Großer Preis von Ungarn:Notoperation mit Klebeband

Hungarian Grand Prix

Nach dem Unfall wird Max Verstappens Auto mit Gaffertape geflickt - doch ein Rennwagen darf nie ein Schweizer Käse sein.

(Foto: Peter Kohalmi/Pool via Reuters)

Wieder eine folgenschwere Kollision für Max Verstappen, diesmal trifft die Schuld Valtteri Bottas. Weil aber auch Lewis Hamilton nicht ohne Probleme kreist, gewinnt Esteban Ocon - zunächst vor Sebastian Vettel, der dann allerdings nachträglich disqualifiziert wird.

Von Philipp Schneider, Budapest

Der Rennwagen von Max Verstappen stand in der Boxengasse, Mechaniker umrundeten ihn, sie wuselten wie Ameisen und führten eine Notoperation durch. Mit Klebeband. Verstappens Red Bull war schon wieder schwer getroffen, abermals in der ersten Runde wie neulich in Silverstone, nur noch etwas früher: in der ersten Kurve. Diesmal waren zwar noch alle Reifen am Auto, aber an der rechten Seite sah sein Wagen aus wie ein aufgeschlitztes Brötchen. Also klebten Verstappens Mechaniker sogenanntes Gaffertape über die lädierten Teile, als gelte es ein Planschbecken zu flicken. Das war alles gar nicht mehr zu glauben.

Es war ein beliebter Scherz auf den Fluren am Hungaroring in den vergangenen Tagen gewesen. Man stelle sich vor, was los wäre, würde nun ausgerechnet Valtteri Bottas in einen Unfall verwickelt, an dessen Ende der Wagen von Max Verstappen stark lädiert auf der Strecke bliebe. Bottas, der Teamkollege von Verstappens WM-Rivalen Lewis Hamilton, der ja seinerseits erst im vergangenen Rennen in England den Niederländer rausgekegelt hatte - was eine 14-tägige Phase des Wehklagens und Gezänks zwischen Red Bull und Mercedes ausgelöst hatte. Wie gesagt: Es war nur ein Scherz, ein böser. Dann kam es genauso. Wenngleich den Crash natürlich niemand geplant hatte.

Ocon jodelt: Er landet den ersten Sieg in seinem 78. Rennen

Diesmal war es kein Duell zwischen Hamilton und Verstappen wie in England, das das Rennen in Ungarn entschied. Es gab eine Massenkarambolage, in der sich die Autos reihenweise von der Strecke kegelten. Aber zu dieser lieferte Bottas den Startimpuls.

Als dann am Ende eines wilden Rennens der Franzose Esteban Ocon in seinem 78. Grand Prix den ersten Sieg feierte, da rauschten kurz nach ihm auch noch Sebastian Vettel als Zweiter und Hamilton als Dritter über die Ziellinie, die allerdings nicht minder fassungslos waren. Vettels Freude währte allerdings nur kurz: Stunden nach dem Rennen wurde bekannt, dass sein Aston Martin nur noch 0,3 Liter Benzin für die Probe des Automobilweltverbands Fia abgeben konnte. Vorgeschrieben ist aber mindestens ein Liter Benzin, der noch im Tank sein muss. Vettel hatte mit seinem Auto schon nicht mehr den sogenannten Parc fermé erreicht. Die Rennkommissare zitierten die Teamverantwortlichen von Aston Martin am Abend zu sich, dann erkannten sie Vettel seinen Podiumsplatz ab. Der Rennstall hinterlegte umgehend eine Absichtserklärung für einen Protest. Der grüne Dienstwagen wurde daraufhin versiegelt.

Vettel, der während der offiziellen Hymne mit einem Shirt in Regenbogenfarben gegen die homophobe Politik der Regierung von Viktor Orban protestierte, startete als Zehnter - und das auch noch schlecht. Weil sich vor ihm dann aber in der ersten Kurve eine halbe Fußballmannschaft aus dem Rennen verabschiedete, schaffte er es trotzdem sogleich an die Spitze. Hamilton wiederum hatte sich beim Reifenwechsel verzockt und war zeitweise auf den letzten Platz zurückgefallen. "Wenn man die Umstände heute betrachtet, bin ich sehr zufrieden", sagte er, "wir haben uns das Leben selbst ein bisschen schwer gemacht, aber ich habe alles gegeben. Jetzt bin ich leer, völlig ausgepumpt."

