Fußball-WM 2006 Zweifelhafte Aufklärer

2016 präsentierten die Verantwortlichen des DFB um Präsident Grindel (l.) und die Kanzlei Freshfields den Report zur WM-Affäre 2006.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)
  • Die Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer sollte als unabhängige Instanz die Sommermärchen-Affäre aufklären.
  • An ihrem Schlussbericht zum WM-Skandal taten sich Kritikpunkte auf.
  • Nun zeigen SZ-Recherchen: Schon im Umfeld der WM-2006-Vorbereitungen waren Freshfields-Anwälte für jenes deutsche OK im Einsatz, dessen Wirken Freshfields Jahre später durchleuchten sollte.
  • Aus Sicht der Kanzlei "lag weder ein Interessenkonflikt noch eine Befangenheit vor".
Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner, Frankfurt

Es war noch gut ein halbes Jahr bis zur Fußball-WM 2006 in Deutschland, und das Organisationskomitee (OK) hatte zunehmend Probleme in einem heiklen Geschäftsbereich zu lösen. Es ging um das Ticketing, um so verzwickte Dinge wie Optionsprogramme, "TST-Karten" oder die Frage, wie sich die "deutsche Fußballfamilie" mit Karten versorgen lassen kann. Diesen Kernkomplex der WM-Vorbereitung stemmte das von Franz Beckenbauer geleitete OK nicht nur mit eigenem Personal. Es beauftragte die Experten einer Kanzlei. Und die hieß nach SZ-Recherchen: Freshfields Bruckhaus Deringer.

Das birgt Sprengkraft. Denn neun Jahre später erlangte Freshfields mit einem anderen Mandat im nationalen Fußball große Bekanntheit: Es war die Kanzlei, die der Deutsche Fußball-Bund (DFB) im Herbst 2015 beauftragt hat, als unabhängige Instanz die Sommermärchen-Affäre aufzuklären. Die Firma sollte die Geldflüsse um eine inzwischen berüchtigte 6,7-Millionen-Euro-Überweisung aufhellen. Im Raum stand der Verdacht deutscher Stimmkäufe bei der WM-Vergabe, es ging um mutmaßlich schmutzige Deals rund um das Turnier. Der DFB trug das Freshfields-Mandat von Beginn an wie eine Monstranz vor sich her: Seht her, wir tun alles Erdenkliche in Sachen Transparenz - wir lassen uns sogar völlig unabhängig durchleuchten! Ein in der Sportwelt einmaliges Vorgehen sei das, bejubelten sich die DFB-Granden noch bei der Präsentation des Schlussberichtes.

Das war im März 2016. Danach wurde allerdings bald deutlich, dass die Arbeit von Freshfields wenig Aufklärung bot - stattdessen bemerkenswerte Auslassungen und, so zumindest der Eindruck, auch Täuschungsmanöver. Nun zeigen SZ-Recherchen, dass bei dieser Aufklärungs-Liaison von Beginn an ein gravierender Interessenkonflikt bestand.

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Denn schon damals, im Umfeld der WM-2006-Vorbereitungen, waren Freshfields-Anwälte intensiv im Einsatz - für jenes deutsche OK, dessen Wirken Freshfields Jahre später durchleuchten sollte. Die Kanzlei erhielt nach SZ-Informationen seinerzeit Honorare im sechsstelligen Bereich, allein in einem Quartal summieren sich die Rechnungen auf fast 100 000 Euro. Zahlreiche Telefonate, Prüfungen und andere Dienstleistungen gab es im Zusammenhang mit Problemen im Ticketsektor; auch Treffen mit dem zuständigen DFB-Ticketmanager und hohen OK-Vertretern, die Freshfields später in seiner Aufklärerrolle befragen musste, sollen demnach dazugehört haben. Wie hoch genau der Umfang der Tätigkeit und die Entlohnung war, teilen weder die Kanzlei noch der DFB auf Anfrage mit. Klar ist jedoch, dass Freshfields selbst in jener WM-Vorbereitungsphase mitwirkte, welche die Kanzlei später zu durchforsten hatte.

Was der DFB und Freshfields sagen

Dass Freshfields trotzdem im Herbst 2015 - nur Stunden nach Publikation des ersten Spiegel-Textes zur WM-Affäre - vom DFB mandatiert wurde, wirft Fragen auf. Galt die Kanzlei nicht als befangen? Warum wurde nicht einfach eine andere genommen? Und weshalb wurde nicht zumindest darüber informiert, dass hier kein externer Prüfer, sondern ein ehemaliger WM-Helfer an Bord geholt worden war?

Ein DFB-Sprecher beantwortete diese Fragen wie folgt: "Kanzleien prüfen vor Annahme eines neues Mandats etwaige Interessenkonflikte, die einer Beauftragung entgegenstehen. Auch Freshfields hat dies getan und bestätigt, dass ein Interessenkonflikt nicht vorliegt." Und weiter: "Wir gehen davon aus, dass Freshfields seinen Auftrag mit Blick auf den Report entsprechend sorgfältig, unvoreingenommen und fachgerecht ausgeführt hat."

Im Übrigen sei der DFB-Führung um den aktuellen Präsidenten Reinhard Grindel und dessen Vize Rainer Koch "bei der Beauftragung nicht bekannt" gewesen, "dass Freshfields auch ein Mandat für das OK der WM 2006 hatte". Der heutige DFB-Präsident Grindel war im Herbst 2015 noch Schatzmeister des Verbandes und in dieser Funktion der Verbindungsmann des Präsidiums zu Freshfields.

Ein Sprecher der Kanzlei wiederum teilte der SZ auf einen Fragenkatalog zum Thema mit: "Es lag weder ein Interessenkonflikt noch eine Befangenheit vor, da es keine anderen Mandate gab, die den Gegenstand unserer Untersuchung betroffen hätten. Dies haben wir im Rahmen unserer üblichen Konfliktprüfung bei Mandatsannahme selbstverständlich geprüft."

Aber reicht das wirklich, um Befangenheit auszuschließen? Ist man nicht auch dann befangen, wenn man selbst zum Gegenstand der Untersuchung werden kann?

Die Beteiligten hätten jedenfalls schon deshalb sensibilisiert sein müssen, weil ja früh Zweifel an der Unabhängigkeit der Kontrolleure aufkamen: Unmittelbar nach der Beauftragung 2015 wurde bekannt, dass sich Freshfields-Frontmann Christian Duve und Friedrich Curtius - damals Büroleiter des in den Skandal verstrickten DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach und später unter der neuen Führung um Grindel zum Generalsekretär aufgestiegen - aus gemeinsamer Vorstandstätigkeit im Frankfurter Rotary-Club kannten.

Zudem gab es früh Berichte, dass Freshfields drei, vier Jahre zuvor auch für den Fußballfunktionär Mohammed Bin Hammam und sogar im Umfeld des Organisationskomitees für die Katar-WM 2022 tätig gewesen war. Bin Hammams Firmen und Katar: Das sind auch Schlüsselfelder bei der Jagd nach den verschobenen Millionen im deutschen WM-Skandal - und auch Katar 2022 hängt der Verdacht auf gekaufte Voten an. Freshfields verteidigte seine Tätigkeit damals auch mit dem Hinweis, dass die Mandate für Katar im Bereich Fußball keinen Bezug zum Untersuchungsmandat beim DFB hätten.