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Fußball-Fans:"Fans ohne Erzrivalen haben ein Problem"

FC Schalke 04 - Borussia Dortmund

Lieber separiert: die Fans von Dortmund und Schalke. Dazwischen: viele Polizisten.

(Foto: dpa)

Johannes Berendt von der Sporthochschule in Köln erklärt vor dem Nordderby zwischen Hamburg und Bremen, warum sich rivalisierende Klubs trotz aller Abneigung in Wirklichkeit brauchen.

Interview von David Ryborz

Der Fußball lebt auch von seinen Rivalitäten. Manchmal sind diese rein politisch motiviert, so wollen Dortmunder und Schalker Anhänger beispielsweise nicht, dass ihre Klubs ein gemeinsames Benefizspiel austragen. Aber auch Ausschreitungen sind keine Seltenheit, weshalb vor dem 107. Nordderby zwischen dem HSV und Werder Bremen am Samstag das Polizeiaufgebot wieder massiv verstärkt wurde. Johannes Berendt vom Institut für Sportökonomie und Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule in Köln hat sich im Rahmen der Studie "Rivalität und Fan-Aggressionen" damit beschäftigt, wie Vereine die Aggressionsgefahr verringern können - durch eine bessere Kommunikation. Gemeinsam mit Sebastian Uhrich befragte der 36-Jährige 4000 Fans zum Thema und fand Erstaunliches heraus.

SZ: Herr Berendt, der damalige Werder-Trainer Viktor Skripnik hat vor drei Jahren vor dem Nordderby gegen den HSV gesagt: "Das Derby ist kein Krieg und keine Schlägerei." Was halten Sie von dieser Aussage?

Johannes Berendt: Solche Aussagen sind kontraproduktiv und machen Fans in der Tendenz erst aggressiv. Das haben wir in mehreren Studien nachgewiesen.

Sachlich hat er doch nicht Unrecht, oder?

Nein, hat er nicht. Man muss aber das Ziel berücksichtigen, das mit solchen Aussagen verfolgt wird. Sätze wie 'Das Derby ist kein Krieg, es geht auch nur um drei Punkte, es ist ein Spiel wie jedes andere' spielen die Rivalität bewusst herunter, um die Gemüter zu besänftigen und Ausschreitungen vorzubeugen. Intuitiv mag dieser Ansatz richtig sein. Aber es hat sich in unseren Studien gezeigt, dass Fußballfans auf solche Beschwichtigungsversuche mit noch höheren Aggressionen in Richtung des Rivalen reagierten als Fans, die gar kein Statement zur Rivalität gelesen haben.

Warum ist das so?

Die Rivalität ist ein wesentlicher Teil der Fan-Identität. Anhänger definieren sich nicht nur darüber, wer sie sind, sondern auch insbesondere darüber, wer sie nicht sind. Der Bremer sagt: Ich bin nicht nur Werder-Fan, ich bin auch gegen den HSV. Die Fans reagieren einfach verärgert, wenn der Konflikt mit dem Rivalen nicht gewürdigt und wertgeschätzt wird. Bevor Rivalitäten heruntergespielt werden, ist es besser, lieber gar nichts zu sagen. Die Frage ist, wie man den Konflikt harmonisieren kann. Ein Ansatz ist das Konzept der "dualen Identität".

Das müssen Sie erklären.

Dabei geht es darum, einerseits die Verschiedenheit und Besonderheit der verfeindeten Gruppen zu wahren, sie jedoch gleichzeitig auf bestimmte Gemeinsamkeiten hinzuweisen. Man sagt etwa: Ihr seid Hamburger, wir sind Bremer. Wir haben beide eine einzigartige Identität, die keiner wegnehmen will. Trotzdem stehen wir beide für den Norden, sind wir beide Traditionsklubs. Solche Statements senkten die Aggressivität der Fans im Vergleich zu direkten Beschwichtigungsversuchen - und auch verglichen mit reinem Schweigen. Fans sind also durchaus bereit, Gemeinsamkeiten mit dem Rivalen anzuerkennen.

Das heißt: Rivalität ist in gewissem Maße überhaupt kein Problem?

Genau. Leider ist Rivalität häufig negativ konnotiert. Denn in der Öffentlichkeit stehen eher die negativen Begleiterscheinungen wie Ausschreitungen, Hass und Gewalt im Vordergrund. Doch andererseits hat Rivalität auch viele positive Konsequenzen. Sie stärkt beispielsweise den Zusammenhalt einer Gruppe und steigert das Zuschauer- und Medieninteresse. Wir haben Dortmund-Fans gefragt, ob sie eigentlich wollen, dass Schalke absteigt. 80 Prozent verneinten die Frage. Der Rivale soll zwar nicht Meister werden und auch das Derby verlieren, aber verschwinden, das darf er nicht.

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