Großer Preis von Ungarn: Valtteri Bottas verursacht eine Massenkarambolage - der Anfang eines wilden Rennens.

Valtteri Bottas verursacht eine Massenkarambolage - der Anfang eines wilden Rennens.

(Foto: Darko Bandic/AP)

Aber weil ein Rennwagen nie ein Schweizer Käse sein darf, wurde sein Rivale Verstappen im Rennen sogar nur Zehnter - nach Vettels Disqualifikation rückte er vor auf Platz neun. Damit übernahm Hamilton wieder die Führung in der Gesamtwertung, sein Vorsprung beträgt nun acht Punkte. Und die Formel 1 verabschiedet sich in die Sommerpause mit einer Debatte darüber, ob Mercedes sich in den vergangenen zwei Rennen mit zu hartem Racing in den Titelkampf zurückgeboxt hat. Oder, wie es Verstappen auf den Punkt brachte: "Die letzten zwei Rennen waren total scheiße."

Das Lager von Red Bull fuhr wegen des Crashs von Silverstone eine zweigleisige Strategie

Es ist in Budapest gefühlt über nichts anderes geredet worden als über den Crash vor zwei Wochen, bei dem Hamilton seinen WM-Rivalen bei Höchstgeschwindigkeit in die Gummiwand katapultiert hatte. Der Unfall wurde von links nach rechts gedreht, dann gewendet, von rechts nach links gedreht, kräftig geschüttelt, ein bisschen Olivenöl dazu, viel zu viel Cayennepfeffer, und dann ging es wieder von vorne los mit alldem, bis alles angebrannt war.

Das Lager von Red Bull fuhr eine zweigleisige Strategie. Einmal wurde Mitleid im Publikum hervorgerufen, indem Teamchef Horner nicht müde wurde zu erzählen, wie stark sich so ein Einschlag mit der Wucht des 51-fachen Körpergewichts anfühle. Parallel dazu hatte das Team eine Revision von Hamiltons Strafe auf juristischem Wege angestrebt, war damit allerdings krachend gescheitert, weil sie neue Beweise hätten vorlegen müssen.

Rechtzeitig zum Start erschwerte ein Regenguss die Bedingungen

Am Samstag dann zeigte sich nach der Qualifikation, wen das Endlosgerede über den Crash am meisten aus der Fassung gebracht hatte: Nicht etwa Hamilton, den die scharfgemachten holländischen Fans nach dem Gewinn seiner 101. Pole Position noch auf der Strecke auspfiffen. Sondern Verstappen. Als der nämlich gefragt werden sollte, ob jetzt auch in der ersten Runde am Hungaroring wieder mit Ungemach zu rechnen sei, da ließ er den Fragesteller nicht einmal ausreden und unterbrach ihn. "Können wir nicht einfach damit aufhören!", bellte er. "Ehrlich, am Donnerstag mussten wir den ganzen Tag diesen dummen Scheiß beantworten, können wir damit jetzt bitte aufhören?" Neben ihm saß Hamilton. Er sagte nichts mehr. Und atmete wohl ein wenig Genugtuung in seine FFP2-Maske.

Einen Tag später krachte es dann trotzdem wie antizipiert in der ersten Runde. Eine halbe Stunde vor Rennstart waren dunkle Wolken über die Puszta gezogen, begannen sich über der Strecke zu entleeren. Alle Piloten wechselten auf Intermediates, Mischreifen, deren Profil zwischen Trocken- und Regenreifen angesiedelt ist.

Die Ampeln gingen aus, Bottas verschlief den Start komplett. Beide Red Bull zogen an ihm vorbei, auch Lando Norris im McLaren. 440 Meter zieht sich die Gerade in Ungarn bis zur ersten Kurve; als Bottas an deren Ende angelangt war, da rumste er Norris fast ungebremst ins Heck - und schob dessen McLaren in Verstappens Red Bull. Auf dem Weg ins Kiesbett räumte Bottas höchstpersönlich auch noch den Wagen von Verstappens Teamkollegen Sergio Perez ab. Für Bottas, Perez und Norris begannen in diesem Moment die Sommerferien. Genau wie für Charles Leclerc und Daniel Ricciardo, die in der ersten Kurve von Lance Stroll rausgedrückt wurden. "Ich hätte früher bremsen sollen, es war mein Fehler", gab Bottas zu - zur Strafe wird er beim kommenden Rennen in Spa um fünf Startplätze zurückversetzt.

