Fußball: Regeln:652.000.000 Euro

In einer regelrechten Kampagne fordert Gunter Sachs größere Tore für den Fußball - er hat bereits die richtigen Maße berechnet. Was in dieser Rechnung fehlt: die Kosten für die weltweite Umrüstung.

Jürgen Schmieder

Der Mann kennt sich aus mit Zahlen, er bezeichnet sich selbst als Erbsenzähler. Exakt 1000 Rosen ließ Gunter Sachs im Jahr 1966 in den Garten einer Angebeteten regnen. Das von ihm gegründete "Institut zur empirischen und mathematischen Untersuchung des möglichen Wahrheitsgehaltes der Astrologie in Bezug auf den menschlichen Charakter" errechnete den Zusammenhang zwischen Sternzeichen und menschlichem Verhalten.

WM 2010 - Deutschland - England

Bei einem Gunter-Sachs-Tor hätte es keine Diskussion gegeben - der Ball wäre ohne Lattenberührung ins Tor gefallen.

(Foto: dpa)

Wenn also Gunter Sachs eine Berechnung zu seinen beiden Hobbys - Sport und Mathematik - aufstellt, dann ist davon auszugehen, dass sie fundiert ist. Und wenn er diese Rechnung nicht nur in Gastbeiträgen und Interviews formuliert, sondern mehrere Anzeigen in den großen Tageszeitungen schaltet und einen Verein gründet, dann ist es diesem Mann ernst. Es geht nicht um Rosen im Garten, um Brigitte Bardot oder Fotografie - sondern um den Fußball.

"Tore! Wo bleiben die Tore?", fragt Sachs provokativ in den Anzeigen seines Vereins "Das größere Fußballtor e. V." in den Zeitungen. Die Resultate von Fußballspielen würden unaufhaltsam gegen null tendieren. Während bei der Weltmeisterschaft 1954 noch 4,83 Tore pro Spiel gefallen waren, gab es beim Turnier 2010 gerade einmal 2,27 Treffer pro Partie. "Die Verteidiger sind effektiver geworden, es gibt bessere Bälle, das Spieltempo ist höher, die Taktiken sind raffinierter", sagt Sachs. Die einzige Abhilfe seiner Meinung nach: "Das kann nur durch die Größe des Tores austariert werden."

Es gibt mehrere Legenden, wie die Größe von Fußballtoren am Ende des vergangenen Jahrhunderts bestimmt wurde. Ein Lord könnte das Maß von acht mal 24 Fuß (2,44 mal 7,32 Meter) willkürlich festgelegt haben. Es könnte auch ein Scheunentor gewesen sein, auf das gebolzt wurde und zufällig jene Maße hatte. Fest steht nur: Vieles im Fußball hat sich verändert, die Größe der Tore nicht. In einem Gastbeitrag in der FAZ stellte Sachs die Resultate des ersten Vorrundenspieltags untereinander, die vielen Tore der deutschen Elf bezeichnete er als "Ausreißer der wilden Deutschen".

Die einfache Forderung: Die Zielfläche für den Angreifer ist zu klein, also müssen die Tore vergrößert werden - und schon gibt es mehr Treffer. Nun ist Gunter Sachs keiner, der eine derartige These einfach in den Raum stellt, ohne sie zu untermauern. Er hat gerechnet und Experimente mit einer Fußballkanone durchgeführt. "Dabei ist herausgekommen, dass sieben Zentimeter auf jeder Seite und neun Zentimeter in der Höhe ausreichen, damit aus jedem zweiten Latten- oder Pfostenschuss ein Tor würde", sagt er.

Prominente Unterstützung

Prominente und fachkundige Unterstützung erhielt Sachs schon vor Jahren von Ralf Rangnick. Er forderte mit dem Verweis auf die durchschnittliche Größe der Torhüter: "Daraus ergäben sich dann Tore, die etwa einen Meter breiter und 30 Zentimeter höher sind. Ich kann mir vorstellen, dass durch die simple Vergrößerung der Fußballtore, der sich abzeichnenden Verringerung der Torerfolge entscheidend entgegengewirkt werden könnte."

Nun wurde Sachs' Forderung bereits mehrfach interpretiert, hinterfragt und persifliert - es wurde etwa eine Maximalgröße für Torhüter von 1,40 Meter gefordert. Dabei wird das eigentliche Problem meist in einem Nebensatz abgetan - die Kosten. "Ein modernes Tor kostet zwischen 1000 und 1300 Euro", sagt Sachs - und fordert sogleich, dass die nicht allzu arme Fifa den Vereinen doch einen Kredit geben könne.

Doch wie hoch wäre dieser Kredit? Laut Fifa gibt es derzeit etwa 326.000 registrierte Fußballvereine weltweit. Wenn man nun bei optimistischer Rechnung davon ausgeht, dass jeder Verein nur ein Spielfeld umrüstet und keinen Trainings- oder Nebenplatz unterhält, dann braucht es 652.000 neue Fußballtore. Und geht man von 1000 Euro pro Tor aus, dann würde diese Vergrößerung weltweit 625 Millionen Euro kosten. Nur für die registrierten Vereine, die Spielplätze von Hobbyklubs, Betriebsmannschaften und Schulen ist da noch nicht eingerechnet, eine weltweite Umrüstung auf allen Plätzen könnte eine Milliarde Euro kosten.

625 Millionen Euro. Nicht für Entwicklungshilfe. Sondern für größere Tore. Das könnte selbst für die nicht allzu arme Fifa, die durch die WM 2010 Einnahmen von etwa 2,6 Milliarden Euro erwartet, eine arg hohe Summe werden. Dann doch lieber alle vier Jahre einen Ball wie den Jabulani einführen, der auch bei kleineren Toren am Torhüter vorbeisegelt.

© sueddeutsche.de/jja/leja
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