trainer André Breitenreiter, der selbst erst einmal Tabellenführer war, kurzzeitig 2014 mit dem SC Paderborn. "Wir genießen das total", sagte auch Torschütze Harnik, der laut eigener Aussage noch nie ganz oben stand. Die Spieler kamen aus dem Grinsen kaum heraus, auch wenn die Stimmung während des Spiels wieder einmal speziell war.

Ein Stochertor erster Güte

Da erzielte Harnik mit einem Stochertor erster Güte den ersehnten Führungstreffer, die ganze Arena am Maschsee jubelte - bis die ätzenden "Kind muss weg"-Rufe der wenigen hundert Ultras die Euphorie wieder vertrieben, als müssten sie im Moment des Jubels zeigen, dass es ihnen um mehr geht. Die übrige Anhängerschaft zeigte sich erstmals wenig tolerant, brüllte "Ultras raus" zurück, was diese nur zu neuen Gesängen animierte. Unten auf dem Platz machte die Mannschaft die Tabellenführung klar, auf den Rängen attackierten sich die eigenen Fans.

Auch Horst Heldt, der Manager von Hannover 96, wusste nach dem Spiel kaum, was er zur Causa sagen sollte. Er hatte unter der Woche die Ultras scharf kritisiert, er halte die Entscheidung, die Unterstützung für die eigene Mannschaft einzustellen, "bedauerlich und deplatziert" genannt. Nun sah man ihm an, wie er um Worte rang. Natürlich müssten im Verein nicht alle einer Meinung sein, so Heldt salomonisch, aber schade sei es schon, dass nicht alle diesen Abend gemeinsam feiern konnten. "Die Mannschaft macht keine Politik", warb Heldt für die schwierige Situation seiner Spieler.

Die waren froh, über die Tabellenführung sprechen zu können - und nicht über die eigene Anhängerschaft. Den Ruf nach neuen Saisonzielen als Tabellenführer moderierte Harnik trotzdem schnell ab. "Wir freuen uns, vergessen aber nicht, wo wir herkommen", sagte der Österreicher. Aus der zweiten Liga nämlich, das Ziel könne nur Klassenerhalt lauten. "Wir denken jetzt nicht, dass wir mit den Großen mitzocken können", so Harnik weiter. Für einen Abend wollten die Spieler die schöne Momentaufnahme aber genießen. Und machten die "La Óla" eben mit jenen Fans, die zum Feiern geblieben waren.