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McLaren in der Formel 1:Im Looping nach oben

F1 Grand Prix of France - Final Practice

Spezialist für Motorsport-Operationen: Andreas Seidl hat vorher für BMW und Porsche gearbeitet.

(Foto: Dan Istitene/Getty)

Teamchef Andreas Seidl hat den sportlich darbenden Traditionsrennstall McLaren zur dritten Kraft in der Formel 1 geformt. Weil die Rennserie sparen muss, darf das Team von Titeln träumen.

Von Philipp Schneider

Die Formel 1 ist ein Wettbewerb der Geschwindigkeiten. Die schnellsten Autos gewinnen die Rennen. Die flinksten Mechaniker ermöglichen Überholmanöver in der Boxengasse. Und im März in Melbourne verließen jene Teams den Albert Park als Sieger, die am flottesten ihre Rollkoffer packten und sie hinter sich her zum Flughafen zogen.

Während die Granden der Formel 1 damals eine ganze Nacht rumlavierten und auch noch am Morgen zögerten, als sich Zuschauer vor den Toren des Albert Parks schon in Warteschlangen drängten, ob sie das Rennen nach Bekanntwerden des ersten mit dem Coronavirus Infizierten im Fahrerlager absagen sollten, da hatte ein Rennstall längst gehandelt: McLaren. Der Patient null der Formel 1 war ein Mechaniker in Diensten des britischen Traditionsrennstalls. Und McLaren räumte nun geradewegs seine Garagen.

141 Tage und drei sogenannte Geisterrennen verstrichen, ehe die Formel 1 am Donnerstag den zweiten Patienten mit Covid-19 in Quarantäne schicken musste. Diesmal aber werden die Koffer nicht gepackt. Die Wettfahrten sollen weitergehen, wenngleich der Infizierte ein Rennfahrer ist: Der Mexikaner Sergio Perez, angestellt beim Team Racing Point, dessen Cockpit 2021 als Fluchtpunkt für Sebastian Vettel gilt, fühle sich schließlich "körperlich gut", hieß es. Und, was soll's? Sein Auto wird ja trotzdem rollen!

Perez wird anstandslos ausgetauscht - und so schnell wie Nico Hülkenberg aus Emmerich am Rhein zusagte zu diesem Aushilfsjob, wurde wohl noch nie ein Reifen gewechselt an einem seiner Autos. In mindestens einem der zwei anstehenden Rennen in England - je nach dem, wie lang Perez in Isolation muss - darf der 32-Jährige nun beweisen, dass er im Vorjahr bei Renault zu Unrecht ausgemustert worden ist. Nach 177 Rennen ohne einen einzigen Podestplatz, das ist nun die Pointe, steigt er, Corona sei dank, zum ersten Mal in ein Auto, mit dem sich das Treppchen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit ansteuern lässt. "The Hülk is back for Silverstone", dichteten sie am Freitag bei Racing Point. Auch in den Pressestellen geht es um Geschwindigkeit.

Wie er denke über den Fall Perez/Hülkenberg? Andreas Seidl nimmt sich Zeit. Er schaut mit scharfem Blick durch seine Brille in die Kamera, überlegt. Seidl, 44, der in Passau geborene Teamchef von McLaren, wäre auch ohne den ersten Corona-Fall außerhalb seines Teams ein gefragter Gesprächspartner gewesen in Silverstone. Seit mehr als einem Jahr sorgt Seidl dafür, dass die nicht weit von Silverstone in der Grafschaft Surrey beheimatete Marke wieder in die Spur gefunden hat. "Ich denke", sagt Seidl, "der Fall zeigt, dass das Hygienekonzept funktioniert. Er zeigt, dass wir Rennen fahren können und trotzdem die Menschen schützen."

Zur Wahrheit gehört auch, dass das Hygienekonzept, das die Protagonisten der Rennserie in sogenannten Blasen isoliert voneinander existieren lässt, aus wirtschaftlicher Sicht alternativlos ist. Wäre die Saison Anfang Juli nicht mit viermonatiger Verspätung gestartet worden, selbst McLaren wäre nicht nur gewankt. Sondern womöglich gestürzt.

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