bedeckt München

Gladbach gegen Real:Sicherer Sieger bis zur 87. Minute

Casemiro macht das späte 2:2.

(Foto: AP)

Borussia Mönchengladbach führt lange 2:0, steht kurz vor einem historischen Triumph gegen Real Madrid - und vergibt wie in der Vorwoche den Sieg gegen eine Top-Mannschaft in der Schlussphase.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

Mit einem Déjà-Vu beendeten die Fußballer von Borussia Mönchengladbach das zweite Champions-League-Spiel gegen den zweiten scheinbar übermächtigen Gegner binnen sieben Tagen. Wie schon nach dem 2:2 bei Inter Mailand in der Vorwoche waren sie nach ihrem 2:2 (1:0) am Dienstagabend gegen Real Madrid hin- und hergerissen zwischen Stolz und dem Ärger darüber, einen bezwingbaren Giganten letztlich doch nicht bezwungen haben zu können. 2:0 hatten sie bis zur 87. Minute geführt durch zwei Tore von Marcus Thuram (33., 58.), dann kamen die Madrilenen tatsächlich noch zum späten 2:2-Ausgleich.

"Es ist immer scheiße, wenn du spät den Ausgleich bekommst", sagte Christoph Kramer unverblümt beim TV-Sender Sky. "Direkt nach dem Spiel ist es sehr ärgerlich." Es gebe "logischerweise aber auch viel Positives". Das sah auch Trainer Marco Rose, der lobte: "Insgesamt war das von meiner Mannschaft ein sehr geschlossener und guter Auftritt." Auch Torwart Yann Sommer lobte "die starke Leistung", aber: "An der Schlussphase - daran müssen wir arbeiten."

In der sogenannten Hammergruppe erweisen sich die unterschätzten Gladbacher aber weiterhin als subversive Kneifzange und bringen die angedachte Ordnung gehörig durcheinander. Während Real nach zwei Spielen mit einem mageren Pünktchen dasteht und fürchten muss, erstmals den Einzug in die K.o.-Phase zu verpassen, hegen die Gladbacher mit ihren zwei Punkten leise Hoffnung, erstmals seit 1978 wieder ins Achtelfinale des bedeutendsten europäischen Klubwettbewerbs einzuziehen.

Dass die international noch nicht allzu erfahrenen Gladbacher ihre Champions-League-Nervosität bereits in der Vorwoche in Mailand abgelegt hatten, das wurde früh deutlich in einer ersten halben Stunde, in der die Madrilenen sie tüchtig laufen ließen. Real spielte sich wie im Training den Ball zu, erpicht darauf, den Hausherren jeglichen Zugriff zu verwehren. Doch sie verpassten, sich dabei auch Chancen zu erspielen. Zwei Mal, erst gegen Toni Kroos, dann gegen Asensio, bewahrte Torwart Yann Sommer seine Borussen vor einem Gegentor. Dass diese aber sogar mit einer 1:0-Führung in die Pause gingen, lag an einer tollen Balleroberung und einem noch schöneren Spielzug in der 33. Minute.

Jonas Hofmann erlief einen schlampigen Pass von Kroos, Alassane Plea spielte dann erst einen schnellen Doppelpass mit Hofmann und dann einen solch präzisen flachen Diagonalpass auf den in den Strafraum stürmenden Marcus Thuram, dass dieser aus vollem Lauf einen Schuss wie einen Strich direkt ins Herz der Königlichen drosch. Plötzlich merkten die Madrilenen, dass ihnen die Champions League nach der Auftaktniederlage gegen Donezk zu entgleiten drohte. Ihrem nun hektischer werdenden Spiel tat das nicht gut.

Die Gladbacher hatten genau gewusst, worauf es in solch einem Spiel ankommt, und das hatte mit Tradition nichts zu tun. "Die Tradition hilft uns in der Gegenwart nicht", hatte der Trainer Marko Rose gesagt und darauf verzichtet, mit seiner Elf noch einen Spaziergang durchs vereinseigene Museum zu machen. Dort, in einem Anbau des Stadions, hätten sie ansehnliches Material gefunden zur ruhmreichen Vergangenheit, aber sie hätten dort auch erkennen müssen, dass die vergegangenen Duelle mit Real verloren gegangen waren - und zwar beide Male nur entsprechend der Auswärtstor-Regel. 1976 hatten sie im Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister erst 2:2 gespielt und dann in Madrid 1:1; und 1985 im Viertelfinale des Uefa-Pokals hatten sie erst 5:1 gewonnen und dann in Madrid 0:4 verloren. Mit Real verbinden Ur-Gladbacher nichts Gutes, denn beide Heimspiele 1976 und 1985 fanden aus Kapazitätsgründen im Düsseldorfer Rheinstadion statt, und das Spiel am Dienstag im Borussia-Park musste wegen der hohen Corona-Inzidenz vor komplett leeren Rängen ausgetragen werden.

1976 hatten für Gladbach etwa Rainer Bonhoff, Berti Vogts und Jupp Heynckes gespielt sowie für Real Paul Breitner und Günter Netzer; 1985 spielten für Gladbach zum Beispiel Frank Mill, Michael Frontzeck und Ewald Lienen sowie für Real Jorge Valdano und Emilio Butragueño. Im aktuellen Vergleich lagen die Madrilenen in Sachen Namhaftigkeit natürlich klar in Führung: Sergio Ramos, Toni Kroos, Casemiro, Asensio und Benzema - sie standen alle in der Startelf. Bis auf eine Position die Startelf aus dem siegreichen Clasico.

Mit Milde hatten die Borussen nicht gerechnet nach Reals Auftaktniederlage gegen Donezk. "Sie sind überall gut besetzt", hatte Rose eine Floskel benutzt. Aber manchmal erweisen sich Floskeln ja auch als Blendwerk. Nach der Pause hätten die Madrilenen den Druck gern erhöht, doch die Gladbacher standen mit aller Disziplin hervorragend, ließen weiter wenig zu und blieben gefährlich mit Kontern. Aus einem solchen ging in der 58. Minute das 2:0 hervor, als Thuram einen Rebound verwandelte, nachdem Torwart Thibaut Courtois einen Plea-Schuss hatte abprallen lassen.

Bis zur 87. Minute sahen die Gladbacher wie die sicheren Sieger aus. Doch Karim Benzema (87.) und in der Nachspielzeit Casemiro brachten Gladbach um den Lohn.

© SZ vom 28.10.2020/schm
Lokomotiv Moskva v FC Bayern Muenchen: Group A - UEFA Champions League

FC Bayern
:"Man kann den Sieg ruhig dreckig nennen"

Lokomotive Moskau stellt den FC Bayern vor fast schon ungewohnte Probleme. Beim 2:1-Sieg versäumt es die Elf, Kraft für kommende Aufgaben zu sparen. Trainer Flick beklagt "unnötige Meter".

Von Christof Kneer

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite