Handball-WM:Die Spieler treiben sich gegenseitig zu Höchstleistungen an

Auf der anderen, der internen Seite treibt es jeden Nationalspieler an, dass er sich seiner Sache nicht sicher sein und sich nicht auf früheren Erfolgen ausruhen kann. Silvio Heinevetter zum Beispiel, jahrelang die Nummer eins im DHB-Tor, musste bei der EM 2016 wegen Formschwäche zu Hause bleiben; seitdem hält er besser denn je. Und Andreas Wolff, im vorigen Jahr der große Rückhalt beim Gewinn der Europameisterschaft in Polen wie beim Gewinn von Olympia-Bronze in Brasilien, war derart angestachelt durch seine 60-minütige Versetzung auf die Ersatzbank beim WM-Auftakt, dass er zwei Tage später den hoffnungslos unterlegenen Chilenen nicht das geringste Erfolgserlebnis gönnte. "Er hat jedes Gegentor als persönliche Beleidigung genommen", beobachtete der DHB-Vizepräsident Bob Hanning.

So wie sich die beiden Torhüter gegenseitig zu Höchstleistungen animieren, so tun das auch die Feldspieler. Der Kreisläufer Jannik Kohlbacher von der HSG Wetzlar, mit 21 Jahren der jüngste Akteur im deutschen WM-Kader, gehört zu den Europameistern von 2016, fiel für Olympia aber aus dem Kader. "Das war für mich erklärbar", sagt er, "aber es war auch noch mal ein Antrieb: Ich wollte mir nicht noch mal einen Traum vor der Nase wegschnappen lassen." Gegen Chile war Kohlbacher mit acht Treffern nicht nur bester Torschütze, sondern mit seinen 105 Kilo auch eine Macht in der Abwehr. Sigurðsson bescheinigt ihm, "seit Olympia Riesenschritte gemacht" zu haben: "Er ist sehr wertvoll für uns, und er hat die Möglichkeit, Weltklasse zu werden." Man darf das auch als Signal an Kohlbachers Positionskollegen Patrick Wiencek (Kiel) und den diesmal pausierenden Hendrik Pekeler (Rhein-Neckar Löwen) verstehen: Nicht nachlassen!

Aufstellungsfrage wird jeden Tag aufs Neue gestellt

Gegen Chile hat Dagur Sigurðsson all jene viel spielen lassen, die gegen Ungarn nicht oder nur wenig zum Einsatz gekommen waren. Er hat einen älteren Spieler wie Kai Häfner, 27, geschont und dafür einem jüngeren wie Simon Ernst, 22, Spielpraxis auch auf ungewohnten Positionen verschafft. "Wir haben einen breiten Kader, in dem jeder seine Qualitäten hat", sagt der Rückraumspieler Häfner. Jetzt sind alle 15 Mann des Aufgebots drin in der WM, haben ein Gefühl für das Turnier, sind zufrieden. Und in den kommenden Spielen gegen Saudi-Arabien am Dienstag und Weißrussland am Mittwoch können alle noch ein bisschen mehr üben und sich für die weiteren, schwierigeren Aufgaben in der K.-o.-Runde empfehlen. "Es läuft nicht mit einem Algorithmus ab", sagt Sigurðsson zu seinen Aufstellungsplänen, "wir gucken einfach von Spiel zu Spiel. Es kommt auch immer auf den Gegner an."

Die Aufstellungs-Frage, sie wird den deutschen Handballern jeden Tag gestellt, und jeden Tag wird sie mit anderen Worten beantwortet, aber mit dem gleichen Inhalt. "Es ist immer der an der Reihe, der von Dagur ins Tor beordert wird", sagt Andreas Wolff. Auch im Namen seines Konkurrenten Heinevetter versichert er: "Wir machen beide unseren Job."

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