Das Safety Car rückte zunächst aus, dann wurde der Kreisverkehr doch ganz unterbrochen - und Hamilton führte nun allen Ernstes vor Ocon, Vettel, Sainz, Tsunoda und Latifi. Bevor das Rennen mit einem stehenden Start wieder freigegeben wurde, rollten angesichts einer abtrocknenden Strecke alle Wagen an die Box, um sich noch Trockenreifen abzuholen.

Großer Preis von Ungarn: Der Unfall führt zu einem ungewöhnlichen Podium: mit dem Zweitplatzierten Sebastian Vettel (links) und Sieger Esteban Ocon (rechts).

Der Unfall führt zu einem ungewöhnlichen Podium: mit dem Zweitplatzierten Sebastian Vettel (links) und Sieger Esteban Ocon (rechts).

(Foto: Florion Goga/AFP)

Alle bis auf Hamilton. Der stand mit seinem Mercedes plötzlich ganz alleine vor der Startampel. Eine solche Szene gab es in 71 Jahren Formel 1 noch nie.

Die Lichter gingen aus, Hamilton gab Gas, gewann angesichts von exakt null Konkurrenten den Start. Er korrigierte seine Entscheidung, die Mischreifen zunächst zu behalten, unmittelbar, fuhr nun seinerseits an die Box für Trockenreifen - aber nun war er 14. und Letzter. Und litt im Funk mal wieder jene Höllenqualen, von denen man bei ihm nie weiß, ob sie gespielt oder echt sind. "Ich komme Giovinazzi nicht mal nah!" Kam er dann doch. Sogar vorbei. Genau wie Verstappen kämpfte sich Hamilton auf der Strecke, auf der das Überholen kaum möglich ist, Auto um Auto nach vorne. Nur war sein Silberpfeil nicht notdürftig geflickt, sondern intakt. "Ich habe beides: Unter- und Übersteuern", klagte Verstappen im Funk. Und dann traf Mercedes auch noch die bessere strategische Entscheidung: Sie riefen Hamilton vor der Konkurrenz an die Box für einen neuen Satz Reifen. Als es ihm Verstappen eine Runde später nachmachte, war Hamilton an ihm vorbeigezogen.

Alonso wehrt Hamiltons Attacken rundenlang mit dem Messer zwischen den Zähnen und viel Gefühl im Bremsfuß ab

An der Spitze kam Vettel nicht vorbei an Ocon. Sein Team probierte ein Überholmanöver in der Box. Vettel bog ein, Ocon auch. Danach war der Franzose noch immer vorne.

20 Runden vor Schluss wandte sich Mercedes-Teamchef Toto Wolff persönlich an Hamilton. Das geschieht so gut wie nie. "Lewis", sagte er, "du kannst das Rennen gewinnen." Da hatte er die Rechnung ohne Fernando Alonso gemacht, der eine ganze Weile jeden Angriff Hamiltons auf seinen vierten Platz abwehrte mit dem Messer zwischen den Zähnen und viel Gefühl im Bremsfuß. Bis zur viertletzten Runde. Hamilton schnappte sich auch noch Sainz. Aber ohne Alonsos harten Widerstand hätte Esteban Ocon in Ungarn niemals die Marseillaise spielen hören.

© SZ/tbr
Zur SZ-Startseite
Formula 1 2021: Hungarian GP HUNGARORING, HUNGARY - JULY 30: Sebastian Vettel, Aston Martin during the Hungarian GP at

MeinungFormel 1 in Ungarn
:Rasende Weltverbesserer

Am Rande des Rennens in Budapest werben Sebastian Vettel und Lewis Hamilton für mehr Toleranz im autokratischen Ungarn. Im Gegensatz zu vielen Fußballern belassen sie es nicht bei Gesten - sie halten politische Reden.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB