2. Bundesliga:Schalke lebt noch

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2. Bundesliga: Darko Churlinov (li.) und Rodrigo Zalazar unterhalten das Schalker Publikum nicht nur mit ihrem Jubel.

Darko Churlinov (li.) und Rodrigo Zalazar unterhalten das Schalker Publikum nicht nur mit ihrem Jubel.

(Foto: Joachim Bywaletz/Jan Huebner/Imago)

Bald in der vierten Liga oder beim Konkursverwalter? Am Ende des Schalker Abstiegsjahres lässt sich sagen: Die finsteren Prognosen sind vorsichtigem Optimismus gewichen - manches Dilemma bleibt aber.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Vor einer Woche erschien in der Schweizer Zeitung Blick ein Artikel, der beunruhigende Assoziationen weckte. Er handelte von "Mutationen im Verwaltungsrat der FCB Holding AG". Glücklicherweise waren damit aber keine genetischen, sondern lediglich personelle Veränderungen gemeint. Unter anderem enthielt der Bericht die Information, dass Christian Gross, 67, aus dem einen Gremium des FC Basel in ein anderes Gremium des FC Basel wechseln werde.

Knapp 600 Kilometer nördlich, am Sitz des FC Schalke 04, dürfte von der Rochade in Basel kaum jemand etwas mitbekommen haben. Was vielleicht auch besser so ist: Die Kenntnis des Vorgangs hätte möglicherweise traumatische Erfahrungen wachgerufen. Das 63 Tage währende Engagement von Christian Gross als Cheftrainer des Gelsenkirchener Bundesligisten markiert eine besonders quälende Periode in der an bedrückenden Kapiteln reichen Abstiegschronik. Die Zusammenarbeit zwischen dem aus dem Ruhestand bestellten Trainer aus der Schweiz und dem innerlich zerrütteten Großverein habe "Züge von Verzweiflung getragen", fasste es die Neue Zürcher Zeitung Anfang 2021 treffend zusammen. Als Gross Ende Februar die Kommando-Gewalt entzogen wurde, herrschte Agonie - und die letzte Chance auf den Klassenverbleib war verspielt.

Nicht wenige der traditionell mit Vorliebe pessimistischen Schalke-Freunde hielten ihren Verein für verloren und prophezeiten nahende Derbys mit Rot-Weiss Essen und Rot-Weiß Oberhausen in der Regionalliga West - oder gleich den Gang zum Konkursrichter. Und das waren keine abwegigen Visionen. Die Kombination aus Abstieg, Substanzverlust, Führungskämpfen, Corona-Krise und Schulden, die sich bis zur Decke des Blauen Salons türmten, bildete auf Schalke eine Perspektive des Untergangs.

2. Bundesliga: "Ich würde mir ungern drei Jahre Zeit lassen": Schalkes Sportchef Rouven Schröder hofft auf die schnelle Rückkehr in die Bundesliga.

"Ich würde mir ungern drei Jahre Zeit lassen": Schalkes Sportchef Rouven Schröder hofft auf die schnelle Rückkehr in die Bundesliga.

(Foto: Maik Hölter/Team 2/Imago)

Ein halbes Jahr später sitzt Schalkes Sportchef Rouven Schröder, 46, in einer Kaffeeküche der Geschäftsstelle und erzählt entspannt aus dem neuen Leben des Vereins, der offensichtlich doch nicht verschieden, sondern im Gegenteil bemerkenswert munter ist. Das Volk blieb seinem Verein auch im Desaster treu: Mit durchschnittlich 31 402 Zuschauern ist Schalke nah dran am pandemiebeschränkten Auslastungs-Optimum, die erwarteten Dauerkarten-Kündigungen blieben aus, und auch die Mitglieder liefen nicht vor der Schande der zweiten Liga davon. Stattdessen kamen in Scharen neue Schalker Staatsbürger hinzu, allein 1013 Neugeborene wurden im laufenden Jahr angemeldet. Hinter dem FC Bayern und Benfica Lissabon ist Schalke weltweit die Nummer drei der mitgliederstärksten Klubs.

