Bundesliga Die Augsburger Torwartfrage

Folgenreicher Patzer: FCA-Torwart Fabian Giefer lässt den Ball durch Arme und Beine entwischen.

(Foto: S. Puchner / dpa)
Von Sebastian Fischer

Das Leben als Torwart kann gemein sein, Manuel Baum weiß das. Der Trainer des FC Augsburg stand früher selbst im Tor und manchmal, er konnte nichts dafür, war das ein Risiko: Er ist nur 1,72 Meter groß. Wenn also zu Beginn des Jahrtausends in der Bayernliga die Bälle hoch in den Strafraum flogen, wurde es gefährlich für den FC Ismaning. Doch der damalige Trainer Willi Bierofka erinnert sich, dass die Verteidiger kopfballstark waren. Und Baum konnte springen.

Man sollte seine Vorgeschichte als Torwart kennen, um zu verstehen, in welch komplizierter Situation sich Baum, 39, in diesen Tagen befindet. Es waren die Bilder des vergangenen Wochenendes: Wie er mit der Fassung rang und mit Tränen kämpfte, als er über den grotesken Fehler seines Torwarts Fabian Giefer sprach, der zum 2:3 gegen Bremen geführt hatte - eine Woche, nachdem zwei Fehler Giefers maßgeblich zum 1:2 in Mainz beigetragen hatten. Der Mensch im Tor tue ihm leid, sagte Baum, aber die Leistung sei schlecht gewesen. "Dass es so nicht weitergehen kann, ist uns, glaube ich, allen bewusst."

Am Montag, einen Tag vor dem Spiel beim FC Bayern, wurde Baum in der Pressekonferenz gefragt, ob er nun den Torwart wechseln werde. Er verriet es nicht, er sagte nur: "Natürlich habe ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt."

Die Torwartfrage ist in Augsburg nicht erst in dieser Woche kompliziert. Der langjährige verlässliche Stammkeeper Marwin Hitz hatte den Klub im Sommer verlassen (um nun in Dortmund auf der Bank zu sitzen). Manager Stefan Reuter schloss überraschend schnell aus, Ersatz zu verpflichten und rief den Konkurrenzkampf aus zwischen Giefer, 28, den der FCA bereits im Sommer 2017 als potenziellen Nachfolger für Hitz verpflichtet hatte, und Andreas Luthe, 31, den seit 2016 im Team überaus geschätzten Ersatzmann.

Es war ein ausgeglichenes Duell, in dem Luthe leicht vorn zu liegen schien, seit er in der ersten DFB-Pokalrunde gegen den Viertligisten Steinbach stark spielte. Doch Baum entschied sich am Tag vor dem Bundesliga-Auftakt bei Fortuna Düsseldorf für Giefer, aus dem Bauch heraus, sagte er. Für Luthe hätte dessen Routine gesprochen, für Giefer sprach sein Talent. Doch die Sorge, dass er auf der großen Bühne womöglich verkrampfen könnte, war schon im Sommer latent vorhanden.

Giefer galt in der Jugend bei Bayer Leverkusen als nächster Bundesligatorwart. Als er 2011 als 21-Jähriger die Chance bekam, verschuldete er am ersten Spieltag ein Gegentor in Mainz, weil er an einem Rückpass vorbeitrat. Zudem verletzter er sich, zog sich eine Gehirnerschütterung zu - und wurde durch Bernd Leno ersetzt. Giefer spielte im Jahr darauf eine starke Erstligasaison mit Düsseldorf. Doch seit er ein weiteres Jahr später nach Schalke wechselte, war er kein Stammtorwart mehr. "Am Wochenende auf dem Platz zu stehen, das macht am meisten Spaß, das kannst du nicht ersetzen", sagte er vor dieser Saison. Den Druck, endlich ins Tor zurückzukehren, den mache er sich selbst.

Schon gegen Düsseldorf sah er nicht immer sicher aus, dem Gegentor beim 2:1-Sieg ging ein ungenauer Pass von ihm voraus. Gegen Mainz sprang er nach zwei Flanken am Ball vorbei, für die er sein Tor nicht hätte verlassen müssen. Gegen Bremen rollte ihm der Ball nach einer harmlosen Hereingabe durch Arme und Beine. Giefer habe ihm Dankbarkeit entgegengebracht, berichtete Baum am Montag aus einem Telefonat, Dankbarkeit für die Solidarität in der Kabine. Doch genießt er weiterhin das Vertrauen seines Trainers?

Der dritte Torwart spielt in München definitiv nicht

Es macht die Situation noch komplizierter, dass Luthe zuletzt verletzt war, die Patellasehne schmerzte. Am Sonntag absolvierte er eine Einheit mit dem Torwarttrainer, am Montag sollte er mit der Mannschaft trainieren. "Es ist nicht schlechter geworden", sagte Baum, und dass er abwarten wolle, wie sich Luthe nach dem Training fühle. Baum legte sich nur darauf fest, dass auf keinen Fall der dritte Torwart Benjamin Leneis, 19, debütieren werde, "definitv nicht". Es sei nun mal wünschenswert, dass eine Karriere mit einer gewissen Aussicht auf ein Erfolgserlebnis beginne, also nicht gleich beim deutschen Meister.

Baum, im Sommer erneut für zwei Jahre von seinem Hauptberuf als Lehrer für den Trainerjob beurlaubt, hat sich in seiner dritten Bundesligasaison vom anfangs unterschätzten Theoretiker zum geschätzten Taktiker entwickelt, in Augsburg loben sie seine Kreativität und seinen lösungsorientierten Umgang mit den Spielern. Das Gefühl am Samstag, irgendwo zwischen Wut, Mitleid und Verzweiflung, sei neu für ihn gewesen, sagte Baum am Montag.

Vor einer derartigen Personalentscheidung stand er wohl auch noch nie. Und an ähnliche Fehler Baums als Torwart in der Bayernliga kann sich zumindest sein alter Trainer nicht er innern. "Er war unumstritten", sagt Willi Bierofka.

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