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McLaren in der Formel 1:Ferrari irritiert mit Schwäche

Der nach Ferrari zweitälteste Rennstall der Königsklasse hatte vor der Saison von seinen Anteilseignern aus Bahrain eine finanzielle Zuwendung in Höhe von rund 300 Millionen Pfund erhalten. Damit sollte Seidl das Team wieder zurück zu altem sportlichen Glanz führen. Früher war der von Ron Dennis eisern geführte Rennstall als gut geölte Erfolgsmaschine bekannt. Achtmal wurde das Team Konstrukteursweltmeister, zwölfmal holte ein McLaren-Pilot den Titel, darunter Niki Lauda (1), Alain Prost und Ayrton Senna (je 3). Nach 2008 aber, als Lewis Hamilton im McLaren Weltmeister wurde, ging es für die Mannschaft bergab. In den vergangenen sieben Jahren gab es keinen Sieg mehr - und lediglich vier Fahrer erlebten das Podium unter ihren Füßen.

Als in diesem Frühjahr die Pandemie auch Europa erfasste, wurde die Gabe aus dem Mittleren Osten plötzlich benötigt zum Überleben. McLaren war Ende Mai das erste Team, das Kurzarbeit anmeldete und die Gehälter kürzte - auch die der Fahrer. Als dies nicht genügte, wurden 1200 Mitarbeiter entlassen, 70 davon im Rennteam. Und weil der McLaren Group noch immer Geld fehlte, erwog sie einen ungewöhnlichen Schritt: Sie könnte ihre Sammlung historischer Rennwagen, eine der wertvollsten Formel-1-Kollektionen der Welt, sowie ihr Hauptquartier in Woking verpfänden, hieß es. Abgewendet wurde eine Pleite McLarens schließlich mit einem 150-Millionen-Pfund-Darlehen der National Bank of Bahrain. Diese ist Teil der Mumtalakat Holding Company, der 56 Prozent an McLaren gehören.

1989 British Grand Prix

Nachdenklich in Silverstone: Ayrton Senna, Weltmeister der Jahre 1988, 1990 und 1991, grübelt im Jahr 1989 über einen unnötigen Fahrfehler. Nach einem Dreher mit seinem McLaren muss er seinem Teamkollegen Alain Prost die Führung überlassen. Der Franzose gewinnt das Rennen - und den Titel.

(Foto: Bob Thomas Sports Photography/Getty Images)

Die Pandemie beschert der Formel 1 kuriose Volten: auch ein Comeback Nico Hülkenbergs

Die vergangenen Monate seien eine "Achterbahnfahrt" gewesen, sagt Seidl am Freitag. Achterbahn deshalb, weil es Seidl irgendwie gelungen ist, nach all den Tiefpunkten sein Team zum Saisonstart in einem Looping nach oben zu schießen. Der dritte Platz von Lando Norris, 20, beim ersten Rennen in Spielberg habe dem Team dann einen zusätzlichen "Boost" verschafft, sagt Seidl. Er lächelt. Er mag Vergleiche, die mit Fahrgeschäften und Rasanz zu tun haben.

Vierter der Gesamtwertung ist McLaren in der Vorsaison geworden - der ersten unter Seidl. Nur die Investitions-Giganten von Mercedes, Ferrari und Red Bull waren 2019 besser. Es war das bestmögliche Ergebnis, das McLaren erzielen konnte. So dachte man. Bis zum Start dieser Notsaison, die neben der Corona-Pandemie von einer weiteren Irritation geprägt wird: der ungeheuerlichen Schwäche Ferraris. Plötzlich ist McLaren nach drei Rennen die dritte Kraft.

Zak Brown, oberster Aufseher aller Motorsportaktivitäten bei McLaren, lockte Seidl 2019 mit dem Versprechen, er dürfe das Skalpell ansetzen an die verkrusteten Strukturen im Rennstall. Früher war die Marke berühmt für ihre komplizierte Matrix-Struktur, die der Patriarch Ron Dennis der Legende nach einst eingeführt hatte, ob der Furcht, er könne seinen hochgeschätzten Autodesigner Adrian Newey verlieren. Um sich frei von Abhängigkeiten zu machen, gestaltetet Dennis die Hierarchie so um, dass die wichtigsten Aufgaben auf mehrere Köpfe verteilt wurden.

Seidl wiederum ist Freund einer "klaren chain of command", wie er im feinsten Mischmasch aus Deutsch und Englisch nach seinem Amtsantritt bei McLaren sagte: klare Zuständigkeiten also, die es auch bei Mercedes gibt. Und die bei Ferrari fehlen, wo Mattio Binotto weiterhin Technik- und Teamchef zugleich sein darf. Zur Saison 2019 stießen außer Seidl auch die Fahrer Lando Norris und der 2021 in Vettels Cockpit bei Ferrari wechselnde Carlos Sainz hinzu. Sowie Technikchef James Key, dem Seidl gemäß seiner Vorstellungen einer gesunden Struktur vertraut.

Brown holte Seidl, weil er zuvor bewiesen hatte, dass er Projekte neu aufsetzen kann: 2000 half er mit, BMW in die Formel 1 zu schieben. Nach dem Ausstieg der Münchner aus der Königsklasse organisierte er ihren Einstieg in die DTM. Danach wechselte Seidl zu Porsche und gewann als Teamchef auf der Langstrecke zwischen 2015 und 2017 dreimal in Le Mans. Er habe "schon immer Freude gehabt, große Motorsport-Operationen zu leiten", versprach Seidl. Dann gelang ihm innerhalb eines Jahres bei McLaren eine beachtliche Motorsport-Notoperation.

Die Pandemie hat der Formel 1 einige nicht für möglich gehaltene Volten beschert. Gemeint ist nicht nur die geplante Rückkehr der Rennserie auf all die Traditionsstrecken in halbwegs virenfreier Umgebung: nach Mugello, Imola, zum Nürburgring. Gemeint ist auch nicht das Blitz-Comeback von Nico Hülkenberg. Sondern der seit Jahren von kleineren Teams geforderte Kostendeckel, der ab 2021 greifen und wegen der Corona-Plage tiefer angesetzt wird als geplant: bei 145, nicht bei 175 Millionen Dollar - dann sinkt er weiter bis auf 135 Millionen.

Es ist nicht ohne Ironie, dass die Pandemie McLaren an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds trieb - und zugleich dafür sorgen dürfte, dass das Team aus Woking in Zukunft wieder um Titel fahren kann.

© SZ vom 01.08.2020/ska
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