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Fußball-EM:Thomas Müller: "Mental ist das schon eine große Belastung"

Thomas Müller findet: Im Fußball bleibt den Profis kaum Luft zum Atmen.

(Foto: AP)
  • Nationalspieler und Bayern-Profi Thomas Müller äußert sich mit deutlichen Worten über die Belastungen für Fußballprofis.
  • Er findet, dass vor allem der mentale Stress und die ständigen Termine eine Herausforderung sind.
  • Zuvor hatte bereits St.-Pauli-Trainer Ewald Lienen Ähnliches gesagt.

Thomas Müller will sich im Grunde genommen ja nicht beschweren. "So ist das Geschäft", sagt er. Aber manchmal kommt ihm sein Beruf schon vor wie ein Überlebenskampf, vor allem in Jahren wie diesen, mit Wochen und Tagen wie diesen. Gestern Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal, heute EM, demnächst wieder DFB-Pokal, Bundesliga, Champions League. "Du darfst drei Wochen Luft holen, dann wirst du wieder unter Wasser gedrückt. Mental ist das schon eine große Belastung", sagt Müller.

Thomas Müller hat selten eine ruhige Minute - die Kehrseite des Erfolges. "Wenn man bekannt ist", sagt er, "hat man auch privat kaum Ruhepausen. Das ist nervenaufreibend." Es geht Müller nicht um die körperliche Belastung, er könne ja "selten still sitzen" und habe "immer viel Energie". Es geht Müller um die Belastungen für die Psyche. "Wir wollen uns nicht beklagen", betont er, "aber man sollte es auch nicht unter den Teppich kehren." Es gebe für Profis wie ihn "täglich Einflüsse" auf einen selbst.

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Ob Müller bislang geistig nicht so frisch war bei der EM? Seine Ausbeute zuvor: 36 Treffer in 57 Saisonspielen. Bei der EM dann blieb der Mann mit der eingebauten Torgarantie in den ersten fünf Spielen ohne Torerfolg. Auch eine Folge der Belastung? Vielleicht. "Jeder Mensch, der gut trainiert ist, kann alle vier Tage viele Kilometer in hoher Intensität laufen", betont Müller, stets einer der Lauffreudigsten in der deutschen Mannschaft, "aber es geht um mentale Ruhepausen."

Wieder angestoßen hatte die Diskussion zuletzt einer, der das Geschäft nach mehr als 40 Jahren als Spieler und Trainer kennt. "Die Spitzenspieler sind für mich völlig überlastet", sagte Ewald Lienen, 62, Trainer es Zweitligisten FC St. Pauli: "Wenn ich Bastian Schweinsteiger sehe! Der hat mit 31 gefühlt die Karriere eines 37-Jährigen hinter sich. Weil er alle zwei Jahre eine EM oder WM spielt. Diese Leute können sich fast nie regenerieren oder erholen." Er selbst "hätte gar keinen Bock, da zu spielen! Das ist ein derartiger Stress - auch rein psychisch."

Schon vor Lienen hatten viele Fußball-Lehrer die Belastung ihrer Profis beklagt. "Wir killen die Spieler, wir verlangen zu viel von ihnen", sagte etwa Pep Guardiola bereits vor gut zwei Jahren. Jürgen Klopp pflichtete ihm bei: "Bei den Spitzenspielern im Fußball sind wir schon lange über den Bereich hinaus, in dem es vertretbar ist. Wir müssen irgendwann das Rad zurückdrehen." Das ist wohl kaum möglich.

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