Sieben Kurven der Formel 1:"Ich war hundert Mal schneller als er"

Lesezeit: 5 min

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(Foto: Clive Rose/AFP)

Fernando Alonso regt sich über den Teamkollegen auf, Mick Schumacher kann plötzlich mithalten - und Sebastian Vettel wird von einer Politikerin verhöhnt. Die Höhepunkte des Formel-1-Wochenendes.

Von Elmar Brümmer, Montreal

Fernando Alonso

Was die Leidenschaft, das Können und die Kampfkraft angeht, merkt niemand Fernando Alonso an, dass er demnächst 41 Jahre alt wird. Seinen Alpine-Rennwagen auf einer tückischen, nassen Qualifikationspiste auf Platz zwei zu pilotieren, das war schon wie ein kleiner Sieg. Spitzenreiter Max Verstappen dann mit der "maximalen Attacke" zu drohen, war natürlich einer der Psycho-Tricks des Spaniers. Aber einen fünften Platz hatte er sich schon ausgerechnet, und der wäre auch trotz des verpennten Starts drin gewesen.

Am Ende fuhr Alonso als Siebter über die Ziellinie, und die Rennkommissare stuften ihn wegen Zick-Zack-Fahrens noch auf Rang neun zurück. Dass er seinen 15 Jahre jüngeren Teamkollegen Esteban Ocon aus Sicherheitsgründen nicht überholen durfte, hat den Spanier aber fast mehr getroffen: "Ich war über das Wochenende hundert Mal schneller als er." Aber er hielt sich überraschenderweise an die Order, noch wütender war er ohnehin über den Renault-Motor, der schon ab Runde 20 nur noch mit reduzierter Leistung lief: "Von da an ging es für mich nur noch ums Überleben. Ich musste Kamikaze fahren."

Mick Schumacher

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(Foto: Clive Rose/AFP)

Startplatz sechs, so weit vorn wie noch nie. Im Regenchaos der Qualifikation ähnlich souverän gefahren wie sein Vater damals. Endlich emanzipiert, auch innerhalb des Haas-Rennstalls. Sogar Teamchef Günther Steiner sagte ihm "Danke". Mick Schumacher hatte sich im Qualifying von Montreal freigeschwommen und im Rennen tatsächlich Hoffnung auf seinen allerersten WM-Punkt. Denn wer will schon ein ewiger Rookie sein? Auch im Rennen, als er in der ersten Runde Plätze verlor, waren die Punkte lange noch in Reichweite. Der 23-Jährige hielt sich in den Top Ten, während Teamkollege Kevin Magnussen in den Mercedes von Lewis Hamilton rauschte.

Über 19 Runden konnte Schumacher in der ersten Hälfte des Feldes ganz ordentlich mithalten, dann musste er Position um Position hergeben und rollte mit einem Antriebsschaden an seinem Leih-Ferrari aus. Bitter, sehr bitter. Dafür hielt Mick Schumacher, der auf der erklärten Fahrerstrecke von Montreal auf Anhieb zurechtkam, seinen Frust noch unter Kontrolle: "Unschönes Gefühl" sagte er auf Deutsch, "unglücklich" im Interview auf Englisch. Sein Auto habe sich großartig angefühlt, und auch die Leistung war nicht schlecht: "Das ist es, was wir nach Silverstone mitnehmen können."

Sebastian Vettel

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(Foto: Chris Helgren/Reuters)

Mittlerweile gibt es eine ganze Kollektion von T-Shirts, mit denen Sebastian Vettel auf Missstände in der Welt hinweist, meist geht es um Menschenrechte, den Frieden und vorzugsweise um Umweltthemen. In der Formel 1 wird das registriert, eine größere Öffentlichkeit aber erreicht das selten. Mit seinem Protest gegen den Teersandabbau als "Kanadas Klimaverbrechen" hat sich das geändert, denn Energieministerin Sonya Savage aus der Provinz Alberta stieg auf die Provokation ein: "Ich habe über die Jahre schon viel Heuchelei gesehen, aber das ist die Krönung", twitterte sie und verwies darauf, das Vettels Rennstall von Aramco, der größten Erdölfördergesellschaft der Welt mitfinanziert wird. Die Politikerin empfahl dem Rennfahrer dann noch höhnisch, den eigenen C02-Fußabdruck zu verringern: "Vielleicht mit Tretautos."

Vettel weiß, dass er leicht angreifbar ist, aber für gewöhnlich bleibt er stur. Doch am Sonntag wechselte er seinen Helm aus, auf dem seine Botschaft an die Kanadier ebenfalls aufgepinselt war. Warum wollte er im Sky-Interview nicht sagen, sein Team wiederum bestritt, den Fahrer gezwungen zu haben. Das legt die Frage nahe, ob nicht andere auf ihn eingewirkt haben. Die Saudis sind auch einer der Hauptsponsoren der Formel 1.

Max Verstappen

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(Foto: Dan Mullan/AFP)

In den letzten, den 15 spannendsten Runden des kanadischen Grand Prix, war der Funkverkehr zwischen dem Spitzenreiter und dem Red-Bull-Kommandostand gestört. "Vielleicht waren sie ja ganz froh", mutmaßte der Niederländer, der aus seiner erst zweiten Pole-Position in dieser Saison seinen sechsten Sieg machen konnte. Damit hat der Titelverteidiger bislang zwei Drittel aller Rennen dominiert und sich einen ordentlichen Vorsprung auf Hauptgegner Charles Leclerc herausfahren können. Ausruhen kann und will er sich nicht, er hat es ja selbst vorgemacht, wie schnell sich die Verhältnisse ändern können.

Die Piste auf der Ile de Notre-Dame kam ihm dabei gelegen. Sie hat den Charakter einer permanenten Rennstrecke, erinnert sogar an seine geliebten Go-Kart-Kurse. Dass er beim Start neben sich Fernando Alonso stehen hatte, empfand Verstappen als nette Überraschung: "Als kleiner Junge habe ich Fernando im Fernsehen Rennen und Titel gewinnen sehen, und jetzt steht er neben mir." Nun gut, nicht für lange. Auch eine Art Ausdruck des von Verstappen eingeleiteten beschleunigten Generationswechsel in der Formel 1. Der Champion verbat sich auch, dass andere Piloten in der umstrittenen Frage der hüpfenden Rennwagen für ihn sprechen: "Mich sollen sie nicht einbeziehen."

Carlos Sainz junior

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(Foto: Clive Mason/AFP)

Nullkommaneun Sekunden fehlten am Ende und die Nummer zwei von Ferrari hätte endlich den ersten Grand-Prix-Sieg einfahren können. Durch eine Safety-Car-Phase kurz vor Schluss hatte der Spanier Spitzenreiter Max Verstappen plötzlich wieder im Visier. Tapfer kämpfte er sich durch die Luftwirbel an den Niederländer heran. Aber es war kein Vorbeikommen, Verstappen in der ungewohnten Rolle als Verteidiger bestand den Stress-Test und fuhr auch gegen einen neuen Gegner im roten Auto seinen sechsten Saisonsieg ein.

Trotzdem war es ein versöhnliches Ende für die Scuderia Ferrari, die nach dem großen Fiasko von Baku diesmal nur kleine Pannen bei den Boxenstopps erlebte. Immerhin kam Charles Leclerc nach seinem Motorwechsel aus der letzten Startreihe noch auf Rang fünf. Ein Grand Prix der Schadensbegrenzung, auch wenn Leclerc in der WM jetzt schon 49 Zähler hinter Verstappen zurückliegt. "Immerhin waren wir von der Leistung her wieder bei der Musik", sagte Sainz, "wir waren das ganze Rennen über schneller und ich konnte bis zur letzten Runde mit Vollgas kämpfen."

