Fußball-WM der Frauen Rapinoe lässt Infantino abblitzen

  • Die USA dominieren die Fußball-WM der Frauen in Frankreich. Aber nicht nur sportlich, sondern auch abseits des Platzes.
  • Die Amerikanerinnen führen einen Kampf im Namen einer globalen Bewegung.
  • Das zeigt Kapitänin Megan Rapinoe auch nach dem Finale, als sie Fifa-Präsident Infantino trifft.
Von Anna Dreher, Lyon

Wenn Megan Rapinoe eines Tages auf ihre Karriere zurückblickt, wird sie sich bestimmt auch an diesen einen Sonntag erinnern, im Sommer 2019. An diesen besonderen Abend, an dem sie mit der Nationalmannschaft der USA gegen den Europameister Niederlande ihren zweiten Weltmeistertitel gewann und beim 2:0 den Elfmeter zum wichtigen ersten Tor verwandelte, vor 57 900 Zuschauern im ausverkauften Stade de Lyon. Im Grunde perfekt. Aber ein bisschen hat sich Rapinoe an diesem Abend gefühlt wie auf einer Party, zu der viele beste Freunde und noch ein paar andere coole Leute gekommen sind - aber eben auch dieser eine Typ. Von dem sie schon wusste, dass er wohl da sein würde, obwohl sie keine besonders große Lust auf ihn hatte, mit dem sich eine Begegnung aber nicht vermeiden ließ.

"Wir haben nur Höflichkeiten ausgetauscht - und Lächeln", erzählte Rapinoe später schelmisch grinsend, "es war so ein 'Er weiß, dass ich weiß, dass ich weiß, dass er weiß ....' Er hat gesagt, lass uns doch mal reden! Und ich habe gesagt: gerne."

Fußball-WM Mit der Aura der Unbesiegbarkeit
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Die USA gewinnen das Endspiel gegen die Niederlande verdient mit 2:0 und beweisen, dass sie das derzeit beste Team der Welt sind. Rapinoe bringt ihre Mannschaft in Führung - und wird nach dem Schlusspfiff mit Auszeichnungen überhäuft.   Von Anna Dreher

"Er", das war Fifa-Präsident Gianni Infantino. Ihn und den Weltverband hatte Rapinoe, 34, zuletzt scharf dafür kritisiert, den Frauenfußball nicht ernst genug zu nehmen und nicht ausreichend in dessen Entwicklung zu investieren. Am Sonntag des WM-Frauenfinales hatte die Fifa auch zwei Männer-Endspiele um große Kontinentalmeisterschaften angesetzt: Copa América und Gold Cup, ebenfalls mit US-amerikanischer Beteiligung. "Es ist eine furchtbare Idee, das alles auf einen Tag zu legen. Ein WM-Finale, das sollte ein Sagt-alles-andere-ab-Tag sein", hatte Rapinoe gesagt - und auch die bei der nächsten WM noch ansteigende und ohnehin schon große Diskrepanz der Gesamtprämie kritisiert: 60 Millionen Dollar bei den Frauen, 440 Millionen bei den Männern.

Jedes Mal versuchte Infantino, in einen Smalltalk mit ihr zu kommen

Rapinoe musste bei der Fete in Lyon dreimal an Infantino vorbei: Sie bekam nicht nur die Goldmedaille für den Turniersieg um den Hals gelegt, sie wurde auch als beste Spielerin der WM und mit sechs Treffern als beste Torschützin ausgezeichnet. Jedes Mal versuchte Infantino, in einen Small Talk mit ihr zu kommen. Am deutlichsten wurde Rapinoes Unlust vor der Medaillenübergabe, als sie mit ihren Co-Kapitäninnen Carli Lloyd, 36, und Alex Morgan, 30, in der Warteschlange stand und rumalberte, sich dann zu einem letzten Handshake mit dem zuvor von den Zuschauern laut ausgebuhten Infantino überwand, ihn dabei kaum anschaute - um im nächsten Moment den französischen Präsidenten Emmanuel Macron anzustrahlen.

Und dann waren da noch diese Sprechchöre, leise erst, aus einer Ecke, bis sie das Stadion erfüllten: "Equal Pay! Equal Pay!" riefen die Fans immer wieder. In dieser Forderung nach gleicher Bezahlung lag auch eine Huldigung Rapinoes, die das ganze Turnier über nicht nur ihre Füße genutzt hatte, sondern auch ihre Stimme, um gegen Geschlechterdiskriminierung aufzubegehren. So wurde sie zur prägenden Figur dieser Weltmeisterschaft.

"Ich glaube, wir sind durch mit dem Sind-wir-es-wert?, Sollten-wir-gleich-bezahlt-werden? Die Fans sind durch damit, die Spielerinnen sind durch damit, die Sponsoren auch. Lasst uns zum nächsten Punkt kommen!", sagte sie am Sonntag zu den Reportern. Erst hieß es, Rapinoe könne wegen der Dopingkontrolle nicht kommen. Aber sie kam, mit etwas Verzögerung, und zog noch einmal Bilanz: "Jede Spielerin dieser WM hat die unglaublichste Show geliefert. Wir können nicht mehr machen, um mehr zu beeindrucken und um bessere Botschafterinnen zu sein."

Bevor dieses Turnier vor vier Wochen begann, wurde auch anderen Teams der Titel zugetraut. Den Deutschen zum Beispiel, den Gastgeberinnen oder den aufstrebenden Engländerinnen. Und im Viertelfinale war der eigentliche Gewinner Europa gewesen: mit sieben Repräsentanten unter den besten Acht. Für das Team von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg war jedoch an dieser Stelle nach einem 1:2 gegen Schweden Schluss. Nur die deutsche Turnierentdeckung Giulia Gwinn, 20, erhielt am Ende eine Auszeichnung - als beste Nachwuchsspielerin.

Die USA waren mit einem 13:0-Rekordsieg gegen Thailand gestartet und toppten die bisherige WM-Bestmarke Deutschlands, ein 11:0 gegen Argentinien beim Titelgewinn 2007. Das Auftreten der Amerikanerinnen ließ vom ersten Moment an vermuten, dass sie als Titelverteidiger am Ende auch alle starken Herausforderer aus Europa überragen würden. Das Team von Jill Ellis musste in der K.-o.-Phase gegen Spanien, Frankreich und vor allem gegen England im Halbfinale durchaus hart arbeiten, um nach 1991, 1999 und 2015 zum vierten Mal zu triumphieren - häufiger als jede andere Nation. Ellis, 52, gelang als erster Trainerin die Titelverteidigung, wobei es erst das zweite Endspiel nach 2003 war, bei dem zwei Frauen als Cheftrainerinnen an der Seitenlinie standen: Ellis und die Niederländerin Sarina Wiegman.