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Fußball in Italien:Der Unvollendete twittert sein Karriereende

Semi Final Germany vs Italy

Antonio Cassano (l.): Abschied vom Profifußball

(Foto: dpa)
  • Antonio Cassano beendet seine Karriere mit 35 Jahren und will sich mehr seiner Familie widmen.
  • Vielen war er vor allem durch ein Spiel bekannt: Im Halbfinale der EM 2012 bildete er ein erfolgreiches Duo mit Mario Balotelli.
  • Viel gewonnen hat er nicht, obwohl er sich bei so starken Klubs wie AS Rom, Real Madrid und dem AC Mailand verdingte. Prägender war seine Ehrlichkeit, die im Fußball selten geworden ist.

Von Birgit Schönau, Rom

Antonio Cassano? Das ewige Enfant terrible des italienischen Fußballs - ja, war der denn nicht längst weg vom Fenster? War er. 2015 mit dem FC Parma pleitegegangen, erneut adoptiert von seinem alten Klub Sampdoria Genua, nach Verhaltensauffälligkeiten wieder lautstark suspendiert und anschließend leise entlassen, in ein Jahr der Untätigkeit.

Aber kaum war der Sommer ins Land gezogen, da hatte Cassano einen neuen Job, diesmal beim Aufsteiger Hellas Verona. Und alle freuten sich: die Fans auf seine Kunststücke. Die Medien auf seine Clownerien. Und der Klub, weil man für 300 000 Euro Jahresgehalt ablösefrei einen unstrittig talentierten Angreifer angeheuert hatte. Zwar ist Cassano mit seinen 35 Jahren nicht mehr ganz taufrisch, aber der ehemalige Bayern-Stürmer Luca Toni, der seine Karriere bei Hellas inzwischen beendet hat, war auch mit 38 noch einmal Torschützenkönig der Serie A und bester Torjäger der Vereinsgeschichte geworden.

Und Beckmann sagte in der ARD: "Zwei Straßenköter im Strafraum: Balotelli und Cassano."

Aber Cassano, der wird nun nie mehr Torschützenkönig. Nach nur zwölf Tagen Trainingslager mit Hellas ging ihm die Puste aus. "Antonio Cassano wird nicht mehr Fußball spielen", verkündete er auf dem Twitter-Account seiner Frau: "In meinem Alter ist die Motivation entscheidend." Und genau die fehle ihm für die Fortführung der Karriere: "Für mich hat nun die Familie Priorität." Cassano entschuldigte sich noch bei Klub, Teamkollegen und Fans.

Die zeigten sich fassungslos oder empört wie Präsident Maurizio Setti, ein Textilunternehmer. "Der ist nicht ganz richtig im Kopf", schäumte Setti. Schon vor Beginn des Trainingslagers hatte der Spieler Zweifel bekundet und wollte sich zurückziehen. Cassanos Ehefrau und Setti, der um das größte Schnäppchen seines Sommereinkaufs bangte, konnten ihn zum Weitermachen bewegen. Doch die Tage mit dem Team bekräftigten nur Cassanos Entschluss. Zunächst teilte er nur seinen Abschied von Verona mit, Stunden später kam die Ankündigung, ganz mit dem Fußball aufzuhören. Wieder täglich trainieren mit neuen Kollegen, wieder sich beweisen müssen, wieder kämpfen, diesmal nicht um Trophäen, nur um den Klassenerhalt: Das alles will er nun nicht mehr.

"Eine ehrliche Entscheidung, um die er sicher sehr gerungen hat", kommentierte Cesare Prandelli, der einst als Italiens Nationaltrainer auf Cassano gesetzt hatte: "Ich finde das sehr würdig und möchte ihm gratulieren." Schade nur, so Prandelli, dass es vorbei sei mit dem Vergnügen, Antonio Cassano spielen zu sehen: "Wir wissen alle, zu was er mit dem Ball am Fuß fähig ist."

In Deutschland wurde der kompakte, immer leicht übergewichtige Spieler aus dem süditalienischen Bari vor allem durch ein Spiel bekannt. Es war jenes Halbfinale der EM 2012, bei dem Cassano seinem Sturmpartner Mario Balotelli derart erfolgreich assistierte, dass Italien mit zwei Balotelli-Treffern 2:1 gewann. Auf das Match folgten ein paar diplomatische Verwicklungen, als in Italien der Studiokommentar der deutschen ARD-Fußballer Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl ruchbar wurde. "Die Italiener haben da zwei Pflegefälle vorne rumrennen, die überhaupt nicht zu kontrollieren sind", sagte Scholl in der Pause über Balotelli und Cassano: "Die machen alles wie auf der Straße. Die wissen selber nicht, was sie tun, aber das machen sie grandios." Und Beckmann konterte: "Zwei Straßenköter im Strafraum: Balotelli und Cassano."

Über seine Familie weiß man einiges, aber wenig Gutes

Politiker und Medien in Italien zeigten sich empört. Cassano, den Straßenköter, kratzte es nicht. Er hatte nicht wie auf der Straße Fußball gespielt, sondern in einer der höchstdotierten Nationalmannschaften der Welt. Und schwieg. Jeder bellt halt, wie er's gelernt hat, und manche müssen lauter bellen, weil sie keinen Biss haben. Der Fußballer Cassano hat nie ernsthaft zugefasst, kein Knurren und kein Zähnefletschen. Er wollte eigentlich immer nur spielen, auf eine tatsächlich welpenhaft-tapsige, aber auch strahlend leichtfüßige Art den Ball bewegen. Dauernd schlug er über die Stränge, die Regeln waren ihm ebenso schnuppe wie Verträge und Gehalt. Letzteres war ja sowieso immer unvorstellbar viel. "Nie hätte ich gedacht, mal so viel Geld auf einem Haufen zu sehen", sagte Cassano am ersten Zahltag als Profifußballer. In der Serie A debütierte er mit 17.

"Wenn ich nicht Fußballer geworden wäre, hätte ich wohl eine kriminelle Laufbahn eingeschlagen", hat Cassano mal gestanden, mit dieser schönen, für ihn typischen Ehrlichkeit, die im Mittelklasse-Fußball unserer Zeit auf der roten Liste steht. Er stammt, was ja mittlerweile eine echte Rarität für einen europäischen Fußballer ist, aus jenem Subproletariat, das es ja angeblich in Europa schon nicht mehr gibt. Über seine Familie weiß man einiges, aber wenig Gutes. Zum Beispiel, dass ein älterer Halbbruder in Bari als Anführer der "Porsche-Cayenne-Bande" bekannt war. Benannt nach jenem Gefährt, mit dem Bruder Cassano und seine Ganoven geklaute Geldautomaten abtransportierten.

Zu Trainer Fabio Capello sagte er, dieser sei "falscher als das Geld bei Monopoli".

In seinen Memoiren behauptete Antonio unter anderem, 600 Frauen beglückt zu haben (er selbst drückte sich anders aus): "Ich habe das gleiche Laster wie Michael Douglas. Nur, dass der dafür ins Krankenhaus musste und ich nicht." Als das Buch herauskam, war er 26 und ziemlich stolz darauf, als größte Knalltüte des Calcio zu gelten. Viel gewonnen hat er nicht, obwohl er sich bei so starken Klubs wie AS Rom, Real Madrid und dem AC Mailand verdingte. Seine Laufbahn bei den Königlichen war nach nur einer Saison (2006/07) vorbei, als er seinem Trainer Fabio Capello vor versammelter Mannschaft ins Gesicht schrie: "Du bist ein Sch ... kerl. Falscher als das Geld bei Monopoly!"

Vielleicht ist der Trainer von Verona doch ganz froh, dass dieser Kelch an ihm vorübergeht. Nach mehr als 500 Pflichtspielen und 139 Toren hat Antonio Cassano die Nase voll vom Fußball. Mit ihm geht ein großer Unvollendeter, der in einem ganz normalen Familienleben mit Frau und zwei Kindern seine Erfüllung sucht. Der unwiderstehliche Straßenköter Cassano flüchtet tatsächlich in ein kleinbürgerliches Leben, aber die Gefahr, als Fernsehexperte zu enden, ist doch relativ gering. "Es ist doch so", hat Cassano erkannt: "Ich habe mindestens so viel Talent wie Roger Federer. Aber seine Disziplin und seinen Ehrgeiz habe ich nicht."

© SZ vom 26.07.2017/ska

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