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Sieben Kurven der Formel 1:"Ein Upgrade, gebt uns ein Upgrade!"

Lewis Hamilton erbittet Verbesserungen an seinem Mercedes - erhält aber schlechte Nachrichten. Nikita Masepin darf ein Geschenk auspacken. Die Höhepunkte des Formel-1-Wochenendes.

Von Philipp Schneider, Spielberg

Max Verstappen

F1 Grand Prix of Styria

Max Verstappen.

(Foto: Clive Rose/Getty Images)

Max Verstappen und sein Team von Red Bull sind wie die Wanderer aus der Wüste, die nach sieben Tagen ohne frisches Wasser über den Brunnen des Dorfes herfallen, das sie gerade noch so mit letzter Kraft erreicht haben. Nur dass es in dem Brunnen halt Champagner gibt, wir reden ja hier von der Formel 1.

Drei Siege in den letzten vier Rennen, erstmals vier Erfolge in einer Saison - für Verstappen fühlt sich nach seinem Sieg beim Heimrennen seines Rennstalls in Spielberg gerade alles ein bisschen so an, wie damals für Sebastian Vettel, als der noch in den Autos des Getränkeherstellers von Sieg zu Sieg rauschte. Ehe Mercedes und Lewis Hamilton zu ihrer einmaligen Siegesserie ansetzten. Alles fügt sich. Das riesige Talent des 23-jährigen Fahrers, gute Renn-Strategien, schnelle Boxenstopps (zumindest bei Verstappen, nicht bei Teamkollege Sergio Perez) - und vor allem: ein Auto, das sich auf einer reinen Power-Strecke verhalten hatte wie ein Kraftwürfel mit vier Reifen - und das das ganze Wochenende über konstant zwei Zehntel schneller war als die Silberpfeile.

"Es ist alles sehr positiv, aber wir müssen das nächste Woche wieder zeigen", sagte Verstappen, der sich auf die zweite Sause in Österreich am kommenden Sonntag freut, wenn erstmals seit Anbeginn der Pandemie vor bis zu 100 000 Fans und gefahren werden soll, unter denen die Niederländer garantiert nicht in der Minderheit sein werden. Die Frage ist allein: Welchen Preis zahlt Red Bull langfristig für den Erfolg in dieser Saison (siehe Lewis Hamilton)?

Lewis Hamilton

F1 Grand Prix of Styria

Lewis Hamilton.

(Foto: Pool/Getty Images)

Lewis Hamilton war gerade erst dem Auto entstiegen, als er etwas recht Unmissverständliches in das erste Mikrofon sprach, das ihm vor den Mund gehalten wurde. "Ich hätte gerne ein Upgrade, gebt uns ein Upgrade!" Da ahnte er noch nicht, dass kurz darauf Toto Wolff, sein Teamchef bei Mercedes, diesbezüglich schlechte Nachrichten verkünden würde. Zwar gab Wolff zu, dass es "das erste Rennen seit acht Jahren war, bei dem uns die Geschwindigkeit gefehlt hat". Aber Wolff sagte auch: "Wir haben die Entwicklung für dieses Jahr eingestellt und müssen die Köpfe zusammenstecken und das Beste aus diesem Motor herausholen."

Entwicklungsstopp! An Hamiltons Auto kommt nur noch Kleinkram. In den Windkanal wird das Auto auch nicht mehr geschoben. Größere Neuentwicklungen, die etwas hermachen und mit denen man zu Red Bull rüberfahren könnte um anzugeben (wie ein neuer Frontflügel), die wird es nicht mehr geben. Soll sich doch Red Bull diesen einen Pokal 2021 schnappen, danach gehen sieben Jahre lang wieder alle zu Mercedes!

Nun lässt sich nicht sagen, ob Wolffs Ankündigung zumindest Spuren von Taktik enthält. Christian Horner, Wolffs Widerpart bei Red Bull, ließ ausrichten, es sei "schwer zu glauben, dass sie bis zum Saisonende kein einziges Teil mehr verändern werden, denn die Saison ist noch lang". Tatsächlich aber befinden sich die Teams in dieser Saison in einer außergewöhnlichen Situation. 2022 greift ein rundum neues technisches Reglement - und in diesem Jahr bereits ein Kostendeckel, der den Ausgaben erstmals Grenzen setzt. Die Teams müssen also abwägen: Wie viel Geld und Ressourcen sollen noch investiert werden in den Titelkampf 2021, in dem Auslaufmodelle gefahren werden - wie viele jetzt schon in das Auto der Zukunft, das viele Jahre lang gefahren werden wird? Ein Entwicklungsstopp 2021 dürfte die nachhaltigere Taktik sein als das permanente Heranschleppen von vielen neuen Teilen bei Red Bull.

Für Lewis Hamilton ist die Debatte in weiterer Hinsicht interessant. Noch ein Titel mehr und er würde als achtmaliger Weltmeister sogar Michael Schumacher überflügelt haben. Sollte Mercedes diese Saison abschenken, um auf die Zukunft zu wetten, eine Vertragsverlängerung erhielte für Hamilton deutlich mehr Gewicht. Wenn er dieses Jahr den Pokal nicht gewinnen kann, wonach es tatsächlich aussieht, dann muss er fast ein weiteres Mal verlängern. "Wir haben die Gespräche begonnen", sagte nun Wolff in Spielberg.

Mick Schumacher

Mick Schumacher

Mick Schumacher.

(Foto: Kamran Jebreili/dpa)

Hat in Spielberg munter ausgeplaudert, dass er seit Anfang des Jahres, also seit Anbeginn seiner Karriere in der F1, in einer leicht schiefen Position im Rennwagen sitzt. Deshalb sei er mit seinem Freund und Mentor Sebastian Vettel neulich zu seinem Haas gelaufen. Und Vettel habe ihm dann geraten: "Mach den Sitz kaputt, dann bekommst du einen neuen." Kleiner Spaß. Für solcherlei brachialen Krawall ist Schumacher ohnehin viel zu gut erzogen.

Nicht einmal seinem Teamchef Günther Steiner hat er von den Problemen erzählt. Das machte erst Schumachers Mutter Corinna, wie Steiner nun erzählte: "Zuvor hatte ich davon noch nie ein Wort gehört! Offenbar ist seine Sitzposition nicht ideal, aber man darf da nicht übertreiben - es ist ja auch nicht so, als würde er in einem 45-Grad-Winkel am Lenkrad sitzen." Schumacher soll nun irgendwann einen neuen Sitz erhalten, "aber ich sehe da keine Eile", sagt Steiner: "Weil er selber gesagt hat, es hindere ihn nicht am Schnellfahren."

Am Sonntag im Rennen dann bewies Schumacher seinem Teamkollegen Nikita Masepin, dass er ihm auch in Schräglage auf und davon fährt - um 30 Sekunden distanzierte er ihn am Schluss. Bevor ihn Schumacher in Runde 42 überholte, da habe er sich gefühlt "wie eine Karotte, die darauf wartet, vom Hasen geschnappt zu werden", erklärte Masepin.

Toto Wolff

F1 Grand Prix of Styria

Toto Wolff.

(Foto: Mark Thompson/Getty Images)

Wenn Toto Wolff, der Teamchef und Miteigentümer des Mercedes-Rennstalls, aktiv wird auf den Märkten dieser Welt, dann entstehen schnell Gerüchte. Schneller zumindest als bei vergleichsweise handelsüblichen Investoren. Mal hieß es, Wolff werde Teamchef beim Rennstall Aston Martin, in den er sich zuvor eingekauft hatte. Dann wurde gemutmaßt, Wolff übernehme mit anderen Investoren gleich die gesamte Formel 1.

Bis auf die Weltherrschaft wurde dem 49-jährigen Wiener schon so gut wie alles zugetraut. In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass Wolff drei Exemplare seines privaten Fuhrparks feilbieten werde - und schon machten Gerüchte die Runde, er wolle auf diese Weise frisches Kapital für seine Investments generieren, um wiederum sonst wo finanziell einzusteigen. Dabei sei der Hintergrund viel einfacher, erklärte Wolff: "Ich habe keine Zeit mehr, die Autos zu fahren. Und es sieht auch nicht besonders gut aus, wenn ich mit einem Ferrari durch die Gegend cruise, auch wenn es eine fantastische Marke ist."

Wer sich nun fragt, was für Autos so wertvoll sind, dass bei deren Verkauf von frischem Kapital die Rede sein kann, der muss einen Blick auf die Exemplare werfen, die der Luxus-Autohändler Tom Hartley Jnr. für ihn verkauft: ein Ferrari LaFerrari Aperta, ein Ferrari Enzo und ein Mercedes-Benz SL65 AMG Black Series. Der LaFerrari Aperta mit fast 1000 PS wurde nur 210 Mal gebaut. Vor vier Jahren wurde ein Exemplar direkt ab Werk versteigert und erzielte einen Verkaufspreis von 8,3 Millionen Euro. Wolff hat sein Exemplar etwas heruntergewirtschaftet, indem er es rund 50 Kilometer weit bewegt hat, möglicherweise ist er jetzt nur noch die Hälfte wert. "Ich bin die Autos schon lange nicht mehr gefahren und stelle jetzt mit Mercedes auf Elektro um", kündigt Wolff an. Klingt nach Verkehrswende im Hause Wolff.

Nikita Masepin

Formel 1 - Mick Schumacher und Nikita Masepin

Nikita Masepin (links).

(Foto: James Gasperotti/dpa)

Haas-Teamchef Günther Steiner hat seinem Fahrer Nikita Masepin, dem Teamkollegen von Mick Schumacher, in Spielberg ein Paket überreicht. Das war an sich schon eine lustige Idee. Ist doch der 22-jährige Russe als Sohn eines Dünger-Milliardärs in der Lage, sich alles selbst zu kaufen, was ihm andere schenken. Masepin packte aus, entdeckte darin einen Kreisel. Auf dem stand: "Spin it to win it!" Dreh es, um zu gewinnen! Als Masepin wissen wollte, was das für ein Kreisel sei, antwortete Steiner: "Das ist der Masespin."

Also der Spitzname, den sich Masepin in den sozialen Netzwerken bei seinen bisherigen Wettfahrten in der F1 mit allerlei Drehern hart erarbeitet hat. Masepin versuchte, den Masespin in Bewegung zu versetzen, aber der fiel direkt um. Steiner machte seinem Fahrer vor, wie es geht und Masepin sagte: "Nicht mal das kann ich drehen." Jetzt muss Steiner nur noch Spielzeug finden mit dem sich zwei weitere Spezialdisziplinen von Masepin versinnbildlichen lassen: dem Im-Weg-Stehen bei Überrundungen. Und dem lebensgefährlichen Ausscheren vor das Auto des Teamkollegen bei Höchstgeschwindigkeit.

Valtteri Bottas

F1 Grand Prix of Styria

Valtteri Bottas.

(Foto: Clive Rose/Getty Images)

Dem Teamkollegen von Hamilton, dem das Glück derzeit nicht in Kübeln ausgeschüttet wird und der sich durchaus sorgen muss, ob ihm bei Mercedes sein Ende des Jahres auslaufender Vertrag verlängert wird, gelang in Spielberg zur Abwechslung ein tadelloses Rennen. Er fuhr vor auf Platz drei - obwohl er von Position fünf gestartet war. Genau diese Startbucht war allerdings das Problem. Denn eigentlich hatte Bottas in der Quali die zweitbeste Zeit vorgelegt, er wurde aber wegen eines kuriosen Zwischenfalls im Freitagstraining um drei Plätze versetzt. Er hatte gerade erst den Stellplatz in seiner Box verlassen, als er die Kontrolle über seinen Silberpfeil verlor und sich in unmittelbarer Nähe zu den Technikern von McLaren zu drehen begann.

Die Situation sei "potenziell gefährlich" gewesen, und zwar "vor allem, weil sich Teammitglieder in der Boxengasse befanden", urteilten die Rennkommissare. So sah das vor den Kommissaren schon das Team McLaren, das sogleich einen Funkspruch an Rennleiter Michael Masi absetzte, um Bottas anzuschwärzen. Was Mercedes-Teamchef Toto Wolff süffig kommentierte mit dem Hinweis, es sei "sehr unterhaltsam, wie schnell einige Sportdirektoren mit Armageddon-Szenarien um die Ecke kommen. Es ist gut, dass der Funk offen ist, dann haben wir alle was zu lachen."

Auch Bottas erkannte Taktik hinter den Beschwerden der Konkurrenz. "So läuft es eben, in diesem Sport versucht jeder, dich abzuzocken", sagte er: "Aus meiner Sicht ist das ziemlich hart. Ich hätte nie erwartet, dass es eine Strafe gibt. Aber wenn andere Teams eine Chance sehen, dann beschweren sie sich." Das Rennen lieferte dann noch eine kleine Pointe. Der Dreher war Bottas im Training unterlaufen, weil er probeweise im zweiten Gang losgerollt war, um zu schauen, ob sich so die Zeit des Boxenstopps verkürzen ließe. Das Rennen zuvor in Le Castellet hatte Hamilton an Verstappen verloren, weil er bei seinem Reifenwechsel irgendwo drei Sekunden verbummelt hatte. Im Rennen in Spielberg dann schaffte es Bottas vorbei an Sergio Perez, weil sein Team ihn schneller abfertigte als Red Bull den Mexikaner.

Charles Leclerc

F1 Grand Prix of Styria

Charles Leclerc.

(Foto: Bryn Lennon/Getty Images)

Charles Leclerc einer der schnellsten Fahrer, das ist hinlänglich bekannt. Zwei Rennsiege hat er auch schon eingefahren, 2019, als sein Ferrari noch von einer geheimnisvollen Kraft angetrieben wurde, die viele als nicht ganz legitim einstuften: in Monza und Spa. Insofern war es nicht ganz selbstverständlich, dass er nun nach seinem siebten Platz nach dem Großen Preis der Steiermark von einem "unglaublichen Rennen" sprach. Und davon, dass das "wahrscheinlich heute eine meiner bisher besten Leistungen war in der Formel 1". Entscheidend war Leclercs Nachsatz: "Sieht man mal von der ersten Runde ab."

Da nämlich fuhr er ein wenig zu weit nach rechts, Pierre Gasly ein bisschen zu weit nach links. Leclercs Frontflügel riss Gaslys Hinterreifen auf, ging dabei aber selbst kaputt. Für den Franzosen war das Rennen vorbei, Leclerc ließ die Nase seines Ferraris tauschen. Dann begann er von Platz 18 startend eine beeindruckende Aufholjagd bis vor auf den Rang, von dem er gestartet war - Siebter.

© SZ/bek
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