Fußball Die Verklärung der WM

Abklatschen mit Pussy Riot: der Franzose Mbappé im Finale.

(Foto: AP)

Das Fußball-Turnier sollte der Welt die Lebenszustände in Putins Russland mit zarten Pastelltönen malen. Das Kalkül ging auf - zumindest fast.

Kommentar von Thomas Kistner

Die Final-Flitzerinnen von Pussy Riot erhielten 15 Tage Kerkerhaft, so kann Russlands Sicherheitsapparat zum WM-Ausklang noch was Zählbares vorzeigen. Sicherlich wäre die Strafe schlimmer ausgefallen, hätte der Platzsturm der Aktivistinnen nicht im Finale stattgefunden - zum Höhepunkt eines Event, das im Kern dazu gedacht war, der Welt die Lebenszustände in Putins Reich mit zarten Pastelltönen zu malen.

Das Kalkül ging auf - fast. Alte Sportmarketing-Hasen wissen ja, dass die Nummer immer zieht: Rollt der WM-Ball, lassen sich die ewigen Karnevalsmotive aus Sombreros, Flaggen, Wikingerhüten, lässt sich die normalste Begegnung von Feiernden und Mitfeiernden als anrührender Akt der Öffnung, als Zeichen eines neuen Miteinanders oder gleich als Ausbruch besserer Zeiten verkaufen. Verklärung funktioniert nirgendwo besser als unter der Käseglocke einer Fußball-WM.

Der Polizist stört das Spiel

Der Auftritt von Flitzern in Uniform beim Finale ist ein getimter und geplanter anarchistischer Akt. Pussy Riot gelingt damit die tatsächlich einzige sichtbare Protest-Aktion dieser WM - gegen die ungerechte und willkürliche Autorität. Von Holger Gertz mehr ...

Und so verkündigte Wladimir Putin, die Welt habe Russland ja nun kennengelernt und die Meinung über das Land geändert. Klar - und hat der Fußball einst nicht auch im Zuge eines Sommermärchens den rechten Gesellschaftsrand für alle Zeiten stillgelegt und die Integration zum Kern der nationalen Identität erhoben - abgebildet in der DFB-Auswahl?

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat das Schlusswort

An der Stelle heißt es gern, man dürfe den Fußball nicht überfrachten mit dem, was er nicht leisten kann. Das ist wohlfeil. Er würde das gar nicht leisten wollen, trägt es aber als Monstranz vor sich her, weil tugendhaftes Getue seine Werbeerlöse in die nächste Dimension katapultiert. Denn die Fußballmesse, die in Russland zu besichtigen war, ist Kernteil der globalen Unterhaltungsindustrie, und in dem steten Hintergrundrauschen zu Fairplay und Erziehung, Gleichheit und Nicht-Diskriminierung bündelt sich ein Zynismus, den schon ein kurzer Blick auf die bei dieser WM verhängten Sanktionen entlarvt. Kriegsrhetorik und nationalistische Symbolik wurde mit Schnäppchenpreisen bis zu 8500 Euro belegt; wer aber als Spieler das Getränk eines nicht mit der Fifa verbandelten Herstellers zum Munde führte, war 60 000 Euro los, und wer zweimal die falschen Socken trug, büßte dafür mit 100 000 Euro. Das steckt konkret hinter der Weltverbesserungs-Metaphorik.

Was die Gefängnisstrafe gegen Pussy Riot angeht, die der Weltöffentlichkeit eine klare politische Botschaft über den Sport mitteilten: Wie hart gehört dann eigentlich Donald Trump bestraft? Der US-Präsident hatte sich am Vorabend der WM brutalstmöglich in den Fußball eingemischt. Die WM 2026 wurde vergeben, eine Allianz USA/Kanada/Mexiko trat gegen Marokko an. Trump drohte per Twitter allen Ländern mit wirtschaftlichen und politischen Sanktionen, die nicht die USA wählen. Daraufhin begannen Staatschefs in der Dritten Welt, ihre Funktionäre öffentlich auf US-Kurs zu trimmen.

Gut, dass jetzt eine perfekte Fügung dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte das Schlusswort gibt: Russland muss Pussy Riot Entschädigung zahlen - für ein Urteil, das die Frauen schon einmal, 2012, hinter Gitter brachte. Damals demonstrierten sie in der Moskauer Erlöserkirche gegen Putin, auch diese Bilder gingen um die Welt. Wegen Rowdytums aus religiösem Hass wurden die Aktivistinnen zu zwei Jahren Zwangslager verurteilt. Jetzt entschied das Gericht, Russland habe ihre Freiheitsrechte missachtet - und dass diese Rechte auch eine Rasen-Flitzerei überwiegen, ist kaum anzuzweifeln. Willkommen Russland, willkommen Fußball! In der Wirklichkeit.

Entschädigung für die Demütigung

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