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Handball im Fernsehen:Jedes Jahr ein Quotenhit

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Handballer Kai Häfner ist energisch unterwegs, Millionen schauen ihm zu.

(Foto: AFP)

Erst die Vierschanzentournee, jetzt Handball: Im Januar zeigt sich, dass neben Fußball auch andere Sportarten ein Millionenpublikum finden. Die Regie vertraut auf den Serien-Effekt.

Damals, als die Mauer noch stand und das Fernsehen analog war, gab es diesen Dauerbrenner, der ein Millionenpublikum vereinte: Was bin ich? - das heitere Beruferaten mit Robert Lembke. Gerne zitiert wird bis heute dieser eine Satz: "Welches Schweinderl hätten sie denn gerne?" Das grüne? Das rote? Das blaue? Im Schweinderl wurden Fünfmarkstücke versenkt; immer eines für jede Frage, die der Gast (Schornsteinfeger? Puppendoktor? Mittelstürmer?) mit einem "Nein" beantworten konnte. Dieses Glücksschwein, dies nur nebenbei, gilt als Vorläufer des heute bekannteren Phrasenschweins. Das kommt allsonntäglich im Sport1-Fußball-Talk Doppelpass zum Einsatz, wenn mal wieder "das Runde im Eckigen" versenkt oder "der Sand in den Kopf" gesteckt wird. Jede Phrase kostet dort fünf Euro.

Und damit zum Handball. Stets im Januar wächst dieses Spiel zum Quotenhit. Das WM-Halbfinale war die meistgesehene Sportsendung im Jahr 2019, im Schnitt 11,901 Millionen verfolgten die deutsche Niederlage gegen Norwegen. Da hielten Jogi Löw und der FC Bayern nicht mit, selbst der Nations-League-Kracher gegen die Niederlande gab sich mit 11,836 Millionen knapp geschlagen.

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Die Handball-Regie vertraut auf den Serien-Effekt, am Vorabend von 18 bis 20 Uhr, wechselweise in ARD und ZDF. Da zeigt der Sport auf der Plattform der Öffentlich-Rechtlichen, dass es noch anderes gibt als Fußball. Auch die Vierschanzentournee fliegt durch dieses Loch - 7,08 Millionen schauten dem Finale in Bischofshofen zu. Die Handballer setzen nun auf die Kraft der Wiederholung. Von Spiel zu Spiel, von Sieg zu Sieg lernt das Publikum die Figuren wieder besser kennen: Gensheimer, den mit dem Gummiarm; Drux, den Mann ohne Mimik; den bitterbösen Wolff im Tor (Phrasenschwein! Fünf Euro, geschenkt).

Bundestrainer Prokop sorgt für einen schrägen Einstieg

Dieses Kennenlernen, das Identifizieren, das Mitleiden ist das Geheimnis des Erfolgs. Das ebbt schlagartig ab, sobald die Deutschen raus sind, jede Serie ist vorbei, wenn der Hauptdarsteller stirbt. Den Serien-Effekt des eskalierenden Interesses haben die Fußballer 2019 hingegen weitgehend verloren, sie haben ihn freiwillig verkauft für ein Splitterprogramm. Denn ob ein Spiel im Pay-Kanal Sky, beim Streaming-Dienst DAZN, auf dem Eurosport-Router, bei der Telekom, Amazon oder wo auch immer läuft, wissen nur Spezialisten. Wo seh ich's? Wer Fußball sucht, braucht einen Kompass.

Schon gibt es aus der Fußballzunft heraus Tendenzen, dies zu korrigieren. Es soll wieder mehr Kickerei im Free-TV zu sehen sein. Die regelmäßigen Spiele vor einem Zehn-Millionen-Publikum - besonders zur Wochenmitte aus der Champions League - fehlen, seit sie dem ZDF zu teuer wurden. In diesen Spielen aber konnte der Fußball seine Zielgruppe erweitern und animieren, zum Trikotkauf und zum Genuss von Schokocreme.

Gewiss, die deutsche Sport-TV-Landschaft ist zerklüfteter als andere. Aber bisweilen ist man ganz froh, dass die Öffentlich-Rechtlichen noch um ihren Stammplatz kämpfen. So nahmen 5,15 Millionen die Chance wahr, am Donnerstag einen ziemlich schrägen Einstieg in die Handball-EM-Serie zu erleben, als die Richtmikrofone beim 34:23 gegen die Niederlande eine deutsche Taktikbesprechung belauschten. "Äh, äh, wie heißt du?", fragte Bundestrainer Prokop plötzlich einen seiner Spieler. Eine irritierende Fachfrage, die Prokop als "Wortfindungsstörung" deutete. Ein Schweinderl war zwar nicht zur Hand, aber man wollte dann doch alles wissen, wie einst beim Beruferaten: Wie heißt er? Wo wohnt er? Was tut er?

Der Unbekannte wurde als Timo Kastening, 24, Hannover, Rechtsaußen eingeführt. So geht Serie. Fortsetzung folgt. An diesem Samstag gegen Spanien.

© SZ vom 11.01.2020
Handball-EM "Äh, äh, wie heißt du?"

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"Äh, äh, wie heißt du?"

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