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Deniz Naki:"Mir geht es darum, dass der Krieg aufhört"

Deniz Naki

Deniz Naki: Ein Fußballer in wichtiger Mission (Archivbild)

(Foto: dpa)

Deniz Naki ist früherer Bundesliga-Profi und kompromissloser Kritiker der türkischen Regierung. Dafür ist er gerade knapp einer Gefängnisstrafe entkommen - zu seinem Wort stehen will er weiterhin.

Als Deniz Naki im Sommer in Diyarbakır im türkischen Südosten ans Telefon ging, sprach er beiläufig einen brutalen Satz aus: "Jetzt telefonieren wir", sagte der in Düren geborene Fußballer, "in einer Woche bin ich vielleicht weg." Er meinte: weggesperrt. Oder Schlimmeres.

Im Januar hatte Naki mit seinem Klub, dem Drittligisten Amed SK, dem Verein der etwa 15 Millionen türkischen Kurden, im Pokal den Erstligisten Bursaspor besiegt. Auf Facebook schrieb er, dass er den Erfolg den Opfern der türkischen Militäroperation gegen kurdische Rebellen widme, "den Menschen, die in den 50 Tagen der Unterdrückung getötet oder verletzt wurden". Dazu stellte er ein Bild seines Unterarmes, auf den er das kurdische Wort Azadi tätowiert hat, Freiheit.

Deniz Naki Verfahren gegen Deniz Naki eingestellt
jetzt
Türkei

Verfahren gegen Deniz Naki eingestellt

Der frühere Spieler des FC St. Pauli war in der Türkei wegen "Terror-Propaganda" angeklagt - der Staatsanwalt forderte nun überraschend die Einstellung des Verfahrens.

Fortan war er für die Kurden eine laute Stimme - und für die Regierung ein Feind. Der türkische Fußballverband belegte ihn mit einer Sperre von zwölf Spielen. Nach der Verhängung des Ausnahmezustands im Juli musste Naki fürchten, dass seine Worte wahr würden: Am Dienstag musste er sich jetzt vor einem Gericht in Diyarbakır wegen des Vorwurfs der Propaganda für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK verantworten, er stand zu seinen Aussagen und rechnete mit bis zu fünf Jahren Haft.

Doch Naki ist immer noch da. Am Mittag trat er vor dem Gerichtssaal vor die Mikrofone der Journalisten, nur etwa eine Stunde nach Prozessbeginn. Der Staatsanwalt selbst hatte unter Verweis auf die Meinungsfreiheit um eine Einstellung des Verfahrens gebeten. Naki sagte der Welt, was ihn zuletzt angetrieben habe und weiterhin seine Motivation sei: "Ich will nicht, dass Menschen sterben. Mir geht es darum, dass der Krieg aufhört."

Es ist knapp eineinhalb Jahre her, dass Naki, 27, eine besondere Entscheidung traf; eine, die so nicht viele Sportler treffen. Es war die Entscheidung, seine Bühne als Fußballer nicht mehr zur Vermehrung von Ruhm und Reichtum zu nutzen, sondern für seine politische Gesinnung. Naki ist ein talentierter Offensivspieler, unverschämt trickreich, torgefährlich. Er lief für die deutsche U 21-Nationalmannschaft auf, spielte in Leverkusen, St. Pauli und Paderborn. In Hamburg liebten ihn die Fans, doch er stritt oft mit seinen Trainern, konnte sich nicht durchsetzen.

Naki will kein Politiker sein, nur zu seinem Wort stehen

Naki ist im Rheinland aufgewachsen, als Sohn kurdischer Eltern. Sein Vater, ein Kommunist, floh in den Siebzigerjahren vor dem türkischen Militärregime nach Deutschland. Deniz Nakis Handrücken ziert ein Che-Guevara-Tattoo.

Als Kurde, sagt er, würde man politisch aufwachsen, ob man will oder nicht. Immer wieder rief Naki im Internet zur Solidarität mit seinem Volk auf, auch als er vor zwei Jahren inzwischen in der Türkei bei Gençlerbirligi Ankara spielte. Islamisten, sagt er, hätten ihn auf der Straße angegriffen. Naki löste seinen Vertrag auf, entschied sich für den Wechsel zu Amed SK nach Diyarbakır ins fußballerische Nirgendwo - und wurde zu einem der umstrittensten Sportler des Landes.

Für Jan van Aken von den Linken, der den Prozess beobachtete, geht vom Freispruch, den sich Nakis Anwalt nur mit der internationalen Aufmerksamkeit erklären konnte, eine politische Signalwirkung aus: "Druck auf die türkische Regierung funktioniert." Das müsse eine Lehre sein.

Naki will kein Politiker sein, nur zu seinem Wort stehen. Am Mittwoch wird er wieder für Amed SK auflaufen und wieder für mehr spielen als nur drei Punkte in der dritten Liga, für Freiheit. Am Dienstag aber hat er zunächst mit seinem Vater telefoniert, um ihm zu sagen, dass er in Sicherheit ist.