French Open Der Mann, der den Nadal-Code kennt

  • Tennisprofi Rafael Nadal spielt an diesem Sonntag gegen Dominic Thiem um seinen elften Titel bei den French Open.
  • Nadal hat erst zwei Matches bei dem Turnier verloren - sein erster Bezwinger war der Schwede Robin Söderling im Jahr 2009.
  • Wie Söderling das gelungen ist? Er erinnert sich an eine dreigeteilte Strategie: aggressiv spielen, keine Schwäche zeigen, nicht zermürben lassen.
Von Gerald Kleffmann, Paris

Roger Federer muss sich bedanken. Dringend. Findet Robin Söderling. "Er sollte das tun", sagt er und lacht. "Ich warte immer noch darauf."

Söderling, 33, ist der Mann, ohne den Federer, der wohl größte Tennisspieler der Geschichte, niemals die French Open in Paris gewonnen hätte. Söderling ist der Mann, der weiß, wie man Rafael Nadal besiegt.

Er hat Nadal für Federer 2009 aus dem Weg geräumt. Der Schweizer holte dann ja seinen einzigen Titel auf dem Court Philippe-Chatrier, im Finale gegen Söderling. In den drei Endspielen zuvor in Paris hatte Federer gegen Nadal verloren, 2011 noch einmal. Für ihn gab es offenbar kein Vorbeikommen an Nadal. So half ihm Söderling, indirekt.

Pfeiffersches Drüsenfieber warf ihn aus der Bahn

Söderling hat somit zu Recht seinen Platz in der Tennishistorie. Am 31. Mai 2009, im Achtelfinale, war ihm diese Überraschung gelungen mit dem nicht für möglich gehaltenen 6:2, 6:7, 6:4, 7:6-Erfolg. Nachdem Nadal 31 Matches in Paris in Serie gewonnen hatte. Als erstem Menschen, seit Nadal dieses wichtigste Sandplatzturnier bestritten hatte. 2005, 2006, 2007, 2008, 2010, 2011, 2012, 2013, 2014 hat der Spanier jedes Mal den Titel gewonnen. In diesen zehn Jahren gab es nur Söderling, der diese unfassbare Serie unterbrach: der Schwede aus Tibro, der heute in Monte-Carlo lebt. Der später zu einer tragischen Figur wurde: Pfeiffersches Drüsenfieber, Depressionen, Comeback-Versuche, Rückschläge, Karriere-Ende mit 31 Jahren. Heute trainiert er den jungen schwedischen Profi Elias Ymer. Und er hat eine Firma, die Tennisprodukte herstellt. Er sei happy, sagt er.

Was der Tenniswelt verloren ging, wird dennoch klar, als Söderling nun in Paris auf einer Pressekonferenz von damals erzählt. Er ist ja immer noch erst 33 Jahre. Nur ein Jahr älter als Nadal. Seit 2011 war er nicht mehr auf der Anlage in Paris, sagt er. Es hätte zu viele Anfragen gegeben. Da dachte er: lieber ein Termin mit allen Reportern auf einmal. So viele wollten vor dem Männerfinale an diesem Sonntag (15 Uhr/Eurosport), zwischen Nadal und dem Österreicher Dominic Thiem, 24, der sein erstes Grand-Slam-Finale bestreitet, wissen: Wie lautet der Nadal-Code? Wie knackt man den gefürchtetsten, erbarmungslosesten, kraftvollsten Sandplatzspieler?

"Ich würde sagen, die einzige Chance, die ein Spieler auf Sand hat, ist, wenn er wirklich aggressiv spielt", sagt Söderling. Er konnte das damals, mit 1,93 Metern Größe hatte er Reichweite, einen krachenden Aufschlag, eine Vorhandschleuder, und er hatte eine Begabung, sich auf Sand zu bewegen. Richtig zu grätschen, zu rutschen, aus dem Handgelenk, trotz offener Körperstellung, Schüsse abzufeuern. "Es ist eine extrem schwere Aufgabe", sagt Söderling. "Du musst permanent Risiko eingehen."

Eine ausgefuchste, dreigeteilte Strategie für den Coup

Auch wenn es neun Jahre her und so viel passiert ist im Leben von Söderling, so vieles, das ihn die Lust am Tennis eigentlich hätte nehmen können, weil er einfach nicht mehr auf die Tennisbeine kam: Seine Freude an diesem Sport ist zu spüren. Analytisch zerlegt er die Bauteile seines Coups. In der Summe wird klar: Auf den Mond zu fliegen kann nicht weniger schwierig sein.

Mit seinem Trainer hatte Söderling einen detaillierten Matchplan ausgearbeitet. Natürlich war völlig ungewiss, inwieweit er diesen würde umsetzen können. Aber er und der stille, schlaue Magnus Norman - der später Stan Wawrinka zu gleich drei Grand-Slam-Titeln coachte - wussten: Es geht nur mit einer dreigeteilten Strategie.

Seine Taktik lautete: in den Ballwechsel kommen, nah an der Grundlinie stehen, die Bälle früh nehmen, jede Chance nutzen, um die Schlaghärte zu erhöhen. Durchziehen. Immer wieder mal gegen die Laufrichtung spielen. Rhythmus unterbrechen. Mit viel Topspin, um die Fehlerquote zu minimieren. Mit Topspin fliegen die Bälle höher übers Netz. "Manchmal kann man sehen", sagt Söderling, "wenn Rafa ein bisschen zögerlich wird." In diesem Moment musste er bereit sein zum entschlossenen Angriff.