Borussia Dortmund:Der BVB vollzieht den Generalumbau

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Borussia Dortmund: Willkommen: Torjäger Sébastien Haller, hier links im Champions-League-Spiel mit Ajax Amsterdam gegen seinen künftigen Teamkollegen Mats Hummels.

Willkommen: Torjäger Sébastien Haller, hier links im Champions-League-Spiel mit Ajax Amsterdam gegen seinen künftigen Teamkollegen Mats Hummels.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Süle, Schlotterbeck, Adeyemi, Özcan - und nun der Stürmer Sébastien Haller. Borussia Dortmund startet unter dem reaktivierten Trainer Edin Terzic eine echte Transferoffensive.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Der Handschlag von Vereinsarzt Markus Braun mit dem Neuen hatte etwas seltsam Beiläufiges. Dabei soll Sébastien Haller bei Borussia Dortmund einen ersetzen, den sie statt Haaland gerne auch mal Heiland genannt haben. Und dem manche in der zum Überschwang neigenden Fußballwelt auch übermenschliche Fähigkeiten bescheinigen wollten. Haller dagegen dürfte irdisch sein, und auch der obligatorische Medizincheck bei Markus Braun soll nichts Gegenteiliges ergeben haben.

Den Umbau, die Transferoffensive, den Charakterwandel bei Borussia Dortmund soll der neue Mittelstürmer aber doch irgendwie symbolisieren. Noch nie hat der BVB so eine Summe für einen Torjäger ausgegeben. Nicht mal vor 20 Jahren für den brasilianischen Superdribbler Marcio Amoroso, der damals dann prompt Torschützenkönig und Meister mit den Borussen wurde. Knapp jenseits von 30 Millionen Euro zahlt Dortmund, um nun Haller bei Ajax Amsterdam loszueisen. Ein Zeichen für den energischen Kurswechsel.

In den zurückliegenden Wochen hatte der BVB schon eingekauft wie selten zuvor. Und keine zarten Pflänzchen diesmal, keine 17-jährigen Talente. Niklas Süle (ablösefrei vom FC Bayern München), Nico Schlotterbeck (für geschätzte 25 Millionen Euro vom SC Freiburg), Karim Adeyemi (30 Millionen/RB Salzburg) sind drei aktuelle, mehr oder weniger junge deutsche Nationalspieler. Dazu Salih Özcan (5 Millionen/1.FC Köln), der alle DFB-Juniorenteams durchlief, inzwischen aber als A-Nationalspieler für die Türkei aufläuft. Und jetzt eben Haller, den man in Deutschland am besten als Teil der vielgerühmten "Büffelherde" aus der Zeit bei Eintracht Frankfurt kennt.

Die Saison mit Rose fühlte sich für viele wie Nachsitzen mit Strafarbeit an

Dazu haben sie sich in Dortmund auf ihren Pokalsieger-Trainer von 2021 zurückbesonnen, Edin Terzic, der das Jahr von Trainer Marco Rose als gut dotierter Technischer Direktor verbrachte und Rose jetzt wieder ablöst.

Ganz schön viel Veränderung auf einmal. Aber die Saison mit Rose, im vergangenen Jahr für fünf Millionen Ablöse von Borussia Mönchengladbach in den Osten des Ruhrpotts gelotst, fühlte sich in Dortmund für viele wie Nachsitzen mit Strafarbeit an. Auch wenn die Mannschaft souverän auf Platz zwei in der Liga einlief. Die teilweise grotesken Aussetzer in den Pokal-Wettbewerben, die scheinbare Abwesenheit von taktischen Grundlinien, das oft emotionslose, bisweilen fast planlos wirkende Gekicke, dazu die vielen mysteriösen Muskelverletzungen. Es verleidete nicht nur den Fans den Spaß am Emotionsklub BVB, sondern offenbar auch dem Management.

Der Abschied von Rose soll, wie man hört, weniger harmonisch gewesen sein als zunächst kolportiert. Dafür kehrt Dortmund nun mit dem Erz-Dortmunder heim zu verklärter Ruhrgebietsfolklore, reloaded mit jeder Menge Hightech und Moderne des Sportwissenschaftlers Terzic. Wer die Bilder vom Pokalsieg aus Berlin anschaut, dem bricht die wuchtige Gefühligkeit entgegen. Spieler wie Marco Reus, der der absolute Liebling von Terzic sein soll, oder Mats Hummels werden glücklich über den Wechsel zurück nach vorn sein. Sehr junge Spieler sind ohnehin das Lieblingsthema des Trainers, von dem sie in Dortmund sagen, dass sein größtes Problem vielleicht sei, dass er deutlich zu viel arbeite.

Teenager wie Moukoko, Rothe und Bynoe-Gittens rechnen sich nun wieder gute Chancen aus

BVB-Talent Youssoufa Moukoko, immer noch erst 17, hat seine Wechselideen sofort abgehakt, als Terzic wieder ins Amt geholt wurde. Auch die anderen ganz Jungen im Kader, Tom Rothe und Jamie Bynoe-Gittens, beide ebenfalls 17, dürfen sich bei Terzics Fußball-Weltsicht Chancen ausrechnen, sogar auf Startelf-Einsätze.

Haller dagegen ist eher ein Kontrastprogramm, 28 Jahre alt und mit seinen 1,90 Meter verschafft Haller sich gerne Platz und Respekt im Strafraum. Seine Trefferquote sei "gut", sagt BVB-Boss Hans-Joachim Watzke, "vor allem, wenn man bedenkt, dass er fast immer fit ist und auch noch Tore seiner Mitspieler vorbereitet." Kleiner Verweis auf Erling Haaland, für den der BVB beim Weggang zu Manchester City 75 Millionen Euro kassieren konnte, die jetzt helfen, den Dortmunder Generalumbau zu finanzieren. Haaland hatte in seiner Zeit beim BVB häufige, längere Verletzungsphasen. Haller, der in der Nähe von Paris auf die Welt kam, dessen Vater aber aus einer deutschstämmigen Familie stammt, während die Familie der Mutter von der Elfenbeinküste einwanderte, traf bei Ajax vergangene Saison in 41 Spielen 34 Mal, unter anderem auch in beiden Champions-League-Gruppenspielen gegen Dortmund.

Wer aber Haller für den bisher wichtigsten Transfer des BVB hält, kennt die interne Einschätzung nicht. Da glaubt man, dass Salih Özcan, im vergangenen Jahr in seiner Heimatstadt Köln einer der großen Aufsteiger der Bundesliga-Saison, für die Stabilität der zuletzt oft erschreckend konfusen Defensive eine Schlüsselrolle zukommt. Gemeinsam mit Jude Bellingham trauen ihm Terzic und Co. im zentralen Mittelfeld zu, dieses Einfallstor zu schließen.

Bleibt bei allem Umbau nur die Frage, was aus der Resterampe werden soll, also denen, die in der Saison unter Rose ihren Ruf nicht gerade polieren konnten. Oder die einen guten Marktwert und ein gutes Image haben: Manuel Akanji etwa, Thorgan Hazard oder Nico Schulz. Auch bei Anfragen für Emre Can und sogar Raphael Guerreiro würde der BVB wohl nicht Nein sagen. Aber allzu viele Anrufe kommen wohl nicht. Wer sich Dortmunder Gehälter leisten kann, der sucht oft nach anderen Typen. Eher nach Büffeln wohl, wie neuerdings auch Dortmund.

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