Lewis Hamilton

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(Foto: Clive Mason/AFP)

Mercedes leistet sich den teuersten Testfahrer der Welt. Um das Balance-Problem der Silberpfeile endlich aus der Welt zu schaffen, muss Lewis Hamilton ob seiner Erfahrung immer wieder freitags Experimente unternehmen. In Montreal gingen diese so schief, dass Hamilton bereits empfahl, besser über eine Neukonstruktion für 2023 nachzudenken: "Ein Desaster." Nach seinem vierten Rang in der Qualifikation war davon keine Rede mehr, und dass er im Großen Preis von Kanada dann zum zweiten Mal in diesem Jahr als Dritter aufs Podium steigen durfte, sorgte für Glücksgefühle, die alle Rückenschmerzen übertünchten. "Ich fühle mich fast wieder jung", jubelte der Rekordsieger von Kanada.

Zum zweiten Mal kamen Mercedes-Piloten auf den Plätzen drei und vier ins Ziel, diesmal nur in umgekehrter Reihenfolge als in Baku. George Russell aber setzte seine Serie fort, als einziger Fahrer in jedem Rennen unter die Top Fünf gefahren zu sein. Hamilton wurde sofort wieder zum Positivdenker: "Das Ergebnis gibt uns eine Menge Hoffnung. Zum ersten Mal konnte ich bis zum Schluss die Spitze sehen. Zeitweise waren wir so schnell wie Red Bull und Ferrari." Nur einen Wunsch hätte Hamilton noch: "Wie wäre es, wenn George in der zweiten Saisonhälfte die Experimente übernehmen könnte...?"

Toto Wolff

Formel 1: Mercedes-Teamchef Toto Wolff 2022 in Kanada

Toto Wolff ist beim Treffen der Teamchefs in Kanada sehr laut geworden.

(Foto: Jim Watson/AFP)

Das Problem der hüpfenden Rennwagen und vieler vor Schmerzen stöhnenden Fahrer hätte der Automobilweltverband Fia gern sofort und per technischer Dienstanweisung gelöst. Doch dazu ist das bouncing, das Langzeitschäden an Rücken und Gehirn hervorrufen könnte, zu komplex. Eine allgemeingültige Lösung für alle Rennwagen gibt es nicht, nicht alle sind gleich stark betroffen, am meisten trifft es Mercedes. Damit wurden in Montreal erstmal nur Daten gesammelt, wie stark die Autos hoppeln und wo die Schmerzgrenze liegen könnte. Danach soll zusammen mit den Teams überlegt werden, was geändert wird.

Ein Vorgeschmack, wie schwer der Konsens zu finden sein wird, war ein Teamchef-Meeting in Montreal. Einmal mehr gerieten Mercedes-Boss Toto Wolff und Red-Bull-Statthalter Christian Horner aneinander. Wolff argumentiert im Sinne der Gesundheit aller Fahrer, die mit einem offiziellen Protest die Sache ins Rollen gebracht hatten. Horner unterstellt dem Gegner mehr oder weniger, sich in der Saisonmitte wieder einen Vorteil verschaffen zu wollen, nachdem man das Ziel bisher verfehlt habe. Keiner geht den anderen in der Öffentlichkeit namentlich an, doch Wolff platzte der Kragen: "Es gibt Kollegen, die versuchen, das Gesagte zu manipulieren, um den Wettbewerbsvorteil zu behalten politische Spiele spielen." Der Österreicher findet das "erbärmlich" und "hinterhältig".

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Formel 1 in Montreal
:Verstappen entwischt immer wieder

Der Niederländer gewinnt den Großen Preis von Kanada und baut seine Führung im Titelkampf aus. Während Mick Schumacher von der Technik ausgebremst wird, erlebt Lewis Hamilton längst vergessene Glücksgefühle.

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