Handball-WM:DHB-Team siegt wie in einem Testspiel

Handball WM · Chile - Deutschland

Acht Treffer gegen Chile: Jannik Kohlbacher war Deutschlands bester Werfer.

(Foto: dpa)

Von Joachim Mölter, Rouen

Nach zwanzig Minuten wurde es dann mal kurz aufregend in der Handball-Partie zwischen Deutschland und Chile. Nacheinander waren die Kreisläufer Patrick Wiencek und Jannik Kohlbacher für zwei Minuten vom Feld verbannt worden, dann wälzte sich Regisseur Paul Drux auf dem Boden und hielt sich den rechten Fuß. Die überwiegend deutschen Zuschauer unter den 5200 Besuchern in Rouen wurden unruhig, sie pfiffen. Aber die Hektik legte sich so schnell wie sie aufgekommen war: Die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) wahrte auch in doppelter Unterzahl ihren Vorsprung, der zu dieser Zeit bereits acht Tore betrug (12:4). Und Paul Drux blieb auf der Bank, seine Hilfe wurde nicht benötigt beim 35:14 (17:6). Stunden nach Abpfiff gab er leichte Entwarnung: "Der Fuß sieht schon besser aus, zum Glück nichts kaputt", signalisierte der Berliner. Bundestrainer Dagur Sigurdsson schonte am Sonntag noch eine Menge mehr Spieler im Vergleich zum WM-Auftakt gegen Ungarn am Freitag (27:23). Bis auf Wiencek schickte er eine komplett neue Anfangsformation aufs Feld - von einem B-Team konnte trotzdem keine Rede sein: Torwart Andreas Wolff, die Außen Rune Dahmke und Tobias Reichmann sowie die Rückraumspieler Simon Ernst, Kai Häfner und Julius Kühn sind allesamt Europameister. Auch Chiles Coach, der Spanier Mateo Garralda, hatte eine veränderte Sieben aufgeboten gegenüber dem überraschenden Auftaktsieg über Weißrussland (32:28). Es war der erste Erfolg der Chilenen in einer WM-Vorrunde gewesen, und der eröffnete ihnen eine Aussicht aufs Achtelfinale. Gegen die Deutschen hatte sich Garralda - 2005 als Rechtsaußen in der spanischen Weltmeistermannschaft und seit einem Jahr für Chiles Nationalteam verantwortlich - freilich null Erfolgschancen ausgerechnet. "Als Trainer darf ich meine Schiffe nicht gegen Deutschland verbrennen", hatte er erklärt, "der Gegner, den es zu schlagen gilt, um weiter zu kommen, ist Saudi-Arabien." Auf den treffen die Chilenen zum Vorrundenabschluss am Freitag; danach wird es in der Gruppe C zu einem weiteren Showdown kommen: Weil auch die Kroaten am Wochenende ihr zweites WM-Spiel gewannen, mit 31:28 gegen Ungarn, wird sich wohl im direkten Duell zwischen Kroatien und Deutschland (17.45 Uhr/live auf handball.dkb.de) entscheiden, wer Gruppenerster und wer Zweiter wird, wer in der K.o.-Runde den angenehmeren Weg nach Paris einschlagen darf und wer den beschwerlicheren über Montpellier nehmen muss. "Das Spiel gegen Kroatien ist jetzt ein bisschen weit nach vorne gedacht", findet Torhüter Silvio Heinevetter, am vorigen Freitag der große Rückhalt gegen Ungarn. Vor diesem Treffen warten als Gegner ja noch Saudi-Arabien am Dienstag und Weißrussland am Mittwoch (jeweils 17.45 Uhr). "Jetzt müssen wir erst mal zwei Hausaufgaben erledigen", sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning, "dann reicht vielleicht ein Unentschieden gegen Kroatien für den Gruppensieg." Die Chilenen werden auf dem Spielfeld von den drei Feuchtmann-Brüdern Emil, Erwin und Harald angeführt, Nachkommen eines deutschen Seefahrers, der in den dreißiger Jahren an Südamerikas Küste hängengeblieben war. Fast alle Spieler des Teams sind in zweit- oder drittklassigen europäischen Ligen unterwegs, "wir sind klar besser", hatte Bundestrainer Sigurdsson vor der Partie gesagt und gefordert: "Wir müssen das auf dem Feld auch zeigen." Das taten seine Spieler von Anfang an, sie probierten allerlei Spielzüge aus, über den Kreis kam vor allem Kohlbacher zum Erfolg (acht Tore), über Gegenstöße war es Dahmke (sieben); die deutschen Handballer wurden allerdings auch nicht ernsthaft gehindert von den Chilenen. "Neue Erkenntnisse bringt so ein Spiel nicht", erkannte der DHB-Vize Hanning. Bundestrainer Sigurdsson wies nur auf eine Gemeinsamkeit mit seinem Kollegen aus Chile hin: "Beide Trainer haben schon die Saudis im Kopf." Kann sein, dass er dann auf seinen Kapitän Uwe Gensheimer verzichten muss, der gegen Chile viermal erfolgreich war, jedes Mal per Siebenmeter.

Am Freitag gegen Ungarn hatte der Linksaußen von Paris St. Germain sogar 13 Mal getroffen, darunter achtmal von der Linie, was eine bemerkenswerte Leistung war: Vor einer Woche war sein Vater überraschend gestorben, er war erst am Tag vor WM-Beginn zum Team gestoßen. Dass er überhaupt gekommen war, hatte seinen Kollegen mindestens ebenso viel Respekt abgenötigt wie sein anschließender Auftritt. Gegen Chile saß Gensheimer abgesehen von den Siebenmetern auf der Bank, er sah, dass auf seinen Vertreter Dahmke Verlass ist. Der Kieler wird den Kapitän im Laufe der Woche erneut ersetzen müssen, wenn der zur Beerdigung noch mal nach Hause zu seiner Familie fährt.

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