bedeckt München 16°

Formel 1:Mit ihrem Rückzug endet die Ära der Garagisten

Williams-Familie tritt bei Formel-1-Team ab

Claire Williams tritt als stellvertretende Teamchefin des gleichnamigen und drittältesten Formel-1-Rennstalls zurück, den einst ihr Vater Frank gründete.

(Foto: David Davies/dpa)

Die Familie Williams zieht sich aus der Formel 1 zurück. Es ist eine Befreiung nach Jahren der Verschuldung des Rennstalls - zugleich verliert die Serie ein großes Stück Tradition.

Von Elmar Brümmer

Mitten in all dem Rot, das beim Großen Preis von Italien trotz der jüngsten Ferrari-Fiaskos die einzig adäquate Farbe für das achte Saisonwochenende der Formel 1 zu sein scheint, beginnen blaue Herzen zu pochen. Das eingefärbte Emoji der Liebe stellt Claire Williams in den sozialen Medien zu ihrer kurzen Ansprache, in der sie ihren Rücktritt als stellvertretende Teamchefin des drittältesten Formel-1-Rennstalls erklärt und außerdem den Rückzug der Familie aus dem PS-Business verkündet. Die Familie, das ist Vater Frank, 78, der Gründer, der über 43 Jahre lang die Geschicke des Unternehmens gelenkt hat. 34 Jahre davon aus dem Rollstuhl, in den ihn eine Querschnittslähmung nach einem Autounfall gezwungen hatte.

Claire Williams, für die ihr Vater immer der "Boss" geblieben ist, wählte zwei Wochen nach dem Verkauf von dessen Lebenswerk an den von Briten geführten Investmentfonds Dorilton Capital nicht die simple Floskel step down. Sie sprach deutlich von einem step away. Die Abkehr ist mehr als ein Abschied, und sie betrifft auch nicht nur die Familie. Damit endet die Ära der Garagisten in der Formel 1. Jener Enthusiasten, für die Unabhängigkeit immer ein entscheidender Wert geblieben ist, und die aufgrund dieser Freiheiten die Formel 1 erst groß gemacht und dann das Image geprägt haben.

Zum blauen Herz von Williams gesellten sich schnell eine ganze Menge mehr, offenbar besitzt das Team trotz aller Erfolglosigkeit in den vergangenen beiden Jahrzehnten immer noch eine eingeschworene Fangemeinde. Vielleicht war es auch die Erkenntnis, dass jenseits von Ferrari mit der großen Nostalgie jetzt Schluss ist. Der Schweizer Peter Sauber hatte den gleichen Schritt schon vor ein paar Jahren tun müssen, sein Name ist aus den Nennlisten verschwunden und durch Alfa Romeo ersetzt worden. Letzter Privatier, der in diesem Jahrtausend überhaupt einen Titel gewinnen konnte, war Ross Brawn - allerdings hatte er der Erbmasse von Honda 2009 nur seinen Namen gegeben und danach an Mercedes verkauft.

Das Jahrhundertfinale zwischen Jacques Villeneuve und Michael Schumacher 1997 in Jerez bescherte Williams durch den verunglückten Rammstoß des Kerpeners den letzten Titel. Mit neun Konstrukteurs-Weltmeisterschaften ist Williams immer noch die Nummer zwei in der ewigen Rangliste - hinter Ferrari (16), vor McLaren, Lotus und Mercedes. Dazu gesellen sich sieben Fahrertitel. Sie wurden in den großen Jahren des Teams so sehr zur Routine, dass der damalige Teilhaber Patrick Head nach dem Titelgewinn einmal seine Mechaniker anschnauzte, sie sollten gefälligst das Material einpacken statt Champagner zu trinken.

Freundlich ausgedrückt besaß das Betriebsklima im mittelenglischen Grove immer schon einen rauen Charme. So hart und ehrlich wie Sir Frank Williams zu sich selbst war und ist. Wenn Rivale McLaren bei einer Rennwagenpräsentation die Spice Girls auftreten ließ, wenn das Benetton-Team zum selben Zweck das Amphitheater in Taormina mietete, bat Williams in seine Rennfabrik. Zur schlichten Enthüllung gab es Tee und trockene Kekse. Very british eben. Es war ein Statement, die pure Konzentration auf den Sport und die Technik, wie sie mehr und mehr aus der Zeit zu fallen drohte. Infiziert zu sein von der Geschwindigkeit, wie Williams das Einstellungskriterium für Mitarbeiter nannte, reichte nicht mehr. Frank Dernie, einer der Konstrukteure der ersten Stunde, ätzte kürzlich beim Blick auf die schillernden Besprechungs- und Bewirtungstempel im Fahrerlager: "Wir hatten damals kein Motorhome, aber dafür das schnellste Auto."

Der Schlussstrich ist eine Befreiung nach Jahren von Verschuldung und Umschuldung, vieles davon verrechnet mit dem Verkaufspreis von 152 Millionen Euro. Für Claire Williams ist es die einzige Möglichkeit, den neuen Besitzern einen echten Neustart zu ermöglichen, die mit ihrem Investment auch 750 Arbeitsplätze gerettet haben. Das sture Festhalten an der glorreichen Historie hatte Williams trotz exzellenter Expertise immer weiter zurückfallen lassen. Der heutige Mercedes-Weltmeistermacher Toto Wolff hatte zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts zumindest eine Kehrtwende versucht, das Unternehmen neu strukturiert und 2012 mit dem Venezolaner Pastor Maldonado einen Überraschungssieg feiern können - den 114. und bislang letzten der Williams-Geschichte. Aber das Überleben war oft von Bezahlfahrern oder Sponsoren abhängig.

Was waren das früher für Namen: Nigel Mansell, Ayrton Senna, Nelson Piquet, Alain Prost. Auch Sebastian Vettel und Nico Rosberg haben bei Williams erste Schritte bei Testfahrten gemacht. Der ewige Fokus auf die Eigenständigkeit, der oft in Sturheit mündete, vergraulte Partner wie BMW oder Toyota, die in der Kombination ihrer dreistelligen Millionenetats mit der Expertise von Williams eine Erfolgsformel gefunden zu haben glaubten. Die Formel 1 wurde immer teurer und die Traditionalisten durchgereicht.

Claire Williams, 44, hat sich immer dagegen gewehrt, "dass Williams der letzte Dinosaurier ist, der sich neuen Gegebenheiten verwehrt." Ein bisschen waren sie es trotzdem. Sie hat jetzt das Beste für die Familie und das Team getan, in dem sie das Erbe in neue Hände legt: "Von nun an werden wir uns freuen, wenn das Team in Zukunft stärker und stärker wird." Ihr Herz ist dennoch schwer. Aber es bleibt blau.

© SZ vom 05.09.2020
Rennfahrer Jochen Rindt

SZ PlusJochen Rindt
:Der Mondfahrer

Vor 50 Jahren verunglückte Jochen Rindt in Monza. Was der Formel-1-Pilot mit seinem fatalen Unfall auslöste, hallt heute immer noch nach.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite