Großer Preis von Ungarn:Rainbow Warrior ohne Sprit

August 1, 2021, Mogyorod, Hungary: SEBASTIAN VETTEL of Germany and Aston Martin F1 Team is seen on the starting grid be

Sebastian Vettel hat das international geschätzte Symbol für Frieden, Toleranz und die Vielfalt von Lebensformen in Viktor Orbáns homophobe Ungarn getragen.

(Foto: James Gasperotti/ZUMA Wire/imago)

Gerügt für bunte Botschaften, disqualifiziert mangels Benzin im Tank: Bei einem denkwürdigen Rennen in Ungarn, das auch Red Bull leiden lässt, gerät Sebastian Vettel zweimal mit Formel-1-Gesetzen in Konflikt.

Von Philipp Schneider, Budapest

Sonntagabend, Viertel nach acht. In der Garage mit Sebastian Vettels Auto brennt noch Licht. Kein gutes Zeichen. Der Hungaroring hat sich längst in eine Baustelle verwandelt. Gabelstapler schwirren, Arbeiter wuchten zerbrechliche Bildschirme in gepolsterte Kisten, überall Gewusel. Die Hitze des Tages liegt noch wie ein Brikett in der Luft, dazu der Geruch von Schweiß. Wenn ein Formel-1-Rennen mit Mensch und Material zusammengepackt wird, wenn sich die wuchtigen Motorhomes zusammenfalten und in Lkws verwandeln, dann sieht das aus wie bei den Transformers. Ab auf die Autobahn. Schnell weg.

Nur Vettels Aston Martin muss nachsitzen. Inspekteure beugen sich im Kunstlicht gemeinsam mit Team-Mitarbeitern über die Haube. Das spektakuläre Rennen, das dank eines vom Mercedes-Piloten Valtteri Bottas angeschobenen Massencrashs in der ersten Kurve ein noch spektakuläreres Podium nach sich gezogen hatte, ist seit drei Stunden vorbei. Der zweiplatzierte Vettel sitzt längst im Flugzeug, als die Inspekteure versuchen, Benzin aus seinem Auto zu befördern. 0,3 Liter haben sie gefunden. Einen Liter brauchen sie. Vettels Podiumsplatz hängt an sieben Dezilitern Super Plus. Die Inspekteure saugen und saugen. Aber da ist nur Luft.

Fünf Stunden nach Rennende verschicken die Rennkommissare eine Meldung: Vettel wird disqualifiziert. Zu auffällig war sein Verhalten auf der Ehrenrunde gewesen, als er mit seinem Auto nicht mal mehr bis in den Parc fermé rollte, sondern es schon vorher abstellte. Kurve zwölf. Weil sein Auto zu heiß wurde, weil es Sensorprobleme gab, erzählte Vettel in den TV-Interviews. Och, dachte sich wohl Jo Bauer, der Technische Delegierte der Formel 1: Da schauen wir doch mal nach!

Hätte Vettel auf seine Ehrenrunde verzichtet, die Inspekteure hätten nie Luft gezogen

Schon in der letzten Runde des Rennens hatte sein Team Vettel angewiesen, Benzin zu sparen. Dann abermals auf der Ehrenrunde. Und jetzt war es tatsächlich so: Hätte Vettel auf seine circa honorem verzichtet, wie sie im alten Rom bei den Wagenrennen noch hieß, die Inspekteure hätten nie Luft gezogen. Weil so ein Formel-1-Auto eben doch kein Smart ist, braucht er etwa 140 Liter Benzin für 70 Runden Hungaroring. Das sind zwei Liter pro Runde. Was für eine Farce.

Sonntagabend, halb zehn. Eine halbe Stunde, bevor die Kommissare die Disqualifikation verschicken, kommt Otmar Szafnauer aus dem kleinen Bauwagen gestürmt, wo er die finale Besprechung mit Bauer gehalten hat. Vettels Teamchef, Sohn eines Amerikaners deutscher Abstammung und einer Rumänin, der in Detroit Elektrotechnik studierte, geht, nein er rast an den Gabelstaplern vorbei in Richtung seines Motorhomes. Es ließe sich nicht behaupten, dass Szafnauer schlechte Laune hat. "There is always hope", es gebe immer Hoffnung, sagt er. Dann zitiert er Miss Sophie aus Dinner for One. "Same procedure as every year." Er hat Protest angekündigt, denn Szafnauer ist sicher: Es stecken noch 1,44 Liter Benzin im Auto. Irgendwo halt, in den Weiten des Wagens und dem Labyrinth an Schläuchen. Es sei halt nur die Förderpumpe defekt, deshalb habe Vettel doch auch mitten auf der Strecke parken müssen. Abzüglich der abgesaugten 0,3 Liter kommt Szafnauer so auf die stolze Tankfüllung von 1,74 Liter. Damit ließe sich doch fast noch eine Ehrenrunde fahren!

Die Prognose, "dass wir alle den Planeten irgendwann verlassen müssen", sei eine gute, sagt Vettel - nachdem er eine Verwarnung erhalten hat für seine T-Shirt-Aktion

Vettels Wagen wird noch am Abend zur weiteren Untersuchung versiegelt. Bis das Drama geklärt sein wird, dürften Tage verstreichen. Was bleiben wird, das ist die Erinnerung an einen denkwürdigen Grand Prix. Und für Vettel an einen Tag, an dem er gleich zweimal mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Jenem der Formel 1 selbstredend, das bisweilen die Lächerlichkeit streift.

Vettel hatte den Regenbogen, das international anerkannte und geschätzte Symbol für Frieden, Toleranz und die Vielfalt von Lebensformen, ins finstere Herz von Viktor Orbáns autokratischem und homophobem Ungarn getragen. Das ganze verlängerte Rennwochenende lang. Er trug den Regenbogen auf dem Helm und auf den Sneakers. Und als der Sonntag kam, das muss man so sagen, da verwandelte sich Vettel in einen Rainbow Warrior. Er trug nicht nur den Regenbogen als Binde, wie kürzlich der Torwart Manuel Neuer bei der Fußball-Europameisterschaft. Vettel streifte sich ein buntes T-Shirt über, das ihm fast bis zu den Knien hing und das die Aufschrift zeigte: "Same Love". Dazu war sein Mundschutz ein einziger Regenbogen. Und so also ging Vettel, ein Rennfahrer der Liebe, vor dem Rennstart zur Zeremonie der ungarischen Hymne mit den archaischen Lyrics ("Erst zogen die räuberischen Pfeile der Mongolen über uns, dann trugen wir das Sklavenjoch der Türken auf den Schultern ..."). Dafür erhielt Vettel eine "Verwarnung abseits der Strecke", die zusammen mit zwei weiteren Verwarnungen für Fehlverhalten auf der Strecke auch zu einer Startplatzstrafe führen kann.

Rennleiter Michael Masi erklärte auf Nachfrage, dass den Piloten die Möglichkeit gegeben sei, vor dem Start die Unterstützung für die offizielle Formel-1-Kampagne "We race as one" zu zeigen. Die Hymne des Gastgeberlandes solle aber "respektiert" werden, indem die Fahrer ihre Rennanzüge tragen, betonte Masi. Heißt also: Wenn die Formel 1 ohnehin auf dem schwarzen Teppich mit jener Botschaft steht, die Lewis Hamilton ihr erst beibringen musste und die sich zudem vortrefflich werbewirksam ausschlachten lässt, dann ist Protest okay. Aber doch bitte nicht dort, wo sich eine Botschaft konkret an den richtigen Adressaten bringen ließe! Was soll denn bitteschön der Regenbogen beim homophoben Orbán? Schließlich kreist die Formel 1 ohne Unterbrechung bei den zuverlässig zahlenden Ungarn, seit der Hungaroring vor 35 Jahren in die Puszta gehauen wurde!

