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Dortmunds Erling Haaland:Einer für die große Bühne

Champions League - Round of 16 First Leg - Sevilla v Borussia Dortmund

Wie bekommt man Erling Haaland in den Griff? Die Spieler von Sevilla versuchten sich vergeblich gegen den Stürmer des BVB.

(Foto: Marcelo Del Pozo/Reuters)

Wieder einmal brilliert Erling Haaland in der Champions League. Die Königsklasse bedeutet ihm viel - umso mehr dürfte es dem BVB vor dem Derby helfen, in der Bundesliga zuzulegen.

Von Ulrich Hartmann

In Dortmund tun sie wirklich alles, um es ihrem Stürmer Erling Haaland so angenehm wie möglich zu machen. Sie sind jetzt drauf und dran, sogar ins Viertelfinale der Champions League einzuziehen, weil der Norweger diese Abendspiele vor einem kontinentalen Millionenpublikum doch so liebt. Der Trainer Edin Terzic hat den 20-Jährigen am Mittwoch beim 3:2-Hinspielsieg beim FC Sevilla außerdem von den mühevollen und kraftraubenden Pressing-Aufgaben ein bisschen entbunden, damit er nach Ballgewinnen der Kollegen schneller in torgefährliche Positionen rennen kann. Um seinen Stammplatz in der Startelf muss sich Haaland ja ohnehin nie Sorgen machen, und aus unbestätigten Quellen ist zu vernehmen, dass Haaland auch noch so viel Gehalt bekommt, dass er sich ein vernünftiges Auto, eine warme Mahlzeit und sogar hier und da eine Yoga-Stunde leisten kann.

Haalands Vertrag beim BVB gilt bis 2024, aber kaum ein Branchenkenner geht davon aus, dass er wirklich noch so lange das schwarz-gelbe Trikot trägt. Tatsächlich ist es sogar so, dass die Wahrscheinlichkeit auf seinen Verbleib mit jedem seiner Tore ein bisschen sinkt. 28 Treffer in 31 Bundesligaspielen hat Haaland geschossen. Und in der Champions League ist seine Quote noch viel besser. Am Mittwoch in Sevilla hat er sie mit zwei Treffern auf 18 Tore in 13 Spielen verbessert. 18 Tore in seinen ersten 13 Spielen hatte in der Geschichte dieses Wettbewerbs überhaupt noch nie jemand geschossen. Cristiano Ronaldo nicht, Lionel Messi nicht und auch nicht Robert Lewandowski. Weil Haaland gerade auf der großen Bühne regelmäßig an seinem Leistungslimit spielt, drohen den Dortmundern baldige Avancen der bedeutendsten europäischen Klubs.

Mahmoud Dahoud setzt einen schönen Fernschuss ins Netz

Aber es gibt da eine noch viel größere Gefahr, wenn es um Haalands Verbleib in Dortmund geht. "Die Champions League ist der spannendste Wettbewerb, die ist etwas ganz Besonderes und ich habe die Erwartung an mich selbst, dass wir uns jedes Jahr qualifizieren", hat Haaland vor ein paar Tagen gesagt. Gegen Sevilla winkt im Rückspiel der Einzug ins Viertelfinale. Gegen Borussia Mönchengladbach winkt im DFB-Pokal der Einzug ins Halbfinale. Aber die neuerliche Qualifikation für die Champions League in der Bundesliga - ausgerechnet die steht momentan auf der Kippe. Und niemand ist sich sicher, dass es Haaland genügt, mit einem vernünftigen Auto durch Dortmund zu fahren und ein paar Yoga-Stunden zu nehmen, wenn er mit dem BVB nicht auch in der Champions League spielen dürfte, sondern nur in der Europa League gegen Rasgrad oder Luhansk.

0:1 lagen die Dortmunder in Sevilla früh zurück, ehe der seit zweieinhalb Jahren trefferlose Mahmoud Dahoud den zuvor zwölf Stunden und sieben Minuten ohne Gegentreffer spielenden Andalusiern mit einem wundervollen Fernschuss das Tornetz ausbeulte. Dies war die Ouvertüre zu einer großen Oper, für die in der 27. und 43. Minute natürlich Erling Haaland zuständig war. Erst finalisierte er einen gelupften Doppelpass mit Jadon Sancho zum 2:1, dann schlenzte er eine Steilvorlage von Marco Reus zum 3:1 ins Tor. Hinterher schwelgte er von "Leidenschaft" im Team und bekam gleich wieder rote Wangen vor Wonne. Doch als ihm während des TV-Interviews die bevorstehende Bundesliga-Partie einfiel, da wurde Haaland plötzlich wieder ernst.

Die Bundesliga, der Alltag, die Routine - ausgerechnet hier wird darüber entschieden, wer nächste Saison in der Champions League mitmachen darf. Sechs Punkte beträgt momentan Dortmunds Rückstand auf jenen vierten Tabellenplatz, den man mindestens erreichen muss, um sich für das europäische Rampenlicht zu qualifizieren. Nicht nur beim 1:2 in Freiburg sowie beim jüngsten 2:2 gegen Hoffenheim hatten die Dortmunder ein paar Probleme mit ihrer Leidenschaft, und wer sich im profanen Alltag nicht zum Äußersten motivieren kann, der droht eben den siebten Fußballhimmel zu verfehlen.

Mit Motivationsschub geht's zum Derby nach Schalke

Da trifft es sich gut, dass die Borussen mit ihrem Motivationsschub aus Sevilla am Samstagabend nach Gelsenkirchen reisen dürfen, wo man im Ortsteil Buer auf den Erzrivalen Schalke trifft. In diesen Duellen geht es der Sage nach zwar stets um deutlich mehr als nur drei Punkte, auf eine Abkürzung in die Champions Leage sollte Haaland in diesem Zusammenhang aber nicht hoffen. "Wir müssen unsere Einstellung vom Mittwoch mitnehmen in das Spiel am Samstag", sagt der Norweger, dem es anders als eingefleischten Fans beider Klubs eher nicht allzu nahe gehen dürfte, dass dieses Ruhrderby das letzte für mindestens eineinhalb Jahren sein könnte - falls Schalke wirklich absteigen sollte.

Aber auch für Dortmunds derzeitigen Cheftrainer Terzic wird es in dieser Funktion das erste und letzte Revierderby. Er wird in der kommenden Saison bekanntlich vom Gladbacher Trainer Marco Rose abgelöst und hat sich entschieden, als dessen Assistent beim BVB zu bleiben, anstatt sich anderswo eine neue Stelle als Chef zu suchen. Bei Rose wird Terzic allerdings nur einer von drei Co-Trainern sein, denn der Gladbacher bringt mit Alexander Zickler und René Maric bereits zwei Assistenten mit. Zu viert werden sie also mitfiebern, ob Haaland nächste Saison noch zur Dortmunder Belegschaft gehört.

© SZ/khoe
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