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Sport und Corona:Gefahr durch Vielspielerei

VfL Wolfsburg v TSG Hoffenheim - Bundesliga

Bei der TSG 1899 Hoffenheim gibt es zahlreiche Coronafälle.

(Foto: Getty Images)

Im Frühjahr war der Sport Corona-frei. Jetzt liegt der Inzidenzwert in der Hoffenheim-Kabine bei 20.000. Doch Abstriche gibt es weiter nur im Rachen, nie beim Spielplan.

Kommentar von Claudio Catuogno

Hurra, die letzten vier Teilnehmer an der Fußball-Europameisterschaft im kommenden Sommer sind ermittelt: Ungarn, Schottland, Nordmazedonien und die Slowakei. Das Teilnehmerfeld ist komplett, das Turnier kann kommen! Oder doch nicht?

Wenn man Nachrichten hört wie jene von Domagoj Vida, dem Kapitän der kroatischen Nationalelf, der diese Woche während eines Freundschaftskicks von seiner Corona-Infektion erfuhr, in der Halbzeit ausgewechselt und isoliert wurde, worauf sich die Kollegen dann halt ohne ihn auf den Weg machten zum nächsten Kick in Schweden - dann müssten einem Zweifel kommen, ob der internationale Fußball nicht eher auf den großen Corona-Crash zusteuert als auf ein Turnier in zwölf Ländern zwischen Baku und Bilbao.

Auch das Nations-League-Spiel der DFB-Elf an diesem Samstag in Leipzig stand nach Positivtests im Team der Ukraine auf der Kippe.

Während man im Frühling an vielen Fußballstandorten in Europa noch stolz war, mit Hygienekonzepten den Spielbetrieb wiederbelebt zu haben, lange Zeit weitgehend coronafrei, sind die Infektionszahlen im Profisport längst in abenteuerliche Sphären gestiegen: Würde man die sechs Positivfälle im 30-Mann-Kader der TSG Hoffenheim mal nach Robert-Koch-Institut-Schule hochrechnen, käme man auf einen Inzidenzwert von 20 000 Neuinfektionen pro 100 000 Kabineneinwohnern. Das schafft nicht mal das Berchtesgadener Land.

An der Fußball-EM muss trotzdem niemand rütteln. Vielleicht sind im Juni 2021 längst alle Profis geimpft; in jedem Fall kehrt das warme Wetter zurück. Und wie man sich in Bubbles bewegt, also in den von der Öffentlichkeit abgeschotteten Blasen, vom Teamquartier zum Stadion, vom Privatbus zum Privatflieger - das hat der Profisport längst perfektioniert. Es hat bei der Finalserie der US-Basketballliga NBA in Florida so reibungslos geklappt wie beim Champions-League-Finalturnier in Lissabon, das der FC Bayern gewann.

Möglich, dass die Uefa ihr EM-Turnier in leeren oder halbvollen Stadien ausrichten muss, vielleicht klappt es auch nicht in zwölf Ländern. Aber es werden genug negativ getestete Spieler zur Verfügung stehen, die Fernsehmilliarden werden fließen, das große Ziel steht nicht zur Debatte. Die Frage ist eher, welcher Schaden auf dem Weg dorthin noch entsteht.

Eher unwahrscheinlich ist, dass der Sport mit der Domagoj-Vida-Methode durch den Winter kommt: Wer positiv ist, pausiert, alle anderen machen halt den nächsten Test, jetten zum nächsten Spiel - und wenn dann die nächste Runde Resultate reinflattert, schaut man weiter, wen man vom Feld holen muss.

Wie fragil das Gebilde ist, zeigt sich gerade im Handball: Da war der Ligabetrieb erfreulich reibungslos angelaufen, sechs Spieltage ohne Positivfälle - aber weil die Akteure dann zur Sternfahrt aufbrachen, jeder zu seinem Nationalteam und mit diesen weiter kreuz und quer über den Corona-Kontinent, steht nun alles infrage. Der Fortgang der Bundesliga. Die für Januar geplante WM in Ägypten.

Aber es ist halt in vielen Sportarten das Gleiche: Die Liga muss funktionieren, damit die Klubs überleben, die Verbände wiederum brauchen Länderspiele und Europapokal. Es ist ein einerseits lukrativer, andererseits ruinöser Kreislauf, aus dem es schon vor der Pandemie kein Entrinnen gab. Bloß dass die Spieler damals mit kaputten Knöcheln oder Bändern zurückkehrten. Jetzt bringen sie das Virus mit. Abstriche gibt es trotzdem nur im Rachen, nicht beim Spielplan. Und irgendwann wird man vielleicht ein ungnädiges Urteil fällen: Der Sport hat seinen eigenen Lockdown provoziert. Weiterspielen unmöglich - wegen Vielspielerei.

© SZ vom 14.11.2020/bek
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