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Formel 1:Mehr Spektakel als unter Ecclestone

Formel-1-Weltmeisterschaft, Grand Prix von Australien

Es geht wieder los: Sebastian Vettel dreht im Ferrari seinen Runden in Melbourne.

(Foto: dpa)

Der Alleinherrscher ist weg, die Formel 1 soll wieder schneller und populärer werden. Doch bekommen die neuen Bosse die Probleme in den Griff?

Das hat es noch nicht oft gegeben: Erst zum dritten Mal in der Geschichte der Formel-1-Weltmeisterschaft wurden die Regeln geändert, damit die Autos schneller kreisen. Wenn die Regelhüter sonst eingriffen, dann um dem gefährlich gewordenen Fortschritt entgegenzuwirken. Nun aber ist es so wie 1954 und 1966: Die Boliden sollen stärker beschleunigen, um wieder mehr Spektakel zu bieten und den Anspruch der Serie zu untermauern, die höchste Klasse des Motorsports zu sein.

Dafür wuchsen die Wagen - in der Breite und in der Länge. Auch die Reifen nahmen zu; sie kleben nun noch besser auf dem Asphalt. Breiter, schneller, wieder populärer: Dieser Dreisatz wird angestrebt. Für die Protagonisten ging die Rechnung schon einmal auf. Die Fahrer schwärmen über das anspruchsvollere neue Fahrerlebnis. Wie das beim Publikum ankommt, wird sich an diesem Wochenende zeigen.

Die Saison, die am Sonntag um sieben Uhr deutscher Zeit in Melbourne gestartet wird, ist eine besondere. Sie markiert eine Zeitenwende. Zum ersten Mal seit mehr als vier Jahrzehnten tritt der Rennzirkus nicht mehr unter der Ägide von Bernie Ecclestone auf. Der 86 Jahre alte Brite wurde als Chefvermarkter abgelöst. Der US-Unterhaltungskonzern Liberty Media hat nun das Sagen. Er hat ein Triumvirat eingesetzt: Geschäftsführer Chase Carey, Marketingchef Sean Bratches und Sportdirektor Ross Brawn sollen zusammen das tun, was bisher der Alleinherrscher Ecclestone tat - die Richtung bestimmen. Die Bedeutung dieses Wechsels kann kaum überschätzt werden.

Das Jahr eins nach Ecclestone ist eines, das Ecclestone noch geprägt hat

Die Formel 1 ist kein Sport wie viele andere. Sich gut zu verkaufen: Das war hier immer besonders wichtig. Die teuren Autos kreisen nicht zum Selbstzweck. Sie können nur kreisen, wenn ihnen viele Menschen zuschauen. Der Aufschwung, den das Geschäft seit den Siebzigerjahren unter Ecclestone genommen hatte, basierte auch darauf, dass es lange ein beinahe einzigartiges Zusammenspiel gab: zwischen dem Verkäufer und den Regelhütern beim Automobilweltverband FIA.

Gemacht wurde, was der Show half. Mal waren das breitere Pisten, damit Unfälle glimpflicher ausgingen. Mal Klappflügel, damit es mehr Überholmanöver gab. Mit diesem Doppelpassspiel aber ist es schon seit einiger Zeit vorbei. Die Teams haben bei Regeländerungen inzwischen viele Mitsprachemöglichkeiten, weshalb es nun spannend zu beobachten sein wird, was die neuen Inhaber auf welchem Weg ändern wollen.

Rund zwei Dutzend "Super Bowls" wolle er künftig jedes Jahr inszenieren, hat Geschäftsführer Chase Carey angekündigt, jedes Rennen soll ein "multi-dimensionales Event" werden. Das klingt ambitioniert - und reichlich wolkig. Wie das genau aussehen soll, muss sich erst noch zeigen. Dass über die sozialen Medien nun mehr aus dem Fahrerlager und der Boxengasse zu erfahren sein soll, ist ein erstes Schrittchen. Ein Sprung in eine neue Zeit aber ist es noch nicht wirklich.

Das Jahr eins nach Ecclestone ist eines, das Ecclestone noch geprägt hat. Die technischen Neuerungen wurden beschlossen, lange bevor die neuen Männer ans Ruder kamen. 20 Rennen sind eines weniger als 2016. Ausgerechnet ein Deutschland-Grand-Prix fehlt in diesem Jahr, obwohl Mercedes zuletzt in Serie den Weltmeister stellte und Ferrari-Fahrer Sebastian Vettel als aussichtsreicher Titelkandidat ins Rennen geht. Auch das Teilnehmerfeld ist geschrumpft. Nachdem sich für das insolvente Manor-Team kein Käufer gefunden hatte, treten nur noch zehn Rennställe an. Das ist immer noch eine ordentliche Zahl, der Trend aber zeigt, wie sehr das Wachstum zuletzt stotterte. Und wie viel Arbeit auf die neuen Richtungsanweiser wartet.

© SZ vom 25.03.2017/chge
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