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Fußball:Einst Nationalspieler, nun arbeitslos

Die Branche setzt derzeit radikal auf junge Profis. Verdiente Spieler wie Thomas Hitzlsperger, Andreas Hinkel, Timo Hildebrand, Gerald Asamoah oder David Odonkor finden keinen Verein. Ihre letzte Hoffnung ist das Syndesmoseband.

Diese Meldung hatte es nicht verdient, dass die Nachrichtenagenturen sie eher beiläufig ins Land hinausschickten. Bei derart guten Nachrichten vom Arbeitsmarkt hätte man etwas mehr Wucht in der Berichterstattung erwartet, einen Brennpunkt nach der Tagesschau möglicherweise.

VfB Stuttgart - Hertha BSC

Einst Nationalspieler, derzeit ohne Verein: Thomas Hitzlsperger.

(Foto: ddp)

Denn offenbar ist das Klima im Land inzwischen so, dass selbst Arbeitnehmer mit eher kümmerlichem Leumund wieder in der Lage sind, ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis einzugehen. Am Freitag wurde bekannt, dass Ciprian Marica, von Beruf Fußballstürmer, einen Job gefunden hat, die Firma Schalke 04 hat ihn bis 2013 unter Vertrag genommen.

Marica war zuvor beim Unternehmen VfB Stuttgart angestellt, dort haben sie ihn ein Jahr vor Vertragsende gehen lassen und nicht mal Geld für ihn verlangt. Marica gilt als schwieriger Profi, aber am Ende hatte man den Eindruck, dass er auch noch für die Nöte auf der Rechtsverteidigerposition in Mithaftung genommen wurde

Andreas Hinkel wird die Nachricht mit Interesse verfolgen, aber sie wird ihn kaum trösten. Hinkel ist ebenfalls auf Arbeitssuche, er hat eine sehr ansprechende Bewerbungsmappe, es stehen 21 Länderspiele für Deutschland drin, mehrere Titel (u.a. Uefa-Cup-Sieg und spanischer Pokalsieg mit dem FC Sevilla oder schottischer Meister mit Celtic Glasgow), in Schottland haben ihn die Fans sogar einmal zum Celtic-Spieler der Saison gewählt.

Was diesen rechtschaffenen Arbeitnehmer allerdings schwer vermittelbar macht, sind zwei dunkle Punkte in seiner Biographie. Im August 2010 zog er sich einen Kreuzbandriss zu, weshalb er die vergangene Saison weitgehend verpasste. Und, was viel schlimmer ist: Er ist bereits abenteuerliche 29 Jahre alt.

"Als ich ein junger Spieler war", sagt Hinkel, "da galt 29 mal als bestes Fußballalter." Er war einer der jungen Wilden beim VfB, schwungvoll sauste er die rechte Flanke hinauf. Jetzt muss er erleben, dass derselbe VfB einen Offensivverteidiger dringend brauchen könnte, dass die Fans in ihren Foren mit überwältigender Mehrheit für eine Heimholung plädieren - und dass ihm vom Manager Fredi Bobic nur kühles Desinteresse entgegenweht.

"Nicht weiterentwickelt" habe sich Hinkel in der Fremde, danke, kein Bedarf. "Ich bin nicht blauäugig, ich erwarte keine Belohnung für frühere Verdienste", sagt Hinkel tapfer, und dass er "kein Problem" mit der Absage habe. Aber verstehen? Verstehen tut er's nicht.

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Die neuen Regeln der Branche

Andreas Hinkel geht es wie Thomas Hitzlsperger, 29, wie Timo Hildebrand, 32, wie Gerald Asamoah, 32, oder David Odonkor, 27. Sie alle sind mehr oder weniger hoch dekorierte Fußballer, einige von ihnen laufen in Sönke Wortmanns "Sommermärchen" durchs Bild, aber im Moment könnte man höchstens ein Dokudrama "Arbeitslos! Was nun?" mit ihnen drehen.

FC Sevilla - Training vor UEFA-Cup-Finale - Andreas Hinkel

Einst Nationalspieler, derzeit ohne Verein: Andreas Hinkel.

(Foto: dpa)

Und das Schlimmste ist, dass sie die Regeln ihrer Branche nicht mehr verstehen. In Schottland hat Hinkel die englische Premier League genau verfolgt, und er erinnert sich an einen Spieler namens Hitzlsperger, der beim späteren Absteiger West Ham United in verblüffender Verfassung aus einer Verletzungspause zurückkehrte.

"Wahnsinn", sagt Hinkel, "der Hitz hat Tore geschossen und vorbereitet, er hat überragende Spiele gemacht und West Ham fast noch gerettet. Und einer wie er findet keinen Job!"

Jeder dieser Spieler hat seine eigene Geschichte, aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind in einem Alter, in dem man von Jürgen Klopp nicht mehr verpflichtet und von Joachim Löw nicht mehr berufen wird. "Ich glaube, dass die Meisterschaft des BVB und die Erfolge der Nationalelf den Markt verändert haben", sagt Hinkel.

Und auch der Spielerberater Jörg Neblung, der zurzeit den Torwart Hildebrand an den Mann zu bringen versucht, registriert "eine Schieflage im Markt" und eine "überproportionale Wertschätzung für junge Spieler".

Wer zurzeit einen Vertrag haben möchte, ist gut beraten, wenn er zwischen 18 und 22 ist, wenn er eines der heiligen Klubinternate besucht hat, wenn er sich mit lautem Hurra in hochintensive Trainingseinheiten stürzt oder wenigstens schnell und pressingtauglich ist wie Ciprian Marica. Wenn er nie verletzt war und nie verletzt sein wird. Wenn er schlau und mündig ist und trotzdem Klopp oder Löw an den Lippen hängt. Und wenn er einen Wert darstellt - wenn man ihn also schön ins Schaufenster stellen und irgendwann meistbietend verkaufen kann.

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Fußball mit Copy-and-Paste-Prinzip

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Einst Nationalspieler, derzeit ohne Verein: Timo Hildebrand.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Der Fußball verfährt gern nach dem Copy-and-Paste-Prinzip, Plagiatsaffären werden hier nicht verfolgt. "Viele Manager versuchen, diesen Weg zu kopieren", sagt Hinkel. Er findet das gar nicht schlimm, "viele Junge sind so gut, die muss man bringen", sagt er, "und wenn ein Junger einen Tick schwächer ist als der Ältere, dann verstehe ich, wenn man sich für ihn entscheidet, um ihn zu entwickeln". Dass aber ein Junger nur spielt, weil er ein Junger ist - das gefällt weder Hinkel noch Hitzlsperger noch Hildebrand noch Asamoah noch Odonkor.

Hinkel ist jetzt wieder zu Hause in Winnenden bei Stuttgart, er hat einen Trainingsplan von Celtic dabei, er läuft, macht Kraft-, Spritzigkeits- und Stabilitätsübungen. Er richtet sich darauf ein, dass es noch dauern kann, bis er wieder eine Mannschaft findet, sein Berater berichtet von Anfragen aus Italien.

Timo Hildebrand sitzt auch wieder in Stuttgart, nicht weit von Hinkel entfernt, er hat ein Trainingslager mit Manchester City hinter sich. Vielleicht machen sie ihm nächste Woche ein Angebot, aber er weiß gar nicht, ob er das wirklich will, es geht um den Posten eines Ersatztorwarts.

Thomas Hitzlsperger sitzt in London, er würde am liebsten dort bleiben, er hat insgeheim auf ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis beim ortsansässigen Aufsteiger Queens Park Rangers spekuliert, aber das wird eher nichts werden. Die Wolverhampton Wanderers, heißt es, wollen ihm jetzt ein Angebot machen.

Gerald Asamoah hat beim Fünftligisten VfB Hüls mittrainiert und ist ansonsten Gegenstand lustiger Transferspekulationen wie David Odonkor, der von vielen Klubs fast verpflichtet worden wäre. Im Moment absolviert er ein Probetraining bei den Glasgow Rangers. Im Zweifel müssen sie warten, bis irgendwo irgendwem das Syndesmoseband reißt.

Andreas Hinkel sagt, er sei zu vielem bereit. Er würde sich mit einem guten Zweitligisten befassen, er würde einen leistungsbezogenen Vertrag unterschrieben. Nur sich jünger machen, sagt er, das könne er leider nicht.