Fußball-WM der Frauen "Die Regeln sind da, um durchgesetzt zu werden!"

Pierluigi Collina bei einer Pressekonferenz während der WM in Frankreich.

(Foto: Franck Fife/AFP)
  • Bei der WM in Frankreich wird viel über den Videoschiedsrichter und neue Regeln debattiert.
  • Schiri-Boss Pierluigi Collina verteidigt nun die Eingriffe und die Auslegung.
  • Die deutsche Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus muss das Turnier wegen einer Verletzung vorzeitig beenden.
Von Tim Brack, Rennes

Bevor Pierluigi Collina der Schiedsrichter mit der berühmtesten Glatze im Weltfußball wurde, kickte er in seiner Jugend als Verteidiger in seiner Heimatstatt Bologna. Das Handwerk, das er dabei lernte, kommt ihm nun bei der bei der Fußball-WM der Frauen in Frankreich zugute. Als oberster Chef des Schiedsrichterkomitees der Fifa verteidigte er am Mittwochnachmittag nämlich nach vorne.

Über Collinas Kerngeschäft - die Schiedsrichterinnen, Regeln, den Video Assistant Referee (VAR) - wird bei diesem Turnier viel diskutiert. Das kann einem wie Collina nicht gefallen, der als einer der besten Unparteiischen in der Geschichte des Fußballs gilt. Während seiner Karriere wurde der Italiener zwischen 1998 und 2003 sechsmal in Folge zum Weltschiedsrichter gewählt. Collina weiß, dass Unparteiische immer dann am besten sind, wenn nicht über sie gesprochen wird.

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Weil bei der WM aber viel über seine Zunft diskutiert wird, lud die Fifa zu einer Pressekonferenz, bei der Collina zunächst verkünden musste, dass sich die deutsche Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus verletzt hat. Die 40 Jahre alte Top-Unparteiische aus Hannover habe sich eine Muskelverletzung bei ihrem ersten Einsatz im Gruppenspiel zwischen Frankreich und Norwegen vor zwei Wochen zugezogen. "Das ist schade für sie, weil sie hart gearbeitet hat. Das ist schade für uns, weil sie Teil unseres Teams ist. Und es ist schade für den Fußball, weil sie eine sehr gute Schiedsrichterin ist", sagte Collina. Steinhaus wäre vor dem Turnierende am 7. Juli aber nicht mehr fit geworden. Auch für die zweite deutsche Unparteiische, Riem Hussein, ist die WM vorzeitig beendet - sie gehört nicht zu den nominierten Schiedsrichterteams für die anstehenden K.-o.-Partien.

Auf der weiteren Agenda stand der Einsatz des VAR. Die Technik wird erstmals bei einem großen Turnier im Frauenfußball eingesetzt. Die Integration verläuft lange nicht so flüssig wie bei der WM der Männer im vergangenen Sommer. Collina sprach im Presseraum des Parc des Princes also über die neue Technik - und verteidigte nach vorne. "Der VAR kann nicht blind sein, er kann nicht ignorieren", sagte Collina, "wenn man ein Werkzeug hat, das die Überprüfung erlaubt, muss man überprüfen." Er sei "sehr zufrieden, weil das VAR-System bislang sehr gut funktioniert hat", schloss er seine Betrachtung ab.

Neben dem VAR beschäftigen dieses Turnier noch andere Schiedsrichterthemen. Die Fifa führte nämlich ihr modifiziertes Regelwerk bei der WM ein. Neu darin ist unter anderem, dass Torhüterinnen bei Strafstößen mit nur einem Fuß statt wie bisher mit zwei die Torlinie berühren müssen. Allerdings achten die Schiedsrichterinnen zusammen mit dem VAR nun auch pingeliger auf die zentimetergenaue Einhaltung. "Die Regeln sind da, um durchgesetzt zu werden!", sagte Collina. Früher sei die Zwei-Füße-auf-der-Linie-Regel nicht angewendet worden, "weil es dem Torhüter dadurch nicht möglich war, einen Ball zu halten, außer er wurde abgeschossen", erklärte der Italiener. Mit der neuen Regel habe sich das aber geändert, deswegen werde diese nun durchgesetzt. Bei der Erarbeitung seien zudem Spieler und Trainer involviert gewesen.

Für Diskussionen sorgte auch die Bestrafung bei einem Verstoß gegen die Regel, für die Torhüterin gab es dann Gelb. In der K.-o.-Runde setzt die Fifa diese Regel nun für Elfmeterschießen aus. Es ist ein ungewöhnlicher Schritt, in einem laufenden Wettbewerb die Regeln zu ändern. Collina erklärte diesen Umstand mit den Erfahrungen bei der U20-WM in Polen. Während des Turniers habe man realisiert, dass die Torhüter nicht bewusst beide Füße von der Linie nahmen, es sei vielmehr ein "unbeabsichtigter Fehler" aufgrund fehlender Körperkontrolle. Da die K.-o.-Runde bei der Frauen-WM noch nicht angefangen hatte, habe man sich entschieden, die Regel auszusetzen.

Kein Problem sah Collina hingegen bei der Regelauslegung, die im Achtelfinale zwischen Japan und den Niederlanden zum Drama geführt hatte. Schiedsrichterin Melissa Borjas hatte kurz vor dem Schlusspfiff auf Handspiel im Strafraum entschieden, nachdem die Japanerin Saki Kumagai einen Torschuss aus kurzer Distanz an den Oberarm bekommen hatte. Der VAR hatte nichts einzuwenden. Einige Fußballfans aber schon, der Pfiff ging gegen ihr Gerechtigkeitsempfinden. Die Bilder, die Collina während seiner Präsentation zeigte, wurden von einer Aufnahme des Funkverkehrs zwischen dem VAR und Schiedsrichterin Borjas unterlegt. Borjas: "Der Arm ist einer unnatürlichen Position. Es ist ein Handspiel von Nummer vier." Der VAR antwortet binnen weniger Sekunden: "Melissa, der Strafstoß ist bestätigt." Die Niederlande setzten sich dank des verwandelten Strafstoßes 2:1 durch, Japan trauerte.

Collina erklärte anhand dieser Szene zumindest in Teilen noch, warum der Einsatz des Videobeweises oft mit langen Wartezeiten verbunden ist. Das Handspiel war zwar in wenigen Momenten bestätigt, der VAR schaute aber noch, ob der Ball vor der Szene im Aus gewesen war. In einer Kameraeinstellung sieht es zunächst so aus, als habe er das Feld verlassen. Wie eine andere Perspektive auflöst, hat er das aber nicht. In diesem Moment sprang der 59-Jährige vom Podium herunter, weil er seinem Publikum über ein Foto auf seinem Smartphone aufzeigen wollte, wie Perspektiven verzerren können. Solche Überprüfungen brauchen Zeit. Er wolle es "lieber akkurat als schnell" haben, sagte Collina. Von den Vorgängen neben der Handsituation bekam allerdings niemand außer dem Schiedsrichterteam etwas mit. Die Kommunikation ist ja auch so ein Problem beim VAR.

Einige Regeländerungen sind dafür fließend integriert worden: Beim Abstoß darf auch innerhalb des Strafraums gepasst werden, in einer Freistoßmauer darf nur noch die verteidigende Mannschaft stehen, Auswechslungen am nächstmöglichen Spielfeldrand. Hier dürfen Collina und seine Regelhüter durchaus zufrieden sein. Sie haben Collinas Ziel, das Spiel "schneller und unterhaltsamer" zu machen, erreicht.

Trotz einiger Erfolge wirkt es, als habe sich die Fifa etwas übernommen, als sie dem Frauenfußball auf einen Schlag so viele Neuerungen antat. Das muss vielleicht auch der Verteidiger Collina einsehen.

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