"Sich mit den Besten der Welt zu messen" - das war der Selbstanspruch des Klubs

Einige Probleme, Schulden bis zur Decke des Blauen Salons, sind immer noch die alten Probleme. Der Klub müsse noch "ganz viele kleine Schritte zur Erreichung der wirtschaftlichen Stabilität gehen", sagt Finanzvorstand Christina Rühl-Hamers. Dass zur Gesundung auch die Mitarbeiter durch einen Gehaltsverzicht beitragen sollen, ist dem Betriebsklima, so ist zu hören, nicht förderlich. Andererseits erklärt Manager Schröder den Verein für hinreichend "handlungsfähig", um in der Winterpause auf den Transfermarkt zu ziehen und von Tabellenplatz vier der zweiten Liga aus sportlich in die Offensive zu gehen.

Zwar verlangt die Klubführung von Schröder und seiner Abteilung nicht den direkten Wiederaufstieg, "innerhalb von drei Jahren" sei das auch okay, meint Rühl-Hamers, Schröder aber sucht die Herausforderung: "Ich würde mir ungern drei Jahre Zeit lassen." Der Wettbewerb um die ersten drei Plätze sei offen für das halbe Starterfeld, Punktetipps und Kalkulationen erübrigen sich allerdings im launischen Lotteriebetrieb der zweiten Liga, das hat schon Rudi Assauer gewusst: "Wer vorher rechnet, muss zweimal rechnen", pflegte der verstorbene Oberschalker zu sagen.

Mit Schalke 04 ist der aus dem Sauerland stammende Schröder seit Kindertagen bekannt, Besuche im seligen Parkstadion gehören zu seinen Jugenderinnerungen. In seiner Profi-Karriere, die ihn unterem anderem zum MSV Duisburg und VfL Bochum führte, habe es zwar "nicht zum Eurofighter gereicht", sagt er, "aber zum Fighter". Aus diesem Bewusstsein hat er sich im Sommer in die Arbeit gestürzt. Die alte, unbezahlbare Mannschaft hat er nahezu komplett abgewickelt, mit Verkäufen, Vermietungen, Schenkungen, Abfindungszahlungen und vielen guten Worten. Die neue Mannschaft hat er überall in Europa eingesammelt, oft per Leasing-Prinzip.

Nun hat Schalke zwar wieder Publikumslieblinge wie Thomas Ouwejan, Ko Itakura, Rodrigo Zalazar und Darko Churlinov, aber auch ein Dilemma. Kaum hat der Fan die Spieler ins Herz geschlossen, drohen sie auch wieder verloren zu gehen. Den 22-jährigen Kampftechniker Zalazar etwa könnte Eintracht Frankfurt ab 2023 wieder in Besitz nehmen, so haben sie es vertraglich diktiert. Das zeugt vom Statusverlust der stolzen Königsblauen, aber das ist die Buße für die Misswirtschaft im 21. Jahrhundert.

Rouven Schröder sagt, für ihn habe es immer so ausgesehen, als ob Schalke "euphorisch und selbstbewusst" dem Drang gefolgt sei, "sich mit den Besten der Welt messen zu wollen". Nun muss er in seiner Rolle als sportlicher Sanierer den Preis dafür bezahlen, doch bisher hat ihn noch keiner klagen hören. Es sei schon möglich, dass im Sommer der holländische Linksaußen Ouwejan oder der japanische Verteidiger Itakura wieder gehen müssten, weil der Klub sie nicht bezahlen kann oder weiterverkaufen muss, meint Schröder. Aber sie hinterließen dann immerhin eine gute Botschaft: "Neue Spieler auf Schalke werden besser statt schlechter". Ein Jahr nach der Ankunft des bedauernswerten Christian Gross dürfen die Schalker Fans wieder über ihren Klub nachdenken - und trotzdem frohe Weihnachten feiern.

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