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Deutschland bei der Handball-EM:Plötzlich wie ausgewechselt

Handball EM: Weißrussland - Deutschland

Zeigte eine starke Partie: Timo Kastening (rechts) wird auch zum "Spieler des Spiels" gewählt.

(Foto: dpa)
  • Die deutschen Handballer zeigen ihre bislang beste Leistung bei der EM und besiegen Weißrussland verdient 31:23 (18:11).
  • Die Leistungssteigerung gilt es nun, im nächsten Spiel gegen Kroatien zu bestätigen.
  • Hier geht es zum EM-Spielplan.

Schon erstaunlich, was ein Ortswechsel alles bewirken kann. Nach ihrem Umzug vom EM-Vorrundenort Trondheim nach Wien zur Hauptrunde waren die deutschen Handballer nicht wiederzuerkennen. Alle Trübsinnigkeit, die sich ihrer bemächtigt hatte in den düsteren Tagen in Mittelnorwegen, schien abgefallen zu sein, als sie am Donnerstagabend in der Wiener Stadthalle gegen Weißrussland in die zweite Etappe der kontinentalen Meisterschaft starteten.

Offensichtlich auch beflügelt von den zahlreichen deutschen Fans unter den 5000 Zuschauern gewann die Auswahl des Deutschen Handballbundes mit unverhoffter Leichtigkeit 31:23 (18:11) und hielt sich damit alle Chancen offen, das angestrebte Halbfinale zu erreichen. Ihre Leistungssteigerung muss sie allerdings am Samstag (20.30 Uhr/ZDF) gegen die bisher verlustpunktfreien Kroaten bestätigen.

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Nach der fast schon besorgniserregenden Vorrunde in Trondheim hatte Kapitän Uwe Gensheimer versprochen, in Wien "einen kompletten Neustart" hinzulegen: "Wir wollen zeigen, zu was wir fähig sind." Nun, das war tatsächlich allerhand und in jedem Fall mehr, als nach der Vorrunde zu erwarten gewesen war. "Das war eine deutliche Leistungssteigerung in allen Mannschaftsteilen", sagte Bundestrainer Christian Prokop hoch erfreut bei der ARD: "Die Jungs haben das fantastisch gelöst."

Kühn wird zur Pause in der Kabine eingeschlossen

Zunächst einmal brachte der Turnier-Neuling Timo Kastening das lang vermisste Tempospiel in Gang; der quirlige und gedankenschnelle Rechtsaußen führte die Konter an, er traf dabei nicht nur selbst (insgesamt sechsmal), sondern gönnte auch seinen Nebenleuten Erfolgserlebnisse, indem er ihnen einige Male den Ball überließ, als er selbst hätte abschließen können. Im Positionsangriff gelangen zudem einige Ballstafetten verblüffend reibungslos, was man in Trondheim auch nicht gesehen hatte. Dazu kamen weitere Überraschungselemente: So schloss Linksaußen Gensheimer (drei Tore) einen Angriff erfolgreich sogar von rechts ab.

Die Deutschen waren derart in Fahrt gekommen, dass sie am Ende der Pause beinahe sogar ihren bis dato besten Torschützen in der Kabine vergessen hätten: Wie die ARD berichtete, war Julius Kühn eingesperrt worden. "Ich war als Letzter auf der Toilette und habe schon so etwas geahnt. Ich habe dann panisch gegen die Tür geklopft. Zum Glück saß davor ein Mann von der Security, der mich gehört hat", erzählte der 26-Jährige. Dabei hätte die DHB-Auswahl an diesem Abend Kühn und seine vier Tore gar nicht gebraucht um zu gewinnen.

Denn auf der anderen Seite hielt auch Torwart Andreas Wolff wieder mal den einen und anderen Ball. Der 28-Jährige hatte das Vertrauen von Bundestrainer Prokop erhalten, obwohl er zuletzt 21 Würfe nacheinander hatte passieren lassen. Den letzten Ball abgewehrt hatte er zu Beginn des zweiten Vorrundenspiels gegen Spanien; was danach auf sein Tor kam, ging auch hinein. Wolff war wie der Türsteher einer schlecht besuchten Dorfdisco, der nur pro forma Wache schiebt und alles reinlässt. Am Donnerstagabend näherte er sich zumindest wieder seiner Normalform und parierte jeden dritten Ball.

Golla hilft, die Lücken zu stopfen

Gegen Weißrussland hatten die deutschen Handballer erst einmal verloren, das war anno 1994 bei der EM-Premiere in Portugal gewesen, 23:24. Trotzdem hatte Bundestrainer Prokop viel Respekt vor dem Gegner gehabt, das zeigte schon der Wechsel, den er vor der Partie in seinem 16- Mann-Aufgebot vorgenommen hatte: Für den Rückraumspieler Marian Michalczik, 22, holte er den Kreisläufer Johannes Golla in den Kader.

Der sollte mit seiner auf 1,95 Meter verteilten Masse von 110 Kilo mithelfen, Lücken in der Defensive zu stopfen. "Wir haben noch nicht unser Niveau von der WM 2019 erreicht", als das Team Vierter wurde, "vor allem nicht in der Abwehr", hatte Prokop die Maßnahme erklärt. Auch in dieser Hinsicht war sein Team am Donnerstagabend nicht wiederzuerkennen.

© SZ vom 17.01.2020/ebc
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