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Handball-WM:Bevor ihnen die Luft wegbleibt

Handball: DHB-Spieler Hendrik Pekeler beim Spiel gegen Island

Einer, der die WM ebenfalls kritisch sieht: Hendrik Pekeler (vorne).

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Trotz erheblicher Risiken sollen die Handball-Weltmeisterschaften der Frauen und Männer stattfinden. Man sollte es keinem Spieler übel nehmen, wenn er freiwillig verzichtet.

Kommentar von Joachim Mölter

In Norwegen nehmen sie das Coronavirus so ernst, dass sie deswegen sogar große Sportereignisse absagen: erst ein Fußball-Länderspiel der Männer, nun Handball-Länderspiele der Frauen. In dieser Woche zog sich Norwegen als Co-Ausrichter der vom 3. bis 20. Dezember geplanten EM zurück. Von der hatte sich die Szene ein anderes Signal erhofft, auch im Hinblick auf die Männer-WM im Januar in Ägypten: Seht her, es ist doch möglich, internationale Events abzuhalten!

Ist es nicht, finden sie in Norwegen, zumindest nicht risikolos. Aber sie stehen recht alleine da mit ihrer Haltung: Seht her, es ist auch möglich zu verzichten!

Die zweite Corona-Welle, die derzeit um die Welt schwappt, müsste wohl zu einem Tsunami anschwellen, um die Turniere der Handballer zu verhindern. Die europäische Föderation EHF ist gewillt, die Frauen-EM durchzuziehen, und Norwegens Nachbar Dänemark ist bereit, sie alleine zu organisieren - sofern irgendjemand die Zusatzkosten übernimmt. Das scheint gewährleistet zu sein, für die EHF geht es ja um weitaus größere Summen, wenn eingeplante TV- und Sponsoreneinnahmen ausbleiben.

Je größer eine Blase ist, desto eher zerreißt es sie

Die Männer-Weltmeisterschaft wird ebenfalls stattfinden, vor allem wegen des Prestiges, das im Spiel ist. Hassan Moustafa, der Präsident des Weltverbandes IHF, ist Ägypter; er wird sich die Schmach einer Absage nicht antun, zumal extra drei Hallen neu gebaut wurden. Die Regierung wird die WM auch nicht abblasen: Die ist prima PR, eine Sache von nationalem Interesse, Ministerien sind eingeschaltet, die Weltgesundheitsorganisation. Es gibt ein Konzept für die Sicherheit aller Beteiligten, angelehnt an die geschlossenen Blasen, in denen im Sommer die Basketball-Ligen in Deutschland und den USA ihre Meister ermittelten. Wenn sich alle daran halten, kann im Grunde nichts passieren.

Es ist nur so: In Ägypten kommen viel mehr Handballer zusammen als es im Sommer Basketballer waren. Hassan Moustafa hat seine Heim-WM von 24 auf 32 Mannschaften aufgebläht - und je größer eine Blase ist, desto eher zerreißt es sie.

Der Drang, immer mehr haben zu wollen, fällt den Handballern nun auf die Füße. Klubs, nationale Ligen und internationale Verbände - alle wollen Geld verdienen, keiner mag auf etwas verzichten, nun ist der Kalender so voll mit Terminen, dass es kaum noch eine Möglichkeit zum Atemholen gibt: Von Ende Dezember bis Mitte Januar gehen Bundesliga-Betrieb, Champions-League-Endrunde, EM-Qualifikation und WM nahtlos ineinander über. Das ist eine Zumutung für die Spitzenspieler und ihre Gesundheit. Man sollte es keinem übel nehmen, wenn er in diesen Zeiten mal auf ein Ereignis verzichtet. Bevor ihm die Luft ganz wegbleibt.

© SZ vom 18.11.2020/ebc
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