FC Arsenal:Die Gunners schießen mit Platzpatronen

FC Arsenal: Kai Havertz versuchte sich gegen Liverpool wieder einmal als Stürmer beim FC Arsenal - ohne Erfolg.

Kai Havertz versuchte sich gegen Liverpool wieder einmal als Stürmer beim FC Arsenal - ohne Erfolg.

(Foto: MATTHEW CHILDS/Action Images via Reuters)

Die Londoner verabschieden sich aus dem FA Cup, weil sie bei all ihren Chancen das Tor nicht treffen. Dem Team fehlt trotz horrender Transferausgaben ein starker Neuner. Die Kaderlücke ist schon lange bekannt - und schwierig zu schließen.

Von Sven Haist, London

Schon in der ersten Halbzeit des FA-Cup-Spiels gegen den FC Liverpool stand für den Fußballexperten Ian Wright fest, worin das Problem des FC Arsenal in diesem Match und womöglich auch in der bisherigen Saison liege. Der frühere Torjäger der Londoner postete ein Selfie aus dem Stadion und schrieb dazu: "Wir benötigen einen Killer." Ein solch scharfes Urteil in Sachen Offensive steht bei Arsenal fast niemandem zu - außer eben Wright, der für den Verein zwischen 1991 und 1998 sagenhafte 185 Tore in 288 Pflichtspielen erzielt hatte. Nur sein direkter Nachfolger, der Ausnahmeangreifer Thierry Henry, schaffte noch mehr Treffer. Auf der Klubseite heißt es über Wright, er habe "immer einen Weg gefunden", ein Tor zu schießen. Und in gewisser Weise hat er auch am Sonntagabend getroffen, diesmal von der Ehrentribüne aus - mit seiner zielsicheren Einschätzung zur gegenwärtigen Sturmflaute des Klubs.

Durch das Pokal-Aus gegen Liverpool, mit einem kargen 0:2 (0:0), hat Arsenal nur eins der vergangenen sieben Pflichtspiele gewonnen - und dabei gerade mal fünf Tore erzielt. Letztere Statistik drückt fast noch mehr auf das Gemüt, weil sie maßgeblich für die erstere verantwortlich zu sein scheint. Im Duell mit Liverpool erspielte sich Arsenal zum Beispiel satte 18 Torschüsse, bei den beiden vorherigen Liga-Niederlagen gegen Fulham und West Ham 13 und 30. Insgesamt resultierte daraus lediglich ein Tor, und bei diesem wurde Arsenals Bukayo Saka quasi angeschossen.

Die Zeitung Daily Telegraph amüsierte sich, dass die Gunners, die Kanoniere, gerade Platzpatronen abfeuern würden. Also Schüsse, die der Simulation dienen, weil sie beim Auslösen kein Projektil freisetzen. Dazu listete das Blatt alle Arsenal-Gelegenheiten gegen Liverpool auf, darunter die kaum auszulassende Dreifachchance aus der elften Spielminute, als innerhalb von wenigen Sekunden die Versuche von Reiss Nelson und Saka jeweils abgeblockt wurden und Martin Ödegaard an die Latte schoss. Die Telegraph-Analyse: In neun von zehn Fällen hätte der Ball drin sein müssen.

Das wiederkehrende Auslassen von Großchancen sei vermutlich eine mentale Sache, mutmaßte Arsenal-Trainer Mikel Arteta. Aus seiner Sicht benötigen die Spieler einen Neustart. Für viele Fans, besonders Edelanhänger Wright, ist die Ladehemmung nicht sonderlich verwunderlich. Schließlich spiele die Mannschaft oft ohne echten Stürmer, so die kaum von der Hand zu weisende Argumentation. Seit Sommer 2021 blätterte Arsenal realitätsfern anmutende 600 Millionen Euro an Ablösen für neue Spieler auf dem Transfermarkt hin. Aber nur ein kleiner Betrag davon, rund 50 Millionen, wurde für einen Torjäger ausgegeben: Vor anderthalb Jahren kam Gabriel Jesus für diese Summe vom Serienmeister Manchester City. Dort war der heute 26-Jährige überwiegend Stellvertreter des Altmeisters Sergio Agüero gewesen.

Auch bei Arsenal hat sich Jesus nicht dauerhaft etablieren können. 18 Tore in 54 Pflichtspielen stehen bisher auf seinem Konto, davon entfallen nur drei auf die laufende Premier-League-Runde. Immer wieder laboriert der Brasilianer an Kniebeschwerden, zwei Mal musste er seit Dezember 2022 deshalb operiert werden. Auch aktuell fällt er wieder aus. Arteta sagte nach dem Liverpool-Spiel, der Scan habe "etwas" bei Jesus angezeigt, sodass er nichts habe riskieren wollen.

Kai Havertz muss erneut aushelfen bei Arsenal

Anstelle von Jesus übernahm der deutsche Nationalspieler Kai Havertz die Position des Neuners, zum zweiten Mal in dieser Spielzeit. Die gleiche Rolle wurde ihm schon zum Saisonauftakt im Supercup gegen City zugetragen - und auch das Resultat war dasselbe. Havertz erbrachte zwar erneut den Beweis, zu den spielintelligentesten Offensivprofis der Premier League zu gehören. Er verknüpfte mit seinen Pässen die einzelnen Arsenal-Spieler miteinander, koordinierte das Pressing und kam selbst mehrmals aussichtsreich zum Abschluss. Aber ein Treffer wollte auch ihm erneut nicht gelingen.

Die Zeitung Guardian kommentierte angesichts der fast chronischen Torungefährlichkeit Arsenals, es sei zum Klischee geworden, dass der Verein dringend einen neuen Stürmer benötige. Mehrere mögliche Torjägernamen wie Brentfords Ivan Toney und Neapels Victor Osimhen kursieren bereits durch Nord-London. Arteta äußerte sich dazu skeptisch, er sagt, ein solcher Transfer in diesem Winter sei "nicht realistisch". Dies dürfte zum einen daran liegen, dass kein ambitionierter Klub seinen Top-Angreifer zur Saisonmitte abgeben möchte. Und zum anderen stellt sich die Frage, ob Arsenal nach den zuletzt aufgelaufenen Kosten einen Spieler dieser Kategorie überhaupt finanzieren könnte - ohne in Bedrängnis mit den Finanzbestimmungen der Regelhüter zu geraten.

Allerdings scheint Untätigkeit auch keine Lösung zu sein. Dafür wirkt das Bedürfnis nach einem Stürmer zu akut. Denn Arsenal droht in der derzeitigen Verfassung, dass nicht nur einzelne Spiele, sondern sogar die gesamte Saison zu einer verpassten Chance wird. Trotz der Schwächen der Konkurrenz an der Tabellenspitze ist Arsenal in der Meisterschaft nur noch Vierter, fünf Punkte hinter Spitzenreiter Liverpool. Sofern der Klub kurzfristig keinen Mittelstürmer mehr auftreiben sollte, bliebe als Alternative noch Ian Wright. Nach seinem Post wurde der Oldie von zahlreichen Fans aufgefordert, sich nochmals die Fußballschuhe anzuziehen und auf dem Platz auszuhelfen.

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