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Salut-Jubel:Militärgruß auf dem Ascheplatz

Frankreich - Türkei

Die türkischen Spieler salutieren im Spiel gegen Frankreich. Deutsche Hobbykicker ahmen die Geste nun nach.

(Foto: dpa)

Die Debatte um den Salut-Jubel türkischer Fußballer zeigt, welche Wirkung das Verhalten von Spitzensportlern auf die Amateure hat. Der Sport sollte viel investieren, um damit umzugehen.

Donnerstagabend in Nordrhein-Westfalen, Rhein-Kreis Neuss. Ein Fußball-Spiel der Kreisliga C ist angesetzt, eine türkisch geprägte Mannschaft empfängt eine kurdisch geprägte Mannschaft, mehrere Dutzend Polizisten sind vor Ort. In der 65. Minute fällt das 3:0, nach Informationen der Polizei kommt es bei der Heimmannschaft zu einem Salut-Jubel, die Gäste verlassen daraufhin den Platz. Die genauen Umstände und Abläufe sind noch unklar. Aber es ist einer der extremeren Vorfälle dieser Art, die sich gerade so häufen.

Aus nahezu allen Landesverbänden kamen in den vergangenen Tagen vergleichbare Meldungen. Da ein Spielabbruch nach einem Salut-Jubel, dort drei Fälle fürs Verbandsgericht, und einmal gar eine Jugend-Mannschaft, die bei der Präsentation ihrer neuen Trainingsausrüstung den militärischen Gruß entbot.

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Der deutsche Fußball preist oft - und oft zu Recht - seine integrative Kraft. Doch in diesen Tagen muss er ein Thema managen, das diese integrationspolitischen Bemühungen stark erschwert. Vor einer Woche jubelten türkische Nationalspieler beim 1:0 gegen Albanien erstmals mit dem militärischen Gruß, und trotz einer Verfahrenseröffnung durch Europas Fußball-Union geschah es beim 1:1 gegen Frankreich ein weiteres Mal. Es war ein Gruß an die Soldaten, die für das türkische Militär einen völkerrechtswidrigen Angriff gegen Kurden in Nordsyrien führen - und damit eine völlig unangebrachte Geste. Auf Deutschland schwappte das Thema nicht nur über, weil die Nationalspieler Ilkay Gündogan und Emre Can ein Foto mit diesem Salutjubel in den sozialen Netzwerken zunächst likten (und dann ihre Zustimmung wieder zurücknahmen). Sondern auch, weil es sofort Nachahmer in unteren Ligen fand.

Die Landesverbände warnen flächendeckend vor Nachahmern

Es ist eine sehr komplizierte, ausfasernde Debatte. Aber in jedem Fall ist es ein Beispiel dafür, wie sich das Verhalten der Protagonisten aus dem Spitzensport auf die vielen tausend Asche- und Rasenplätze des Landes auswirkt. Dorthin strahlen die großen Konflikte der Weltpolitik und gesellschaftliche Fehlentwicklungen ja ohnehin oft genug ab. Und das Salut-Thema wird das aus verschiedenen Gründen nun noch verschärfen.

Mehrere Hunderttausend Amateurspieler in Deutschland haben türkische Wurzeln. Von den rund 700 000 Menschen, die bei der türkischen Präsidentschaftswahl in Deutschland abstimmten, wählten fast 65 Prozent Erdoğan. Dessen Aussagen aus dieser Woche wiederum klangen - ebenso wie die des Botschafters in Deutschland oder mancher türkischer Vereinsvertreter - nicht nur nach einer Rechtfertigung der umstrittenen Geste, sondern geradezu nach einer Aufforderung, sie zu wiederholen. Der Salut-Jubel seiner Nationalspieler sei "selbstverständlich" und "natürlich", so Erdogan. Andererseits ist aber auch klar, dass es in den vielen Spielen des Landes auch an Provokationen gegenüber manchen türkischen Spielern nicht mangeln wird.

Die Landesverbände warnen jetzt flächendeckend vor weiteren Nachahmern. Aber wie im Zweifel damit umgegangen wird, ist noch unklar. Ziemlich harte Worte finden die einen. Es solle nicht nur um Strafandrohung gehen, sondern eher um Sensibilisierung, sagen die anderen. Und es wird auch Unterschiede in der Bewertung geben: ob etwa die Aktion in einem bekanntermaßen politisierten Verein erfolgt; oder ob ein Halbstarker irgendetwas nachahmt, ohne dass er sich der Sache genau bewusst ist - und sich so, wie er bis vergangene Woche das Tänzchen aus dem Computerspiel Fortnite vorführte, jetzt halt die Hand an die Stirn hält.

Eines aber ist klar: Dieses Thema wird den deutschen Fußball noch eine Weile beschäftigen. Und er sollte ziemlich viele Ressourcen investieren.

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