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Vertrag von Thiago:Bayern und dann nix mehr

Trainingslager FC Bayern München in Doha

Für Hansi Flick (li.) ist Thiago von zentraler Bedeutung.

(Foto: dpa)

Thiago steht vor einer Vertragsverlängerung in München. Trainer Flick sieht ihn als zentralen Spieler seiner zukünftigen Mannschaft - als Artist, der auch schuften kann.

Von Christof Kneer

Manchmal muss einfach ein bisschen Zeit vergehen, um ein Geheimnis verraten zu können. Heute könne man das ja offen sagen, sagte Ilkay Gündogan also im vergangenen Herbst in einem SZ-Gespräch, natürlich habe er mal Gespräche mit dem FC Bayern geführt; man sei aber "aus unterschiedlichen Gründen" nicht zusammengekommen. Die "unterschiedlichen Gründe" sind im Profifußball das, was im Rockgeschäft die "musikalischen Differenzen" sind, es sind Codes, die jeder lesen kann. Musikalische Differenzen heißt, dass die Bandmitglieder sich wegen Kohle und Frauen die Gitarren um die Ohren hauen, die unterschiedlichen Gründe gehen meistens nur in Richtung Kohle. Damals war es offenbar so, dass die Bayern Gündogan weniger anboten als vom Spieler erhofft; jedenfalls konnte der Spieler daraus nicht jene heilige Wertschätzung entnehmen, die ihm der damals zuständige Trainer Guardiola entgegenbrachte. Gündogan ging nicht zum FC Bayern, Guardiolas Traum war damit geplatzt: Er hatte das stilbildende Barcelona-Duo Xavi/Iniesta in München nachbauen wollen. Gündogan sollte Xavi sein, Thiago war Iniesta.

Guardiola hat Gündogan (also Xavi) später nach Manchester geholt, dem FC Bayern blieb sein Iniesta, und so wie es aussieht, wird den Münchner ihr Iniesta noch eine Weile erhalten bleiben. Spieler und Verein haben sich offenbar auf eine Verlängerung des bis 2021 datierten Vertrages geeinigt, in Kürze soll Thiago die Unterschrift dazu liefern. Zu erwarten ist eine Laufzeit bis 2023, und man mag es ja kaum glauben: Im Sommer 2023 wäre Thiago tatsächlich ein Jahrzehnt beim FC Bayern.

Thiago oder nix: Der berühmte Guardiola-Satz ist tatsächlich sieben Jahre her. Und Thiago Alcántara, 29, schreibt den Satz nun wohl auf seine Weise fort: Bayern und dann nix mehr. In der Zeitung La Vanguardia hat er zumindest angedeutet, dass Bayern der letzte Klub in seiner Laufbahn bleiben könnte. Es müssten ein paar Dinge zusammenkommen, sagte er zwar, "dass du das Niveau hast, dass der Verein nicht irgendwann einen Spieler für deinen Posten sucht, der 1,90 m groß ist ..." Aber, so sagte er auch: Der FC Bayern "wäre ein wundervoller Klub, um eine Karriere zu beenden".

Flick hat Thiago in einen neuen Zusammenhang gebracht

Dass der FC Bayern für Thiagos Posten einen Spieler sucht, der 1,90 m groß ist, das muss Thiago (1,74 m) nicht befürchten. Den etwas baufällig gewordenen Javier Martínez (1,92) haben die Münchner ja ohnehin schon im Kader, und selbst wenn sie den im Sommer in Ehren verabschieden sollten, haben sie keineswegs vor, sich bei der möglichen Nachfolgersuche an Martínez' Konfektionsgröße zu orientieren. Bayerns Trainer Hansi Flick (1,77 ) hat früher selbst im defensiven Mittelfeld gespielt, er hat ein gutes Gespür für diese Räume, und es war eine seiner ersten Amtshandlungen, diesen Räumen etwas Gutes zu tun.

Flick hat Thiago in einen neuen Zusammenhang gebracht, indem er Joshua Kimmich ins defensive Mittelfeld umziehen ließ. Thiago durfte eine halbe Position weiter nach vorne rutschen - mit der spielentscheidenden Nebenwirkung, dass er nicht mehr gegen sein Naturell die defensive Gesamtverantwortung tragen musste.

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