Schon am Donnerstag hatte Vettel seine gewürzte Meinung zum von Orbán geplanten Referendum kundgetan, mit dem Informationen über jegliche Form von Sexualität, die von der heterosexuellen abweicht, vor Jugendlichen weggesperrt werden sollen. Dieses sei "beschämend für das Land", sagte Vettel. Er könne nicht verstehen, warum die Regierung so damit kämpfe, dass die Menschen einfach frei leben möchten, wie sie wollten. Die Prognose, "dass wir alle den Planeten irgendwann verlassen müssen", sei eine gute, befand er am Sonntag mit Blick auf die Kritik an seiner T-Shirt-Aktion.

F1 Grand Prix of Hungary

Ganz alleine vor der Ampel: Als beim Wiederstart die Lichter ausgehen, ist Lewis Hamilton in seinem Mercedes ohne Rivalen. Das gab es in 71 Jahren Formel-1-Geschichte noch nie.

(Foto: Bryn Lennon/Getty Images)

Viel Ballast, den die Formel 1 nun durch den Sommer schleppt, ehe Ende August in Spa die Motoren wieder knattern. Aber auch die Erinnerung an die denkwürdigen Bilder eines einzigartigen Rennens. Wie jenes, auf dem der Silberpfeil von Lewis Hamilton zu sehen ist, der ganz alleine vor der Startampel parkt, als seien ihm die Rivalen ausgegangen. Dabei war er nur der einzige, der sich bei abtrocknender Strecke vor dem Wiederstart nach dem Massencrash keine Trockenreifen in der Box abholte. Oder jenes, das Fernando Alonso zeigt, der drei Tage nach seinem 40. Geburtstag mit schlauem Knallhart-Rennfahren Hamiltons Aufholjagd stoppte und so Esteban Ocon, seinem 16 Jahre jüngeren Teamkollegen bei Alpine, den ersten Formel-1-Sieg seiner Karriere rettete. Und bei Red Bull wird man sich noch eine ganze Weile an jenes Bild erinnern, das den Silberpfeil von Valtteri Bottas zeigt, der gleich in der ersten Kurve und ungestüm wie ein Fahranfänger den McLaren von Lando Norris in den Wagen von Max Verstappen schiebt. Die Mechaniker flickten ihn zwar mit Klebeband, aber ein Rennwagen war er danach nicht mehr.

Erst der Crash in Silverstone, als ihn Hamilton bei Höchstgeschwindigkeit in die Gummiwand schmiss, nun die Karambolage von dessen Teamkollegen Bottas in Ungarn, die Verstappen das Rennen als Neunter beenden ließ. 40 Punkte hat Hamilton gutgemacht auf seinen Rivalen in nur zwei Rennen, er führt jetzt wieder mit acht Zählern. Als sich Mercedes-Teamchef Toto Wolff bei seinem Kollegen Christian Horner für den Crash entschuldigen wollte, bei dem Red Bull das zweite Auto von Sergio Pérez sogar komplett verlor, reagierte der gar nicht. Horner ließ Wolff alleine mit dessen Hand in der Luft. "Toto fuhr das Auto nicht, es war sein Fahrer. Ich bin mir sicher, dass diesem auch nicht gesagt wurde, er soll einen Crash verursachen", meinte Horner zwar später. Aber es sei schon so, dass Wolff "mit dem Ergebnis zufrieden" sein dürfte.

In vier Wochen erwacht die Formel 1 mit zwei Rennen aus dem Sommerschlaf, bei denen Verstappen ein Heimspiel erleben wird: in Spa und Zandvoort. Horner verspricht: "Es wird eine epische zweite Hälfte geben." Was auch immer er damit meint.

© SZ/lib
Zur SZ-Startseite
Hungarian Grand Prix

Großer Preis von Ungarn
:Notoperation mit Klebeband

Wieder eine folgenschwere Kollision für Max Verstappen, diesmal trifft die Schuld Valtteri Bottas. Weil aber auch Lewis Hamilton nicht ohne Probleme kreist, gewinnt Esteban Ocon - zunächst vor Sebastian Vettel, der dann allerdings nachträglich disqualifiziert wird.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB